Schweiz
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Hungersnot 1816

Der Hunger war so gross, dass die Menschen Gras assen.  Bild: Toggenburger Museum, Lichtensteig

Als die Appenzeller mit dem Vieh grasten: Die Hungersnot im «Jahr ohne Sommer» traf die Ostschweiz am schlimmsten



Die Eruption war so gewaltig, dass die obersten 1500 Meter des Berggipfels einfach weggesprengt wurden. Der Ausbruch des Vulkans Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa am 10. April 1815 war möglicherweise der stärkste der letzten 7000 Jahre. 

Die Folgen waren verheerend: Riesige Mengen Asche und Gase wurden in die Atmosphäre geschleudert; weltweit kühlte das Klima ab. Das darauffolgende «Jahr ohne Sommer» brachte Hunger und Verarmung – auch in der Schweiz. An der Not war indes nicht nur das Wetter, sondern auch die Politik Schuld, betonten Historiker diese Woche an einer Konferenz in Bern.

«Das Regenwetter hält an. Es kann nichts wachsen, es ist immer zu kalt.»

Ein Zeitgenosse aus dem Elsass

Schnee bis in tiefe Lagen

Der Schweiz bescherte der «vulkanische Winter» im Jahr 1816 um 80 Prozent höhere Niederschläge und um 2 bis 4 Grad kühlere Temperaturen als gewöhnlich. Dies erklärt Renate Auchmann vom Oeschger-Zentrum für Klimaforschung der Universität Bern auf Anfrage.

Bild

Die Karte Europas zeigt die Temperaturabweichung im Jahr 1816.  Bild: Wikipedia

«Das Regenwetter hält an. Es kann nichts wachsen, es ist immer zu kalt», schrieb ein Elsässer Zeitgenosse im Juli 1816. In diesem Monat schneite es mehrfach bis in tiefe Lagen, die Gletscher rückten bis zu 15 Meter pro Jahr vor, und Missernten und Hungersnöte suchten Mitteleuropa und Nordamerika heim.

Am schlimmsten habe es die Ostschweiz getroffen, berichtet der Historiker Daniel Krämer von der Universität Bern anlässlich der Konferenz «Vulkane, Klima und Gesellschaft». Vom 7. bis 10. April diskutieren Klimaforscher und Historiker in Bern zum 200. Jahrestag des Vulkanausbruchs die Auswirkungen der Katastrophe.

«Wurde die Armut bislang dem liederlichen Lebenswandel der Betroffenen zugeschrieben, glitten während der Krise immer mehr Personen unverschuldet und trotz Arbeit in die Bedürftigkeit ab.»

Daniel Krämer, historiker uni bern

Sterben in Appenzell

Viele Ostschweizer Bauern hatten vom Landbau auf die Textilproduktion umgestellt und waren von Weizenimporten aus Süddeutschland abhängig. Diese wurden aus Angst vor Unruhen gestoppt. «Menschen grasten nun mit dem Vieh», schrieb 1817 der Geistliche Ruprecht Zollikofer über die Bewohner von Appenzell Ausserrhoden. Im Innerrhoden starben laut einem Amtskollegen in jenem Jahr rund 10 Prozent der Bevölkerung.

Am Hunger war das Klima indes nicht allein Schuld, urteilt Krämer: Die Hungerkrise nach dem «Jahr ohne Sommer» sei eine Konsequenz von Klimastress, strukturellen Gründen, Armut und politischem Versagen. «Die Politik reagierte sehr unterschiedlich auf die Hungerkrise», sagte Krämer auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA.

Supervulkane

In der Westschweiz kauften die Kantone Getreide im Ausland ein, um es verbilligt abgeben zu können. Ausserdem griffen sie stärker in den Markt ein als die Kantone in der Ostschweiz. Genf etwa reduzierte im Dezember 1816 die Getreidepreise und erhöhte sie bis zur Ernte im Sommer 1817 nur schrittweise.

Aus diesem Grund stiegen die Preise von 1816 bis Sommer 1817 in Genf «nur» um 220 Prozent. In Rorschach stiegen sie im gleichen Zeitraum um stattliche 587 Prozent. Ein Grund war, dass die Kantone der Ostschweiz vergleichsweise junge und weniger finanzstarke Staatswesen waren. Auch der Strukturwandel in der Textilindustrie sei mit verantwortlich gewesen, sagt Krämer.

«Erdäpfelkrieg» in Genf

Bemerkenswert ist laut dem Historiker ausserdem, dass sich die Kantone gegenseitig sperrten und damit die Zirkulation von Getreide innerhalb der Eidgenossenschaft verhinderten – obwohl der Bundesvertrag von 1815 dies verbot. Trotzdem waren Hungerunruhen im Gegensatz zu anderen Ländern selten – den «Erdäpfelkrieg» in Genf ausgenommen. Er folgte auf Preisaufschläge auf Kartoffeln im Herbst 1817.

Was sich nachhaltig änderte, war die öffentliche Wahrnehmung von Hunger: «Wurde die Armut bislang dem liederlichen Lebenswandel der Betroffenen zugeschrieben, glitten während der Krise immer mehr Personen unverschuldet und trotz Arbeit in die Bedürftigkeit ab», erklärt Krämer.

Inspiration für «Frankenstein»

Die Ereigniskette von 1815 bis 1817 sei der bestdokumentierte Fall eines «Jahres ohne Sommer» und folgender Hungersnot, betont Christian Pfister, emeritierter Klimageschichtsprofessor der Uni Bern. Sie zeigt nicht nur die Auswirkungen der Witterung, sondern auch die Reaktionen der Menschen auf – vom Krisenmanagement bis zur Inspiration von Wissenschaftlern und Künstlern.

So schrieb Mary Shelley ihren Schauerroman «Frankenstein» im Sommer 1816 im verregneten Genf, und Maler wie William Turner oder John Constable hielten die grandiosen Abendstimmungen jener Zeit – die von vulkanischen Partikeln in der Atmosphäre herrührten – in intensiven Erdfarben, Ocker und Gelbtönen fest.

Chichester Canal, Gemälde von Joseph Mallord William Turner, ca. 1828

Ungewöhnliche Gelbtöne: «Chichester Canal circa 1828», Gemälde von William Turner.  Bild: Gemeinfrei

Lebensmittel-Krawalle heute

Auch heutzutage würde ein vergleichbarer Vulkanausbruch zu einem Preisanstieg der Grundnahrungsmittel führen, meint Krämer. Die Schweiz wäre wohl weniger stark betroffen als Schwellen- und Entwicklungsländer. 2008 führten Preiserhöhungen für Nahrungsmittel in zahlreichen Ländern zu Krawallen und Exportbeschränkungen für Lebensmittel.

Natürlich habe sich seit 1816 einiges geändert – etwa die Reichweite der Märkte und die Vorhersage von Klimafolgen, fügt Stefan Brönnimann vom Oeschger-Zentrum an. «Doch der Ausbruch des Tambora und seine Folgen zeigen, dass wir Erde und Gesellschaft als ganzes System betrachten müssen.» (dhr/sda)

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«Tambora – Der Vulkan der den Winter brachte» (Teil 1). Video: Youtube/TheNobody2012

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«Tambora – Der Vulkan der den Winter brachte» (Teil 2). Video: Youtube/TheNobody2012

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«Tambora – Der Vulkan der den Winter brachte» (Teil 3). Video: Youtube/TheNobody2012

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