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Zürich

RS-Viren-Welle überflutet Kinderspitäler – Verlegungen im ganzen Land

Neugeborene sind besonders anfällig auf Komplikationen, wenn sie sich mit dem RS-Virus infizieren. Mache müssen bis zu zehn Tage ins Spital.
Neugeborene sind besonders anfällig auf Komplikationen, wenn sie sich mit dem RS-Virus infizieren. Mache müssen bis zu zehn Tage ins Spital.Bild: Shutterstock

RS-Viren-Welle überflutet Kinderspitäler – Verlegungen im ganzen Land

Überall sind die Spitäler voll mit kleinen Patienten. Doch die sogenannten Respiratorischen Synzytial-Viren sind nicht der einzige Grund für den Notstand: Es mangelt auch hier an Pflegepersonal und ein Sprecher des Inselspitals sagt: «Eine kostendeckende medizinische Versorgung ist in dieser Altersgruppe nicht möglich.»
17.11.2022, 09:53
Sabine Kuster / ch media
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Dreissig Betten belegt und darin Babys und Kinder unter fünf Jahren, die alle Mühe beim Atmen haben: So sieht es aktuell im Kinderspital in Zürich aus. Christoph Berger, Abteilungsleiter Infektiologie am Kispi, sagt:

«Diese Welle mit RS-Viren ist heftig – heftiger als solche vor der Pandemie. Und wir wissen nicht, ob der Peak schon erreicht ist.»

Das Respiratorische Synzytial-Virus, kurz RSV, sorgt immer wieder für schwere Krankheitsverläufe, vor allem unter Säuglingen: Weil bei ihnen die Gefässe in den Lungen noch eng sind, kommt es schneller zu Atemnot und dann müssen sie oft auch künstlich ernährt werden. Bei Kleinkindern kann das Virus Bronchitis verursachen, während es für Erwachsene in der Regel harmlos ist.

Am Unispital in Genf, dem HUG, stellte man sogar eine Zunahme an schweren RSV-Fällen mit Bronchitis fest, ohne eine Erklärung dafür zu haben. Christoph Berger findet es hingegen schwierig zu sagen, ob das generell der Fall ist. Er geht davon aus, dass sich die Krankheitsfälle bald wieder normalisieren werden.

Ein Rückkopplungseffekt aus der Pandemie

Zu CHRISTOPH BERGER, PRAESIDENT DER SCHWEIZER IMPFKOMMISSION STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES PORTRAET ZUR VERFUEGUNG. WEITERE BILDER FINDEN SIE AUF visual.keystone-sda.ch --- Christoph Berger, Praesident  ...
Christoph Berger, Abteilungsleiter Infektiologie am Zürcher Kinderspital.Bild: keystone

Berger hatte bereits im Winter 2021 davor gewarnt, dass die Lage in den Kinderspitälern nicht so ruhig bleiben werde, weil, sobald die Coronamassnahmen wegfallen würden, dann gleich zwei Jahrgänge von Kleinkindern zum ersten Mal in Kontakt mit Viren kommen würden. Schon im Sommer 2021 kam es dann vielen Hospitalisationen von Kleinkindern, doch jetzt ist die Lage noch prekärer, und zwar in der ganzen Schweiz.

«Solche RS-Wellen waren schon früher schwierig zu bewältigen», sagt Berger. Diese Extremere trifft nun auf Spitäler, welche mit mehr Personalengpässen zu kämpfen haben als vor der Pandemie. Nur am Kantonsspital Baden und am Ostschweizer Kinderspital hiess es bis jetzt, man habe keinen Personalengpass. Es konnten regelmässig Kinder von andernorts aufgenommen werden. Man zählt in Baden dieses Jahr voraussichtlich 23’600 Patienten auf dem Notfall für Kinder – 2019 waren es nur 15’000.

Bloss ist nun auch in Baden die Kinderstation voll belegt. Ausserdem gibt es dort keine Intensivstation für Kinder, doch wohin mit den Verlegungen? Im Unispital in Basel sollen Betten auf dem Gang stehen, deshalb wird sogar die Westschweiz ins Auge gefasst. An der Pädiatrie des Luzerner Kantonsspitals wiederum wurden im Oktober Engpässe wegen zu viel Krankheitsausfällen und Überlastung beim Personal bekannt. In der Kinderklinik des Inselspitals in Bern müssen Operationen verschoben werden, sogar für dringliche Eingriffe, wie Sprecher Didier Plaschy mitteilt. «Für die betroffenen Familien ist das schwer. Aber viele zeigen Verständnis.»

Kinder werden quer durch die Schweiz geflogen

Die Spitäler haben bei Engpässen regional schon immer zusammengearbeitet, doch nun werden kranke Kinder quer durch die Schweiz verlegt. Berger sagt zwar: «Grundsätzlich muss jede Region für sich schauen, dass sie ihre Patienten versorgen kann.» Aber gerade das Kispi ist aktuell besonders oft auf freie Betten anderswo angewiesen, im Büro hängen neu die Kontaktlisten sämtlicher Kinderspitäler. Letzte Woche wurde mehr als ein Kind auf die Intensivstation nach Chur geflogen und sogar Verlegungen nach Fribourg und Biel kamen schon vor.

«Es ist wie ein Tetris-Spiel», heisst es beim Personal des Kispi. Vom Stadtspital ist wenig Hilfe zu erwarten: Mitten in der Pandemie war vor einem Jahr im Triemli die Zahl der Betten von 18 auf 8 zusammengestrichen worden, weil die Nachfrage rückläufig gewesen sei, wie es damals hiess. Nun liegt es laut der Kommunikationsabteilung am Fachkräftemangel.

Löhne am Kinderspital in Zürich sind tiefer

Und nicht immer kann das Kinderspital Zürich als hochspezialisiertes Zentrum seine Patienten überhaupt verlegen: Hier liegen die kompliziertesten Fälle, auch Kinder mit Herzfehlern. Dennoch ist der Personalnotstand gerade hier besonders hoch – und teilweise hausgemacht. Bettina Kuster, Direktorin der Pflege, sagte kürzlich gegenüber dem «Tages-Anzeiger»: «Da müssen wir selbstkritisch sein. Wir haben uns zu stark auf den Kinderbonus verlassen, und in diesem Jahr hat sich der Wettbewerb stark verschärft.» Andere Spitäler hätten die Löhne erhöht, um Personal zu gewinnen, oder sie böten mehr Ferien an.

Das heisst: Am renommierten Kinderspital wollten lange Zeit viele arbeiten und das hat sich auf die Löhne ausgewirkt. Das ist nun vorbei. Die Personalengpässe wirken sich auch auf den Notfall aus: Weil die Kinder von da nicht immer auf die Station verlegt werden können, ist auch das dortige Personal überlastet.

Schwierige Situationen für Eltern

Eine stärkere Belastung müssen auch die Eltern kranker Kinder tragen, nicht nur beim Warten, sondern vor allem, wenn das Kind in ein weit entferntes Spital verlegt werden muss. «Ausserdem kommen auch Eltern mit Schreikindern unter die Räder», gibt ein Kinderarzt zu bedenken. Früher konnte ein Schreikind manchmal aufgenommen werden, um im Extremfall Eltern eine Nacht lang zu entlasten und eine Situation zu entschärfen. Auch Kinder mit unspezifischen Bauchschmerzen können nun oft nicht über Nacht behalten werden.

Diese Woche hat das Kispi aber die Station um zehn Betten aufstocken können – unter anderem mit temporären Angestellten.

Christoph Berger appelliert an das Verständnis der Eltern hospitalisierter Kinder: «Wir sind sehr froh um ihre Mithilfe und um die Geduld. Wenn viele Dinge verschoben und umorganisiert werden müssen, ist es für alle mühsamer.» Manche Babys mit RS-Viren können das Spital schon nach drei Tagen verlassen, bei anderen dauert es bis zu zehn Tagen. Nur wenige müssen auf der Intensivstation künstlich beatmet werden.

«Kindermedizin ist nicht kostendeckend»

«So sind zum Beispiel Kindernotfallstationen im aktuellen ambulanten Vergütungssystem tariflich nicht angemessen abgebildet.»

Doch mit dem Abklingen der RSV-Welle werden die Probleme an den Schweizer Kinderspitälern nicht gelöst sein. «Die Herausforderungen der Kinder- und Jugendmedizin im Schweizer Gesundheitswesens sind mehrheitlich strukturell bedingt», sagt Didier Plaschy vom Inselspital. In der Schweiz sei eine kostendeckende medizinische Versorgung in dieser Altersgruppe nicht möglich. Es brauche rasch einen gesellschaftspolitischen Konsens, dass die erbrachten Leistungen angemessen vergütet werden. (cpf)

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28 Kommentare
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Linus Luchs
17.11.2022 10:21registriert Juli 2014
Die Zahl der Betten zusammenstreichen, die Löhne drücken ...

Es würde enorm helfen, wenn man solche Entscheidungen weniger von Ökonomen abhängig macht.
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Ruefe
17.11.2022 12:32registriert August 2015
"In der Schweiz sei eine kostendeckende medizinische Versorgung in dieser Altersgruppe nicht möglich."

Völliges Versagen auf allen Ebenen. Wenn es nicht mal für die Kinder reicht, dann kann man das Gesundheitssystem gleich einstampfen...
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TRJS
17.11.2022 11:13registriert März 2018
Wie erklären die Schwurbler eigentlich, dass Schweden ebenfalls eine RSV-Flut hat - wo nie Masken getragen wurden und es gerade auch in den Schulen praktisch keinerlei Massnahmen gegeben hat!
Hört auf mit dem Narrativ, die Aufhebung der Massnahmen wäre schuld an den aktuellen Virenwellen - Schweden beweist, was für ein Quatsch das ist.
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