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Vorwürfe gegen ETH-Stardozent – Gericht legt Journalisten Maulkorb an

Menschen laufen vor dem Hauptgebaeude der Eidgenoessischen Technischen Hochschule (ETH) am 22. August 2024 in Zuerich. (KEYSTONE/Gaetan Bally)
Zweieinhalb Jahre reagierte die ETH Zürich nicht adäquat auf Vorwürfe von mehreren Personen gegen einen Professor. Bild: keystone

Vorwürfe gegen ETH-Starprofessor – Gericht legt Journalisten Maulkorb an

Gegen einen Professor der ETH haben acht Personen Vorwürfe erhoben. Ein Gericht untersagte zwei Journalisten, Details zu dem Fall zu veröffentlichen. Alles, was du dazu wissen willst.
30.08.2024, 09:58
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Während zweieinhalb Jahren haben acht Personen Vorwürfe gegen einen renommierten ETH-Professor erhoben. Darunter sind auch Anschuldigungen um «Annäherungen, die für einen Vorgesetzen nicht adäquat seien», schreibt der «Tagesanzeiger» in einer grösseren Recherche dazu.

Der ETH-Professor ging gerichtlich gegen die Veröffentlichung von Details des Falles vor. In einem vorsorglichen Entscheid verbietet das Bezirksgericht Zürich den Journalisten, gewisse Vorwürfe näher zu beschreiben.

Die Ereignisse in der Übersicht.

Was ist passiert?

Während zweieinhalb Jahren haben mehrere Personen – zum Teils wiederholt – Vorwürfe gegen einen Professor der ETH Zürich erhoben. Zum Teil anonym, später auch mit vollem Namen. Sie alle wurden von der ETH nicht ernst genommen.

Die mutmasslichen Opfer sollen gemäss dem Bericht alle aus dem Umfeld des Professors stammen, sie arbeiteten forschten oder studierten unter ihm.

Bis 2023 war die ETH in Besitz von insgesamt acht Vorwürfen. Doch nichts passierte. Die Universität argumentierte gemäss der Zeitung, «die Betroffenen seien entweder gar nicht mehr an der ETH tätig oder das Ereignis sei zu lange her, die Frist für eine Meldung sei verstrichen.»

Just während dieser Zeit lief ein Berufungsverfahren, an dessen Ende der mit den Vorwürfen konfrontierte Forscher eine permanente Professur erhalten sollte.

Um welche konkrete Vorwürfe es geht, ist dem Bericht nicht zu entnehmen. Das Bezirksgericht Zürich hat in einem vorsorglichen Entscheid den zwei Journalisten verboten, über die Details zu berichten. Im Bericht heisst es:

«Manche Umstände, die zu den internen Konflikten führten, dürfen auf Geheiss des Gerichts hier nicht geschrieben werden. Die Redaktion setzt sich im Gerichtsverfahren für die Aufhebung des einstweiligen Verbots ein.»

Die Details des Falles bleiben wegen des gerichtlichen Entscheids wage. Ob sich der Professor unangebracht verhalten hat, ist bis zum Abschluss der Prüfung durch eine externe Anwaltskanzlei, die die ETH nach Konfrontation des «Tagesanzeigers» angestossen hat, noch offen.

Was sagen die Betroffenen?

Die meisten Betroffenen hätten die ETH mittlerweile verlassen, schreibt der Tagesanzeiger. Eine Person sagte der Zeitung, dass sie die Vorwürfe im Januar 2022 bei der ETH-Meldestelle platziert habe, aber nicht Ernst genommen wurde.

«Sie sagte zu mir, dass ich den Vorfall nicht melden solle, weil ich verlieren würde. Weiterhin führte sie an, dass eine Meldung der Vorfälle schlecht für meinen Ruf sei.»

Eine andere Person machte im März 2023 detaillierte Meldungen zu einem Vorfall. In dieser Meldung schreibt sie: «Es versteht sich von selbst, dass die daraus resultierende soziale Dynamik am Arbeitsplatz sich negativ auf meine psychische Gesundheit auswirkte.» Gemäss dem Bericht wurde aber auch diese Meldung von der ETH blockiert und ohne vertiefte Prüfung ad acta gelegt. Die ETH antwortete damals:

«Wir danken Ihnen, dass Sie sich zu Wort gemeldet haben, und versichern Ihnen, dass wir uns auf die bereitgestellten Informationen stützen werden, um uns weiter zu verbessern. Wenn psychologische Unterstützung nötig ist, wenden sie sich doch an den aktuellen Arbeitgeber.»

Weitere Meldungen von betroffenen Personen folgten im Sommer 2023. Alle wurden nicht vertieft untersucht.

Eine Betroffene schreibt in der letzten Meldung an die Hochschule, dass sie von der Universität enttäuscht ist. Sie habe sich «für eine Stelle ausserhalb der ETH entschieden, da ihr das Vertrauen in den universitären Betrieb genommen wurde:

«Ich empfand die Interaktion mit der ETH Zürich als sehr niederschmetternd und frustrierend. Ich fühlte mich komplett alleingelassen.»

Was sagt die ETH?

Die ETH nimmt im Bericht ausführlich Stellung. Am 5. August, als die Journalisten die Hochschule ein erstes Mal mit den Vorwürfen gegen den Professor konfrontierten, heisst es:

«Die ETH Zürich ist über die Anschuldigungen schockiert. Wir haben umgehend eine Anwaltskanzlei mit einer externen Untersuchung beauftragt – um uns ein eigenes Bild zu machen und alle Stellen anzuhören.»
Dr. Julia Dannath-Schuh, ETH Zürich.
ETH-Vizepräsidentin Julia Dannath-Schuh.Screenshot ethz.ch

Die ETH-Vizepräsidentin, Dr. Julia Dannath-Schuh, gesteht im Gespräch mit dem Tagesanzeiger Fehler ein:

«Wenn ich das heute anschaue, greife ich mir an den Kopf und denke: Wie konnte mir das passieren? Ich bin im Frühling über eine Meldung informiert worden, und da ist der Fehler passiert. Basierend auf der juristischen Einschätzung habe ich damals gedacht, dass dies kein Fall ist, den wir weiterverfolgen können und sollten. Juristisch war das wohl korrekt, aber führungsmässig war es der falsche Schluss. Wir müssen eine Kultur hinbekommen, in der wir das Richtige tun. Dabei dürfen wir uns nicht nur davon leiten lassen, ob ein Ereignis lange her ist oder sich eine meldende Person beispielsweise nicht mehr an der ETH befindet. Die ETH ist eine Organisation, die einen hohen moralischen und ethischen Anspruch hat. Als eidgenössische Hochschule haben wir auch eine Vorbildrolle und müssen unsere Werte nach aussen vertreten. Dazu gehört auch, dass wir immer alles sorgfältig abklären und schauen, was dabei herauskommt.»

Gemäss dem Bericht hat Dannath mittlerweile mit Betroffenen des Falles gesprochen. Sie sei schockiert, wie nahe es den Personen immer noch gehe. Solch eine Fehlentscheidung werde ihr nicht mehr passieren:

«Dieser Fall ist für mich eine Art Impfung. Mein System wird künftig schneller anspringen. Ich glaube, dass wir auch aus diesem Fall sehr viel lernen.»

Auch hätte sich das Meldewesen an der ETH Zürich in letzter Zeit verbessert, Diskriminierungen, Mobbing und sexuelle Belästigung werden von einer externen Meldestelle unabhängig geprüft, sagt Dannath:

«Das Reglement ist heute anders, die Kultur ist anders. Ich glaube auch, dass das Verständnis anders ist. Bisher hat man sich hohe Hürden auferlegt mit der Vertraulichkeit, der Anonymisierung und anderem. Da haben wir uns zum Teil selber schachmatt gesetzt.»

Was sagt der Professor?

Der Professor, dessen Identität nicht bekannt ist, bestreitet jegliche erhobene Vorwürfe. Auf Anfrage des «Tagesanzeigers» sagt er:

«Alles ist konstruiert oder verdreht und falsch dargestellt.»

(ome)

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Die ERMETH an der ETH Zürich
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Die ERMETH an der ETH Zürich
Die ERMETH stand im Hauptgebäude der ETH und war in einem Raum des Instituts für Angewandte Mathematik untergebracht. An der Wand stehen die Schränke mit den Röhren. Diese liefern die Rechenpower. Das Schaltpult steht in der Mitte. Noch fehlt der Trommelspeicher. (bild: museum für kommunikation, bern)
quelle: museum für kommunikation, bern
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53 Kommentare
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NomNomNom
30.08.2024 10:33registriert Juli 2021
Jahrelang selber als Doktorand und Postdoc an verschiedenen Unis gearbeitet. Der Lohn ist schlecht und die Arbeitsbedingungen (Stunden, Druck, Arbeitssicherheit) oft fragwürdig. Die Professoren sind meist "unantastbar". Als junger Forscher wird einem gesagt, da muss man durch... "suck it up".
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Dombru
30.08.2024 10:26registriert September 2019
Schockierende Neuigkeiten und für mich schwierig nachzuvollziehen, wieso die ETH nicht früher selbst aktiv wurde.
Ausserdem, wieso kann das Gericht die Berichterstattung einschränken? Was gibt es da für Voraussetzungen?
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LiMa1234
30.08.2024 12:36registriert Oktober 2020
Kenne den Fall natürlich nicht. Aber Ich kenne e.g. einige Professoren an der ETH die die Namen ihrer vielen Doktoranden nicht kennen. Harmloses Beispiel aber sagt glaub einiges über das Verhältnis von Professoren zu ihrem Team. Oder Professoren die ihren Doktoranden 30min (!) Zeit pro Semester geben. Das System ist schon ziemlich schräg. Der Fall erstaunt mich also nicht.
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