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Neo-Keeper Robert Mayer war gestern in Biel Langnaus bester Mann.
Neo-Keeper Robert Mayer war gestern in Biel Langnaus bester Mann.
Bild: keystone
Eismeister Zaugg

Wie Mayer zum Sieg taumelte und ein «Gambler» zum besten Liga-Torschützen wurde

Ausgerechnet gegen Langnau verliert Biel zum ersten Mal in dieser Saison (1:4). Im Mittelpunkt steht der neue Torschützenkönig der Liga und ein Torhüter. Eine Geschichte und eine polemische Formel, die nicht einmal ein Chronist erfinden könnte.
26.09.2021, 14:5826.09.2021, 15:33

Ausgerechnet gegen Langnau verliert Biel zum ersten Mal in dieser Saison (1:4). Im Mittelpunkt steht der neue Torschützenkönig der Liga und ein Torhüter. Eine Geschichte und eine polemische Formel, die nicht einmal ein Chronist erfinden könnte.

Die SCL Tigers haben in Biel mit Robert Mayer im 8. Spiel der Saison den 5. Torhüter eingesetzt (Ivars Punnenovs, Gianluca Zaetta, Tim Baumann, Simon Rytz und Robert Mayer). Zum Vergleich: Der SC Bern ist in seiner «Belle Epoque» (1987 bis 2001) in mehr als 700 Partien mit einem einzigen Torhüter ausgekommen (Renato Tosio).

Doch der Reihe nach. So überraschend Biels Niederlage auf den ersten Blick scheint, so logisch ist sie aus hockeykulturellen, taktischen und sonstigen Gründen. Die Bieler sind offensiv (25 Tore) und defensiv (20) auch nach der ersten Saisonniederlage immer noch die Besten der Liga. Und klar besser als die Langnauer (25 Plus-, 33 Minustore).

So rannten die Bieler gegen Langnau an.

Aber wenn die spielerisch klar überlegene Mannschaft in Rückstand gerät und nicht zum Torerfolg kommt, neigt sie dazu, das Spiel zu komplizieren. Die Scheibe wird noch ein bisschen länger geführt, da ein Pass mehr eingestreut und hier die Schussabgabe verzögert. Die unterlegene Mannschaft wiederum vereinfacht unter Druck das Spiel. Weil keine Zeit für spielerische Schneckentänze bleibt. Druck erzeugt defensive Diamanten.

Es ist also nicht so, dass die Bieler im klassischen Sinne «schlecht» gespielt, versagt oder unverzeihliche Fehler gemacht haben. Sie sind bloss das Opfer ihrer eigenen Kultur, ihrer DNA geworden.

Die Bieler haben seit ihrer Rückkehr in die höchste Liga noch nie taktisches Rechenschieber-Hockey gespielt. Nicht einmal unter Heinz Ehlers, der dann gefeuert wurde. Biel gehört zu den spektakulärsten Mannschaften Europas und pflegt ein kreatives, leidenschaftliches, modernes und bisweilen wildes Hockey. Zur Freude aller, die Hockey mögen, aber manchmal eben auch zur Freude der Gegner, die mit dem Rückhalt eines Goalies, der auf dem Kopf steht, dieses Sturm- und Dranghockey überstehen.

Mayer, immer wieder Mayer.
Mayer, immer wieder Mayer.
Bild: keystone

Am dramatischsten hat sich die Ohnmacht der Bieler Hockey-Kultur am 6. April 2019 gezeigt. Auf eigenem Eis geht das Halbfinalspiel gegen den SC Bern bei 38:19 Torschüssen 0:1 verloren. Ein Sieg hätte den Finaleinzug und dann gegen Zug den ersten Titel seit 1983 gebrach. Und nun also das 1:4 gegen Langnau.

Wäre Biel ein schnelles Tor gelungen, die Partie damals gegen den SCB oder am Samstag gegen Langnau hätte auch 6:1 enden können. Die schon alles entscheidende Szene sehen wir gegen die Langnauer bereits in den ersten Sekunden. Biels fliegender, schier unaufhaltsam durch die gegnerische Zone wieselnder Topskorer Damien Brunner scheitert beim ersten Angriff an Robert Mayer. Langnaus Torhüter pariert auch den Nachschuss von Noah Schneeberger. Von nun an wachsen bei Biel die Zweifel und bei Langnau die Zuversicht. Der Torhüter spielt also die entscheidende Rolle.

Fast wie eine Waage.
Fast wie eine Waage.
Bild: keystone

Die Geschichte von Robert Mayer ist so verrückt, dass sie nicht erfunden werden könnte. Er hat in Davos einen Vertrag bis 2024, ist dort aber nicht mehr erwünscht, obwohl sich der Musterprofi rein gar nichts hat zuschulden kommen lassen.

Sein Pech: Ihm ist die Rolle des Sündenbockes für das bitterlich enttäuschende Scheitern in den Pre-Playoffs gegen den SCB zugeschoben worden. Trainer Christian Wohlwend nimmt ihn am 7. April 2021 nach dem ersten Drittel beim Stande von 0:3 vom Eis. Der HCD hatte mit 15:9 Torschüssen dominiert, aber Robert Mayer nur 66,67 Prozent der Schüsse abgewehrt.

Das Spiel, das alles veränderte.
Das Spiel, das alles veränderte.
Bild: keystone

Bis zum letzten Samstag in Biel wird er kein einziges Spiel mehr bestreiten. Er darf beim HC Davos bleiben und üben, wird jedoch nicht mehr eingesetzt. Aber alle Versuche scheitern, seinen hoch dotierten Vertrag aufzulösen und einen neuen Arbeitgeber zu finden. Die zumindest temporäre Erlösung folgte am letzten Dienstag: Davos und Langnau einigen sich auf einen leihweisen Transfer bis Ende Januar.

Am Freitag steht gegen die Lakers noch Ivars Punnenovs im Tor. Die Langnauer verlieren 4:5. Es ist seine erste Partie seit dem verletzungsbedingten Ausscheiden gegen den SCB. Aber er ist noch nicht «zwäg», an der Niederlage mitschuldig und gilt nun erneut als verletzt. Also kommt Robert Mayer nach 9 Monaten und 13 Tagen erstmals wieder zum Einsatz. Gegen den stärksten Sturm der Liga. Er wird 34 von 35 Pucks abwehren (97,14 Prozent). Damit ist er momentan statistisch der beste Goalie der Liga.

Welch zentrale Rolle Robert Mayer spielt, mag eine Episode zeigen. Der Reporter des Langnauer Lokalradios («Neo1») möchte Pascal Berger interviewen. Der Captain sagt: «Eigentlich solltest du jetzt Robert Mayer befragen.»

Langnaus neuer Torhüter wird später freundlich Auskunft geben. Offenbar musste er noch ein wenig verschnaufen. «Ich konnte mich zwar im Sommer in Davos gut vorbereiten.» Aber kein Training könne die Intensität und die Emotionen eines Spiels ersetzen. «In der ersten Pause musste ich mich beinahe übergeben, im zweiten Drittel kamen die ersten Krampferscheinungen in den Beiden und irgendwie habe ich das letzte Drittel überstanden.» Robert Mayer taumelte sozusagen zum Sieg.

Das sagte Mayer nach dem Spiel.

Zur Situation in Davos sagt er klugerweise nichts. Ein Profi eben. Er wisse nicht, was Davos und Langnau ausgehandelt haben und sei einfach froh, dass er wieder spielen könne. Das Angebot eines leihweisen Wechsels nach Langnau hätte er theoretisch auch ablehnen können. «Aber nach einem kurzen Gespräch mit meiner Frau war klar, dass wir nach Langnau zügeln.»

Die Familie ist dem Nationaltorhüter wichtig. Ausgerechnet am 1. Geburtstag seines Söhnchens reiste er am letzten Donnerstag nach Langnau. «Ich bin gegen fünf Uhr in Davos losgefahren. Er ist kurz vor meiner Abfahrt erwacht und ich konnte mich von ihm verabschieden.»

Vorerst logiert Robert Mayer im Hotel Hirschen – er präzisiert: «Romantik Hotel Hirschen» – und verlängert die berühmte Gästeliste von Trainern und Spielern, die dort schon genächtigt und gerockt haben, bis eine Wohnung parat war. Nach Spielschluss in Biel ist Robert Mayer gleich wieder zu seiner Familie nach Davos hinaufgefahren, am Sonntagabend kehrt er zurück nach Langnau und im Laufe der nächsten zwei Wochen wird die ganze Familie ins Emmental zügeln.

Ein wahres Bijou.
Ein wahres Bijou.
bild: hirschen-langnau.ch

Durchaus denkbar, dass sein Gastspiel länger dauert als bis Ende Januar. Für Sportchef Marc Eichmann ist das Engagement von zwei starken Torhütern von zentraler Bedeutung. In einer heilen Welt könnten das nächste Saison Robert Mayer und Ivars Punnenovs sein. Aber für eine solche Lösung braucht es viel Ausdauer bei den Verhandlungen. Marc Eichmann bestätigt, dass er von Ivars Punnenovs nun zeitnah eine Antwort will. «Es geht noch nicht um eine Vertragsunterschrift. Aber ich will von ihm wissen, ob er bei uns bleiben will. Dann können wir über die Vertragsdetails reden.»

Siege haben viele Väter. So ist es auch bei diesem 4:1 in Biel. Jesper Olofsson erzielte in Biel seine Saisontreffer 8 und 9 und ist damit der beste Torschütze der gesamten Liga.

Er ist kein typischer schwedischer Stürmer. Keiner, der ständig im Kollektiv denkt und gerne hinten aushilft. Er ist eben ein «Gambler». Mehr Instinkt- als Systemspieler. Auch deshalb hat ihm letzte Saison das lange Warten auf eine Chance zu schaffen gemacht: Zehn Monate lang konnte er nicht spielen und trainierte zeitweise mit den Junioren. Wer nicht spielen kann, verliert den Instinkt. Auch das beste Training kann Abschlusssituationen nicht simulieren. Kein Wunder blieb er dann in Bern in 26 von 32 Qualifikations-Partien ohne Torerfolg. «Wenn du weisst, dass du Tore schiessen kannst, es aber nicht klappt, dann ist das frustrierend.»

Jesper Olofsson trifft und trifft und trifft.
Jesper Olofsson trifft und trifft und trifft.
Bild: keystone

Sein Vertrag wird vom SCB daher nicht verlängert und er steht nach der letzten Saison wieder mit leeren Händen da. Seine Statistiken waren zwar recht gut. Aber eben nicht gut genug für einen neuen Vertrag. Er wird beim SCB gar als «Chancentod» bezeichnet. Eine schlimme Beleidigung für einen, dessen wichtigste Qualität das Toreschiessen ist.

Obwohl er die Erwartungen in Bern nicht erfüllt, ist nicht zu übersehen, dass er wahrscheinlich der beste Handgelenk-Schütze der Liga ist. Schüsse aus dem Handgelenk sind zwar weniger scharf als Schlagschüsse, aber sie sind präziser und kommen für die Torhüter überraschender. «Mein Vater sagte immer wieder, Handgelenkschüsse seien erfolgsversprechender und es sei besser diese Variante statt Slapshots zu üben.» Diesen väterlichen Rat hat Jesper Olofsson beherzigt.

Aber eben: Er findet beim SCB sein Glück nicht. Er möchte trotzdem gerne im Raum Bern bleiben. Auch, weil er hier seine beiden Töchter einschulen kann. Und so kommt ihm das Angebot der SCL Tigers wie gerufen. Die Legende, er habe Langnaus Sportchef Marc Eichmann gleich selbst angerufen, mag er zwar nicht bestätigen. Aber er sagt: «Wir waren uns schnell einig.»

Nun ist jedes seiner Tore für Langnau ein Nadelstich in die SCB-Seele. Und weil der Satan der Polemik ausnahmsweise nicht weichen will, wieder einmal der Vergleich zwischen den vier ausländischen Stürmern in Bern und in Langnau.

Das Quartett der Langnauer steht nach 8 Spielen bei 17 Toren, 19 Assists und 36 Punkten. Dasjenige der Stadtberner bei 11 Toren, 15 Assists und 26 Punkten. Obwohl Langnaus Aleksi Saarela wegen Rückenbeschwerden die Partie in Biel auslassen musste.

Olofsson hat sein Glück doch noch gefunden.
Olofsson hat sein Glück doch noch gefunden.
Bild: keystone

Keine Polemik. Nur eine auf Fakten basierende Erfolgsformel. Noch aussagekräftiger ist in der Ausländerfrage nämlich der tatsächliche Qualitätsfaktor. Die 26 Punkte der SCB-Ausländer müssen wir durch zwei dividieren. Weil ja ein Ober- und ein Untersportchef bei der Suche beteiligt waren.

Die 36 Punkte der SCL-Ausländer teilen wir hingegen nur durch eins. Weil nur ein Sportchef an der Rekrutierung der Ausländer gearbeitet hat. Macht also 36:13 für die Langnauer.

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