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Der SC Bern musste gegen Fribourg einstecken.
Der SC Bern musste gegen Fribourg einstecken.
Bild: KEYSTONE
Eismeister Zaugg

Wie der SC Bern mutwillig sein Meisterteam zerstört

So tief wie der SCB ist seit Einführung der Playoffs (1986) noch kein Meister gesunken. Die Krise ist nicht den Launen der Hockey-Götter geschuldet. Sondern der sportlichen SCB-Misswirtschaft.
24.11.2019, 06:4124.11.2019, 12:11

Seit gegen Ende des 19. Jahrhunderts irgendwo im Osten Kanadas das erste Eishockeyspiel ausgetragen worden ist, gilt ein ehernes Gesetz: Alles beginnt und alles endet mit dem Torhüter. Alle, die dieses Gesetz missachten, werden von den Hockeygöttern bestraft.

Selbst die offensiv besten Teams der Geschichte – zum Beispiel die Montréal Canadiens der 1970er Jahre, Wayne Gretzkys Edmonton Oilers oder Victor Tichonows sowjetisches Nationalteam («Big Red Machine») – verdanken ihre Triumphe auch Goalies, die weltweit zu den besten ihrer Zeit gehörten: Ken Dryden, Grant Fuhr und Wjatscheslaw Tretjak. Grosse Mannschaften brauchen grosse Torhüter.

Grant Fuhr (links), der ehemalige Edmonton Oilers Goalie.
Grant Fuhr (links), der ehemalige Edmonton Oilers Goalie.
Bild: AP/The Canadian Press

Der SC Bern des Herbstes 2019 ist das erste und einzige Unternehmen der Hockey-Weltgeschichte, dessen sportliche Führung in schier unfassbarer Torheit dieses Gesetz mutwillig missachtet.

In den letzten 24 Stunden haben wir dieses einmalige Management-Versagen wie in einer «Hockey-Hollywood-Seifenoper» gesehen.

Am Freitagabend verliert der SCB durch einen zu hundert Prozent haltbaren Treffer 77 Sekunden vor Schluss gegen Lausanne 2:3.

Logisch, dass 24 Stunden später Pascal Caminada (33) durch Niklas Schlegel (25) ersetzt wird. Und der kassiert bereits in der 5. Minute in Fribourg auf geradezu unfassbare Art und Weise den haltbarsten Gegentreffer der Saison zum 0:1. Davon erholt sich der Meister logischerweise nicht mehr und verliert 1:5.

Niklas Schlegel im Spiel gegen Fribourg.
Niklas Schlegel im Spiel gegen Fribourg.
Bild: KEYSTONE

Kurz vor «Halbzeit» der Qualifikation trennt den SCB nur noch ein einziger Punkt vom letzten Platz. Die Ursache dieses historisch einmaligen Absturzes eines Meisterteams ist in seiner Heftigkeit auf die völlig ungenügenden Leistungen der Torhüter zurückzuführen.

Eine Mannschaft in einem so unberechenbaren, emotionalen Spiel lebt vom Urvertrauen in den Torhüter wie der Mensch vom Sauerstoff. Geht dieses Urvertrauen verloren, zerfällt selbst eine Equipe, die eigentlich intakt wäre. Ein guter Torhüter kann eine labile Verteidigung stabilisieren. Aber selbst eine gute Verteidigung kann einem «Lottergoalie» nicht helfen.

Es war kein Fehler, das «Experiment Schlegel» zu wagen. Also der Versuch, den mehrfachen Meistergoalie Leonardo Genoni (zu Zug) mit zwei Torhütern zu ersetzen, die noch nie in ihrer ganzen Karriere auf höchstem Niveau die Nummer 1 waren. Mit Niklas Schlegel von den ZSC Lions und Pascal Caminada, der bisherigen Nummer 2 beim SCB. Dafür ist Sportchef Alex Chatelain nicht zu kritisieren.

Aber es ist ein irrer Fehler, dieses Experiment nicht rechtzeitig abzubrechen. Nach allerspätestens sieben Spielen (nach dem 2:5 in Zug) war klar: Das «Experiment Schlegel» funktioniert nicht.

Joni Ortio spielt inzwischen bei den ZSC Lions – der SCB hätte bei ihm zugreifen sollen.
Joni Ortio spielt inzwischen bei den ZSC Lions – der SCB hätte bei ihm zugreifen sollen.
Bild: KEYSTONE

Die Lösung des Problems ist Alex Chatelain von den gutmütigen Hockey-Göttern auf dem Silbertablett zu diesem Zeitpunkt dargereicht worden: Bei den ZSC Lions trainierte, noch ohne Vertrag, der finnische Nationaltorhüter Joni Ortio (28). Zu diesem Zeitpunkt weltweit der beste Goalie auf dem Transfermarkt und ohne sein Verschulden in der KHL arbeitslos geworden.

Vermutlich wusste sogar die sportliche SCB-Führung, dass Joni Ortio zu haben war. Aber sicher ist nicht einmal das. Obwohl SCB-Trainer Kari Jalonen mit der Familie Ortio befreundet ist.

Inzwischen haben die ZSC Lions diese «Hublot Big Bang auf dem Transferwühltisch» für ein Butterbrot bis Saisonende verpflichtet. Der Finne hat die Zürcher soeben im Spitzenkampf gegen Biel mit einer Fangquote von 96,43 Prozent zum Sieg gehext (3:1).

Auch mit Joni Ortio würde der SCB die Liga nicht dominieren. Aber die Berner wären mit ihm auf einem sicheren Playoff-Platz. Sie haben ja nur einen ausländischen Feldspieler (Mark Arcobello), der höheren Ansprüchen genügt. Eine Ausländerlizenz für den Schlussmann zu opfern, würde den Titelverteidiger also nicht schwächen und erst noch dazu führen, dass eine der ausländischen «Nullnummern» nicht mehr spielen müsste.

Kari Jalonen hat ein System, das eigentlich funktionieren sollte.
Kari Jalonen hat ein System, das eigentlich funktionieren sollte.
Bild: KEYSTONE

Die üblichen Gründe für eine Krise gibt es in Bern nicht. Die Spieler sind nicht zerstritten, nicht in Fraktionen gespalten und sie haben mit Captain Simon Moser einen charismatischen Leitwolf. Der SCB hat traditionell eine gute, intakte Leistungskultur. Die Autorität des Trainers ist unbestritten. Das taktische Rezept von Kari Jalonen funktioniert gut genug, um problemlos in die Playoffs zu kommen. Die klassische Kritik, die Mannschaft habe kein System, kann hier wahrlich nicht vorgebracht werden.

Das historische Ausmass der Krise hat eine einzige Ursache: das Torhüterproblem. Natürlich: Verletzungspech, ungenügende Ausländer (der SCB hat das schwächste ausländische Personal der Liga), der Hang des Trainers, zu stark auf die Routiniers zu setzen, Glück und Pech und schliesslich eine gewisse Sättigung nach vier Jahren und drei Titeln spielen auch eine Rolle. Aber mit einem grossen (oder auch nur mittelgrossen) Goalie wären es Faktoren, die höchstens dazu führen würden, dass der SCB mit dem vierten oder fünften Rang vorliebnehmen müsste. Kritik könnte als billige Polemik ignoriert werden.

Das ist der Wahnsinn der SCB-Krise: Sie wäre mit einem Handgriff – mit der Verpflichtung eines guten ausländischen Goalies – zu verhindern gewesen. Was die SCB-Krise so einmalig macht. Hier wird mutwillig ein intaktes Team durch die sportliche Führung zerstört.

Inzwischen hat das Torhüterproblem zu einer so tiefgreifenden Verunsicherung geführt, dass die Playoff-Qualifikation nur noch in mühevoller, mühseliger, beschwerlicher, anstrengender, kräftezehrender Arbeit zu schaffen ist.

Dafür, dass der 50-Millionen-Umsatz Hockeykonzern SCB, das «Bayern München des Hockeys» gleichauf mit den Lakers steht und – der Gipfel aller Demütigungen – auch noch einem Spieler von den Lakers ausleihen muss, um genügend Mann aufs Matchblatt zu bringen – sind also nicht die Schiedsrichter, nicht die Zuschauer, nicht die Verbandsmafia, nicht die Chronisten, nicht die Betreiber der Berner Reitschule, nicht die Spieleragenten, nicht die Hockey-Götter, nicht der Verbandspräsident, nicht der Stadtpräsident, nicht der Bundesrat, nicht Spielplan-General Willy Vögtlin, nicht der Materialwart, nicht der Masseur, nicht der Zamboni-Fahrer, nicht Liga-General Denis Vaucher oder der Stadionwirt, nicht die Verteidiger, nicht die Stürmer, nicht die Statistiker, nicht der Schlittschuhschleifer und nicht der Trainer und seine verschiedenen Assistenten verantwortlich.

Sondern einzig und allein ein sportliches Management, das die Bedeutung der Torhüter auf eine unbegreifliche Art und Weise unterschätzt und eine Meistermannschaft so mutwillig zerstört.

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