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Das Ärgernis im Fussball: Das Problem hinter der Handspielregel

Schiedsrichter Luca Cibelli schaut zum VAR-Bildschirm im Fussball Meisterschaftsspiel der Super League zwischen dem Grasshopper Club Zuerich und dem BSC Young Boys Bern im Letzigrund Stadion, am Samst ...
Schaut genau hin: Schiedsrichter Luca Cibelli im Zürcher Letzigrund.Bild: keystone

Keine Lösung zur Hand

Wie um alles in der Welt kann die Handspielregel im Fussball verbessert werden? Klar ist: Wäre die Lösung so simpel, man hätte sie schon längst gefunden und würde nicht nach jeder Runde von Neuem darüber diskutieren.
21.02.2023, 09:5118.12.2023, 16:31
Ralf Meile
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In einer Zeit hochauflösender Fernsehbilder ist die Handspielregel zum wohl grössten Ärgernis im Fussball geworden. Es gibt einen Haufen Penaltys nach Szenen, in denen kein Mensch einen Penalty erwartet oder verlangt.

So wie am Sonntag in der Super League, als Basel in der Nachspielzeit gegen Servette nach einem Handspiel von Fabian Frei bestraft wurde, das der Videoschiedsrichter (VAR) als solches erkannt hatte.

Diese umstrittene Szene steht sinnbildlich dafür, dass die Hands-Regel im Fussball «kaputt» ist. Das Übel: Wird die Regel buchstabengetreu umgesetzt, wird über fussballferne Funktionäre geschimpft, die solche Regeln gemacht haben. Und setzen sich die Schiedsrichter darüber hinweg, wird darüber geschimpft, dass sie sich nicht buchstabengetreu an die Regeln halten.

Hands beginnt am Übergang von der Schulter zum Arm

Was sind das überhaupt für Regeln? Fast als Erstes wird in Regel 12 unter dem Punkt «Handspiel» festgehalten, dass nicht jede Ballberührung mit Hand oder Arm ein Vergehen ist. Das macht es also schon einmal schwierig: Nicht jedes Hands ist strafbar.

Hier kannst du die offiziellen Fussballregeln als PDF anschauen.

Wichtig zu wissen ist, mit welchen Körperteilen es verboten ist, den Ball zu spielen. «Für die Beurteilung von Handspielvergehen gilt, dass die Grenze zwischen Schulter und Arm (bei angelegtem Arm) unten an der Achselhöhle verläuft», lesen wir beim International Football Association Board (IFAB), dem Gremium, das für den Weltverband FIFA die Regeln macht.

Somit haben wir das Problem, dass nicht immer eindeutig entschieden werden kann. Die Schiedsrichter müssen abwägen, ob der Ball an die Schulter ging oder an den Arm. Das IFAB hat als Hilfe diese Grafik erstellt:

Handspiel Hands Handspielregel IFAB
Bild: IFAB

Von natürlicher und unnatürlicher Vergrösserung der Körperfläche

Ein Vergehen liegt vor, «wenn ein Spieler den Ball absichtlich mit der Hand/dem Arm berührt (z. B. durch eine Bewegung der Hand/des Arms zum Ball)». Für den Unparteiischen schwierig, weil Absicht nicht immer bewiesen werden kann. Es kommt schliesslich eher selten vor, dass ein Spieler laut ruft, er beabsichtige, den Ball gleich mit der Hand abzuwehren.

Vermeintlich einfacher zu belegen ist der nächste Punkt, der ein Handspiel zu einem Vergehen macht. Dabei geht es darum, dass ein Verteidiger «seinen Körper aufgrund der Hand-/Armhaltung unnatürlich vergrössert». Wobei wir dann das Problem haben, dass durchaus umstritten sein kann, welche Haltung natürlich und welche unnatürlich ist.

Im Regelwerk wird darum weitergehend festgehalten: «Eine unnatürliche Vergrösserung des Körpers liegt vor, wenn die Hand-/Armhaltung weder die Folge einer Körperbewegung des Spielers in der jeweiligen Situation ist, noch mit dieser Körperbewegung gerechtfertigt werden kann. Mit einer solchen Hand-/Armhaltung geht der Spieler das Risiko ein, dass der Ball an seine Hand/seinen Arm springt und er dafür bestraft wird.» Mit dieser Begründung werden mittlerweile die meisten Handspiele, die sanktioniert werden, bestraft.

Auch Funktionäre wollen möglichst einfache Regeln

Fussballer bemängeln, diese Regeln seien praxisfern. Aber gibt es denn Möglichkeiten, wie es «besser» sein könnte?

Die Wunschvorstellung mancher Fans wird nicht eintreffen: Der VAR wird nicht wieder verschwinden. Und mal ehrlich: Schaut man sich heute im Fernsehen ein Fussballspiel ohne VAR an und der Schiedsrichter macht einen groben Fehler, regt man sich noch mehr darüber auf als in der Vor-VAR-Ära.

Du bist der Super-Schiri?
Der Schweizerische Fussballverband hat auf seiner Website ein Regel-Quiz aufgeschaltet. Hier kannst du prüfen, wie es um deine Kenntnisse steht.

Und hier findest du Informationen, falls du selber Schiedsrichter werden willst.

Die unbefriedigende Wahrheit ist, dass es keine simple Lösung des Ärgernisses namens Handspielregel gibt. Denn dann hätten IFAB und FIFA das Problem schon längst behoben. Die aktuellen Regeln wurden mit dem Ziel erarbeitet, diese zu vereinfachen – denn auch Funktionäre wollen möglichst wenig und möglichst unkomplizierte Regeln.

Wie weiter?

Soll man wieder zurück zu früheren Varianten, bei denen der Schiedsrichter primär nach einer Absicht beurteilen muss? Soll es im Strafraum bei einem Handspiel keinen Penalty mehr geben, sondern nur Freistoss? Soll Hands nur dann Hands sein, wenn einigermassen eine Bewegung auszumachen ist, nicht aber, wenn ein Spieler angeschossen wird? Und ganz verwegen: Sollte man einmal den Versuch wagen, dass Hands nur noch dann bestraft wird, wenn ein Tor mit der Hand erzielt wird?

Wir haben keine Lösung zur Hand. Falls du weniger ratlos bist, dann freut sich das IFAB bestimmt über deine Post. Es hat seinen Sitz an der Münstergasse in der Altstadt von Zürich. Und selbstverständlich ist auch die Kommentarspalte für alle möglichen – und unmöglichen – Vorschläge offen.

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59 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Tridecan
21.02.2023 11:11registriert Dezember 2018
Man lerne: Ein wirklich guter Verteidiger lässt sich vorsichtshalber beide Arme entfernen.

Die Gefahr einer Fehlentscheidung ist durch nichtvorhandenes Material gebannt und der Club kann einen Teil des Lohnes von der IV bezahlen lassen.
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messanger
21.02.2023 10:42registriert August 2014
Das Hautproblem ist, dass für ein kleines Vergehen eine riesige Strafe gibt.
Meine Lösung: Bei leichteren "Handspielen" wie zuletzt oft gesehen, gibt es keinen Elfmeter, sondern einen indrirekten Freistoss im Strafraum. Bei "absichtlichem" Handspiel (z.b. Hand über dem Kopf) Elfmeter. Bei Verhinderung einer Grosschance (auf der Torline wie der Torwart abgewehrt) zusätzlich Rot. Oder so ähnlich.
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läck bobby
21.02.2023 11:39registriert September 2018
die natürliche Körperbewegung eines Spielers findet im Entscheid zu wenig Beachtung. Ich wäre daher für Zwangsjacken oder Handschellen hinter dem Rücken. dann sind die Spieler in ihrer Körperbewegung fixiert
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