Grösse allein reicht nicht – aber klein sein wird in der NBA ein immer grösseres Hindernis
Grosse Menschen werden häufig gefragt, ob sie Basketball spielen. Und dieses Klischee kommt nicht von irgendwoher: Die «Sports Illustrated» schrieb 2011 mit Verweis auf Zahlen des US-Gesundheitsministeriums, dass 17 Prozent aller US-Amerikaner zwischen 20 und 40 Jahren, die mindestens sieben Fuss (213,36 cm) gross sind, in der NBA spielen.
Die Zahl wurde seither viel diskutiert, ob sie tatsächlich der Wahrheit entspricht, ist umstritten. Unter anderem, weil die NBA-Spieler lange mit Schuhen gemessen wurden und deshalb nicht alle die Grössengrenze überschritten, obwohl sie offiziell mit einer Grösse von über 2,13 m geführt werden. Dennoch ist klar: Der durchschnittliche Basketball-Profi ist grösser als Otto Normalverbraucher.
Bei einem Sport, in welchem das Ziel in 3,05 m Höhe hängt, ist klar, dass die Grösse ein Vorteil ist. Grösse allein reicht aber schon lange nicht mehr, um in der NBA zu bestehen. Im Basketball ist eine ähnliche Entwicklung zu beobachten wie beispielsweise im Fussball oder im American Football: Klassische Stürmer, die weder besonders schnell sind, noch ins Passspiel eingebunden werden können, sind immer weniger gefragt. Quarterbacks sollen nicht mehr nur werfen können, sondern am besten auch mobil sein, um selbst einmal zu rennen.
Auf vier von fünf Positionen sinkt die Durchschnittsgrösse
Im Basketball sind auf allen fünf Positionen mittlerweile Wurfqualitäten gesucht. Auch mit dem Ball in der Hand zu agieren, ist längst nicht mehr nur den Point Guards vorbehalten. Wohl auch deshalb ist die Durchschnittsgrösse seit dem Rekordwert von 2,01 m im Jahr 2004 wieder etwas gesunken, wie eine Untersuchung von 69 NBA-Saisons zwischen 1946/47 und 2021/22 zeigt. In der letzten untersuchten Saison war die Durchschnittsgrösse bei knapp 1,99 m und damit so tief wie letztmals 1979/80.
Dieser Rückgang ist auf allen Positionen messbar – nur nicht bei den Point Guards. Die im Durchschnitt Kleinsten werden nämlich immer grösser. Dies ist eine Folge davon, dass die Positionen immer stärker ineinanderfliessen – es wird auch häufig vom positionslosen Basketball gesprochen. Ausserdem bringen immer mehr Spieler die üblichen Point-Guard-Fähigkeiten wie Spielmacher-Qualitäten oder einen hohen Basketball-IQ mit.
Schon LeBron James war als 2,06-m-Mann mit seiner Passstärke ein Vorreiter. Der derzeit beste Passgeber der NBA ist Center Nikola Jokic (2,11 m). Selbst Point Guards wie Luka Doncic (2,03 m), LaMelo Ball (2,01 m) oder vor einigen Jahren Ben Simmons (2,08 m) überschreiten mittlerweile die Zwei-Meter-Marke.
Spieler wie Muggsy Bogues sind heute undenkbar
Solche Spieler verdrängen kleiner gewachsene Akteure immer stärker aus der NBA, weil sie sich körperlich besser durchsetzen können, und offensiv dieselben Fähigkeiten mitbringen. Ausserdem ist auch in der Defensive immer grössere Flexibilität gefragt, jeder muss mehrere Positionen verteidigen können – und entsprechend grössere Spieler.
Wohl auch deshalb sind Point Guards in den letzten Jahren so gross wie selten in der langen Geschichte der NBA. 2020/21 massen sie im Durchschnitt 189,5 Zentimeter. Nur 1986/87, als Magic Johnson (2,06 m) die NBA auf dieser Position dominierte, wurde dieser Wert noch minimal überschritten.
Gemäss NBA-Statistik spielten zwischen 1996/97, als die Messwerte beginnen, und 2006/07 mit einer Ausnahme immer mindestens zehn Spieler, die höchstens 1,83 m gross waren, in der besten Basketball-Liga der Welt. Seither waren es nur noch selten so viele. In der aktuellen Saison sind es nur zwei, nachdem Yuki Kawamura mit 22 Einsätzen in der Vorsaison gar der Einzige war. Dass jemand wie der legendäre Muggsy Bogues mit einer Körpergrösse von 1,60 m in die NBA kommt, scheint heute undenkbar.
Sportico zeigt zudem auf, dass Spieler, die kleiner als 1,90 m sind, immer seltener den Ball in den Händen haben und deutlich weniger Minuten spielen. Dafür stehen Spieler zwischen 1,93 m und 2,06 m sehr hoch im Kurs und spielten in der letzten Saison zwei Drittel der Minuten.
Trae Young wurde verscherbelt
Sinnbildlich für diese Entwicklung steht Trae Young. Der Point Guard ist mit etwa 1,85 m Körpergrösse nicht nur klein, sondern mit gemäss Berichten gut 80 Kilogramm auch sehr schmächtig. Der 27-Jährige ist für Experten auch deshalb der schlechteste Verteidiger der NBA. Dadurch, dass seine direkten Gegenspieler immer grösser werden, ist Young in der Defensive ein immer grösseres Problem für sein Team.
Obwohl er regelmässig zu den besten Skorern der Liga gehörte, waren die Atlanta Hawks mit ihm auf dem Feld in fünf von acht Saisons schlechter als der Gegner und gerade in den letzten vier Jahren insgesamt schlechter als ohne ihn.
Deshalb verscherbelte Atlanta den 5. Pick im Draft von 2018 und einstigen Star des Teams in der letzten Woche. Per Trade schickten die Hawks ihn nach Washington, der Gegenwert war mit dem 34-jährigen C. J. McCollum und Bankspieler Corey Kispert überschaubar. Es ging dabei eindeutig darum, den teuren Vertrag – über 95 Millionen US-Dollar für die laufende und die nächste Saison – aus den Büchern zu bekommen.
Youngs Problem ist nicht alleine seine Grösse. Er ist kein besonders effizienter Distanzschütze (35,1 Prozent Trefferquote bei Dreipunktewürfen) und ohne Ball viel zu inaktiv. Ausserdem wird ihm vorgeworfen, sich defensiv zu wenig anzustrengen. Dennoch zeigt die Statistik klar, dass die NBA-Teams immer weniger nach Spielern wie ihm suchen.
Der beste Schütze der Geschichte als Letzter seiner Art?
Natürlich wird es in Zukunft weiterhin Ausnahmen geben. Stephen Curry, der nur wenig grösser ist als Young, hat bewiesen, dass auch für NBA-Verhältnisse kleine Spieler erfolgreich Basketball spielen und Titel gewinnen können. Doch nicht jeder 1,88-m-Mann ist der beste Schütze der Geschichte.
Somit lautet das bittere Fazit für Normalsterbliche: Obwohl der Durchschnittsprofi kleiner wird, ist die Ära des kleinen Mannes in der NBA vorbei.
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