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Afrika-Cup 2015
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watson am Afrika-Cup

Äquatorialguinea ist einmalig – und selbst beim Abschied noch ein Land mit sieben Siegeln 

Für mich endet der Afrika-Cup schon lange vor dem Endspiel. Es war eine meiner bisher eindrücklichsten Reisen. Ein so spezielles Land habe ich selten erlebt.
07.02.2015, 13:3407.02.2015, 23:10
reto fehr, äquatorialguinea

Eigentlich ist es nur schon ein Wunder, dass der Afrika-Cup mit bloss 57 Tagen Vorbereitungszeit ohne grössere Komplikationen in einem der kleinsten Länder des Kontinents durchgeführt werden kann und mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit am Sonntag ein würdiger Titelträger erkoren wird.

Natürlich darf man keine Organisation wie bei der WM oder beim eidgenössischen Schwingfest erwarten. Aber das macht den Anlass ein Stück weit auch aus, egal ob man als Fan oder Journalist anwesend ist.

Vor dem Turnier in Äquatorialguinea hatte ich überwiegend von Problemen rund um das Land und unfreundlichen Beamten und Polizisten gehört. Ich kann das meiste davon nicht bestätigen. Natürlich sind die ewigen Polizeikontrollen lästig und das ewige Sich-Durchfragen und Improvisieren kann mühsam sein. Aber ein Land lernt man kaum irgendwo sonst besser kennen als auf der Strasse und bei der lokalen Bevölkerung. Diese war erfrischend hilfsbereit und fröhlich. Da wurde beispielsweise kurz das eigene Geschäft verlassen, um mir den Weg zu zeigen – in der Schweiz unvorstellbar.

Supermarkt in Ebebiyin: Während in anderen Gebieten Afrikas die Regale oft halb leer stehen, ist hier alles ordentlich aufgefüllt wie in der Schweiz.
Supermarkt in Ebebiyin: Während in anderen Gebieten Afrikas die Regale oft halb leer stehen, ist hier alles ordentlich aufgefüllt wie in der Schweiz.Bild: watson

Die Journalisten, welche seit Jahren den Afrika-Cup vor Ort verfolgen, waren sich einig: So eine entspannte Atmosphäre herrschte noch nie. Ja, vielleicht wurde insbesondere uns Berichterstattern etwas vorgemacht. Die Akkreditierung nützte in den meisten Fällen als Türöffner und Problem-Beseitiger. Aber wenn es so war, war die Show perfekt. Ich hatte nie das Gefühl, dass mir hier unendlich viel vorgemacht oder vertuscht wird.

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Mischung aus DDR und Afrika?

Klar, im einen Hotel lungerte unverständlich viel Personal, das scheinbar ohne Beschäftigung war, herum. Vielleicht waren dies Polizisten in zivil. Vielleicht waren sie zur Überwachung der Journalisten da. Einige Reporter aus Europa vermuteten dies. Ein deutscher Kollege meinte, das käme ihm hier vor wie eine Mischung aus DDR und Afrika. Er muss es wissen, er hat beides lange genug erlebt.

Die Polizei markiert überall öffentlich Präsenz. Die Frage ist: Wie viele Polizisten waren in zivil unterwegs?
Die Polizei markiert überall öffentlich Präsenz. Die Frage ist: Wie viele Polizisten waren in zivil unterwegs?Bild: watson

Für mich bleibt das Land trotz unzähliger Eindrücke noch immer wie ein Buch mit sieben Siegeln. Vieles ist undurchsichtig, vieles weiss selbst die lokale Bevölkerung nicht. Oder will es nicht wissen. Oder will es mir nicht sagen. Auf eine simple Frage kann ich von fünf Personen fünf verschiedene Antworten erhalten. 

watson am Afrika-Cup
watson-Sportchef Reto Fehr reist an den Afrika-Cup in Äquatorialguinea und berichtet ab dem 16. Januar regelmässig von seinen Erfahrungen – vorausgesetzt die Internetverbindung funktioniert und er erhält das versprochene Visum tatsächlich. Das kleine Land im Nacken Afrikas gilt als eines der touristisch wenigsten entwickelten und am schwierigsten zu bereisenden der Welt.



Durch Ölreichtum sind die Preise im Land unvorstellbar horrend. 2004 wies die Nation zwar die höchste Wirtschafts-Wachstumsrate (30%) aus und auf dem Papier wäre Äquatorialguinea gemessen am Pro-Kopf-Einkommen eines der reichsten Länder. In der Realität hat die Hälfte der Bevölkerung keinen Zugang zu sauberen, fliessenden Wasser und 20 Prozent der Kinder sterben vor dem 5. Lebensjahr. In der Korruptionsliste belegt die ehemalige, spanische Kolonie regelmässig hinterste Plätze und Präsident Teodoro Obiang – das am längsten im Amt stehende, nicht royale Amtsoberhaupt der Welt – kontrolliert seine «demokratische Nation» mit viel Militärpräsenz praktisch als Diktatur. 

Langsam profitiert auch die Bevölkerung

Auch wenn es der Bevölkerung insgesamt vielleicht gar nicht so schlecht geht, sind viele arm und kommen als Lebenskünstler über die Runden. Als ich an einem Samstag im Supermarkt an der Kasse stehe, müssen drei Leute vor mir einige der Waren im Einkaufswagen zurücklassen oder wieder zurückscannen lassen, weil sie nicht genügend Geld haben. Und es geht dabei nicht um Luxusgüter, sondern um Brot, Gemüse oder andere «Kleinigkeiten».

Wagen voller zurückgelassener Waren im Supermarkt gleich vor der Kasse.
Wagen voller zurückgelassener Waren im Supermarkt gleich vor der Kasse.Bild: watson

Immerhin scheint die «Wassertonne» des Präsidenten und seiner Freunde langsam zu überlaufen und der Reichtum tropft auf die unteren Schichten. Die Strassen sind hervorragend und ganze Stadtteile mit schönen Häuschen wie in «Buena Esperanza» werden gebaut. Die Armut ist nicht wie in weiten Teilen des Kontinents auf den ersten Blick ersichtlich. 

Der Stadtteil «Buena Esperanza» in Malabo. Diese Häuser stellte der Präsident der Bevölkerung zur Verfügung.
Der Stadtteil «Buena Esperanza» in Malabo. Diese Häuser stellte der Präsident der Bevölkerung zur Verfügung.Bild: watson

Das Land wird sich öffnen

Auch wenn Malabo noch immer die einzige Hauptstadt der Welt ohne Tageszeitung ist (das einzige Informationsblatt erscheint monatlich. Hauptgrund sei, weil es in Frankreich gedruckt wird und die Lieferung mindestens eine Woche dauert, wie mir ein lokaler Journalist verrät), wird die Öffnung des Landes nicht aufzuhalten sein. Das Internet leistet seinen Beitrag dazu. Facebook, Twitter, Youtube oder Whatsapp haben den Weg nach Äquatorialguinea gefunden. Es wird in Bildung investiert, für Kinder herrscht Schulpflicht. Man kann die Bevölkerung nicht ewig «dumm halten».

Markt in Bata. Hier sind Kleider und alles Mögliche noch deutlich billiger als in den Supermärkten.
Markt in Bata. Hier sind Kleider und alles Mögliche noch deutlich billiger als in den Supermärkten.Bild: watson

Für mich war die Reise ein einmaliges Erlebnis mit vielen unbezahlbaren Eindrücken. Ich kann Äquatorialguinea jedem empfehlen, der mal etwas anderes als eine «normale Individualreise» fernab von «Lonely Planet» und Co. erleben möchte. Aber vermutlich muss man sich bald beeilen, um dies noch zu erleben. Die Investitionen sind gewaltig und Ende 2015 soll ein erster richtiger Reiseführer in Englisch herauskommen. Er wird Annehmlichkeiten bieten, aber auch viel vom Charme zerstören.

«Suiza! Shaqiri! Senderos! Alex Frei!»

Ich mache mich drei Stunden vor dem Heimflug auf zum Flughafen, weil mir von meist chaotischen Zuständen beim Abflug berichtet wurde. Mein Guesthouse-Besitzer fährt mich gratis. Bei der Passkontrolle frage ich, ob ich danach nochmals zurück könne, um allenfalls etwas zu Essen zu kaufen: «Kein Problem, komm einfach bei mir vorbei.» Als ich gehe, ruft er nach: «Suiza! Shaqiri! Senderos! Alex Frei!»

Bei der Sicherheitskontrolle sieht der Beamte meine Wasserflasche und die Riesendose Mückenspray. «Das darfst du eigentlich nicht mitnehmen», sagt er und zeigt auf das Symbol auf der Dose, wonach der Spray hochentzündlich ist. Ich weiss natürlich, dass er recht hat. Frage trotzdem überrascht: «Wirklich?» – «Ja, aber ich mache eine Ausnahme.» Im Wartesaal treibt sich noch ein Souvenirverkäufer mit Holzfiguren herum. Ich gebe mein letztes Geld aus. Im TV über dem Gate läuft ein alter James-Bond-Film, um 23.10 Uhr ist Boarding. Mein Flug geht pünktlich. Auch zum Abschluss zeigt sich: Erzählt wird viel. Aber nichts wird so heiss gegessen, wie es gekocht wird.

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Wo der nächste Afrika-Cup 2017 stattfindet, wird im April entschieden. Algerien Ägypten, Gabun und Ghana sind noch im Rennen, wobei Algerien der Favorit sei. Es dürfte ein nächstes Abenteuer werden.

Oyala, die zukünftige Hauptstadt Äquatorialguineas

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