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Die Zukunft? Ein 24-Stunden-Shop. bild: unsplash

Bald kommt das 24-Stunden-Shopping – doch davon sind nicht alle begeistert

Neue Studie: Geht es nach Migros, Valora und Co. gehört 24-Stunden-Geschäften die Zukunft – doch es gibt Hindernisse.

Benjamin Weinmann / ch media



US-Sänger Bill Haley forderte 1954 in seinem Song: Rock around the clock! Müssten die Schweizer Detailhändler heute zu einem Lied anstimmen, sie sängen wohl «Shop around the clock!» Denn das Shopping rund um die Uhr gilt bei den Betreibern von Bahnhof- und Tankstellenshops als grösster Wachstumsmotor in den kommenden Jahren. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Beratungsunternehmens Fuhrer&Hotz.

Die Resultate, die kommende Woche einem Fachpublikum vorgestellt werden, liegen dieser Zeitung bereits vor. Rund 100 ranghohe Marktvertreter wurden dabei gefragt, welche Geschäftsformate in den nächsten zwei Jahren umsatzmässig am stärksten zulegen werden.

Am meisten Stimmen erhielten die 24-Stunden-Shops. Dahinter folgen die Bahnhofgeschäfte, Take-away-Filialen und Tankstellenshops – also jene Formate, die schon in den vergangenen Jahren überdurchschnittlich stark wuchsen. 2018 setzten die Convenience-Shops laut dem Marktforscher GFK 9 Milliarden Franken um.

Erste Gehversuche in Zürich

Nonstop-Öffnungszeiten bedeuten aus rechtlicher Sicht, dass die meisten Geschäfte nachts ohne Personal auskommen müssten. Tatsächlich haben bereits erste Gehversuche in Anlehnung an die «Amazon Go»-Shops in den USA stattgefunden. Die Kioskbetreiberin Valora stellte im April einige Wochen lang eine «Avec Box» in den Zürcher Hauptbahnhof, die ständig offen war – zumindest für Kunden mit einer Avec-App.

Valora erhält von SBB Zuschlag für 262 Kiosk-Standorte. (Archiv)

Die «Avec Box» im Zürcher Hauptbahnhof. Bild: KEYSTONE

Mit dieser erhielten sie Zutritt in die unbemannte Filiale. Mit der App scannten die Kunden ihre Sandwiches und Getränke gleich selbst. Die Bezahlung wurde über die hinterlegte Kreditkarte abgewickelt. Am Bahnhof Wetzikon ZH soll bald ein erster fixer Standort entstehen. Noch läuft laut einem Valora-Sprecher aber das Baugenehmigungsverfahren.

Vergangene Woche gab die Migros-Tochter Migrolino bekannt, an einer 24 Stunden lang geöffneten Self-Service-Filiale im Mini-Format zu tüfteln. Ein Startdatum will Migrolino-Chef Markus Laenzlinger noch nicht nennen. «Die Technik muss für die Kunden so einfach wie möglich sein, sonst haben solche Konzepte keine Chance.»

Zwar seien gewisse Kunden diesen neuartigen Formaten gegenüber kritisch eingestellt, so wie auch schon bei der Einführung des Bancomats, des Selbsttankens oder der SBB-Ticketautomaten, sagt Laenzlinger. «Die jüngere Generation hat weniger Berührungsängste.» Es sei nicht das Ziel, das Arbeitsgesetz zu umgehen oder Stellen abzubauen.

Vielmehr gehe es darum, ein Bedürfnis der Kundschaft zu befriedigen, auch ausserhalb der heutigen Öffnungszeiten einkaufen zu können. Zudem sei das Potenzial auf pendlerstarke Standorte in grösseren Städten beschränkt, insbesondere in Bahnhofnähe. «Es wird nicht auf jedem Feld und in jedem Tal ein 24-Stunden-Shop stehen. Das würde sich nicht rechnen.»

In Asien sei dies anders. «Dort gibt es zahlreiche 24-Stunden Shops, die für viele Menschen quasi der outgesourcte Kühlschrank sind. Denn viele haben in ihren kleinen Wohnungen gar keine Küche», sagt Laenzlinger.

Kommt hinzu, dass in Asien der Datenschutz deutlich lascher gehandhabt wird und sich die techaffinen Kunden nicht daran stören, dass sie über ihr Handy von den Shops auf Schritt und Tritt verfolgt werden.

Während Migros und Valora ihre Karten ansatzweise offenlegen, sagen Coop, Volg und Spar, dass man aktuell keine derartigen Pläne hege, die Entwicklung aber genau verfolge. Marco Fuhrer vom Beratungsunternehmen Fuhrer&Hotz schätzt, dass in den nächsten fünf Jahren 100 Standorte möglich sind für 24-Stunden-Shops.

Die Salat- und Fruechtetheke fuer den Take-Away im COOP Pronto Tankstellenshop in Zuerich-Seebach, aufgenommen am 12. Oktober 2007. Eine Angestellte nimmt aus einer Kiste Flaschen und fuellt die Regale auf. (KEYSTONE/Martin Ruetschi)

The salad and fruits bar for take-away in the COOP Pronto gas station shop in Zurich-Seebach, Switzerland, pictured on October 12, 2007. An employee takes bottles out of a box and restocks the beverages shelves. (KEYSTONE/Martin Ruetschi)

24 Stunden lang einkaufen: In den nächsten fünf Jahren soll dies an 100 Standorten in der Schweiz gemäss Schätzungen möglich sein. Bild: KEYSTONE

Die Gewerkschaft Unia steht einem solchen Ausbau kritisch gegenüber: «Wir befürchten den Verlust von noch mehr Arbeitsplätzen im Detailhandel, prekäre Arbeitsbedingungen sowie flexiblere und fragmentierte Arbeitszeiten. Ein paar Stunden am Morgen, ein paar Stunden am Abend, das alles in tiefen Pensen», sagt eine Sprecherin. Das sei stressig für das Personal und reiche nicht zum Leben.

GAV gilt nicht für alle

Für die Tankstellenshops hat die Unia 2015 einen Gesamtarbeitsvertrag (GAV) mit der Branche ausgehandelt, der 13 000 Angestellte einschliesst. Er garantiert Mindestlöhne, einen 13. Monatslohn und Lohnzuschläge für Sonntagsarbeit. Für das Tessin gilt der GAV allerdings nicht, was die Unia ändern möchte. Zudem stört sich die Gewerkschaft daran, dass Coop-Pronto- oder Migrolino-Filialen, die nicht zu Tankstellen gehören, dem GAV nicht unterliegen, obwohl beide Konzerne einen eigenen GAV haben.

Das Arbeitsgesetz regelt die Arbeits- und Ruhezeiten, nicht aber die Ladenöffnungszeiten. Nachtarbeit ist verboten, ausser sie ist unentbehrlich. Sonntags und nachts dürfen nur jene Tankstellenshops Angestellte beschäftigen, die auf Autobahnraststätten und an grossen Verkehrsachsen liegen. Das Angebot muss auf Reisende ausgerichtet sein. Heute gibt es nur eine Handvoll Shops, die von der 24-Stunden-Regel Gebrauch machen. «Mit ein Grund sind die hohen Personalkosten», sagt ein Branchenvertreter.

Das könnte sich in Zukunft ändern. (bzbasel.ch)

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