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Tigers Benjamin Neukom jubelt waehrend dem Meisterschaftsspiel der National League zwischen den SCL Tigers und den ZSC Lions, am Samstag, 2. Januar 2021, im Ilfisstadion in Langnau. (KEYSTONE/Marcel Bieri)

Tigers Benjamin Neukom jubelt während dem Meisterschaftsspiel der National League zwischen den SCL Tigers und den ZSC Lions, am Samstag, 2. Januar 2021, im Ilfisstadion in Langnau. Bild: keystone

Eismeister Zaugg

Das Bernbiet wie New York und ein paar ewige Hockey-Weisheiten

Endlich wieder einmal ein «Doubleheader» im Bernbiet. So wie sonst nur in New York. Und selten war ein Tag so lehrreich wie dieser 2. Januar.



Ein «Doubleheader» steht für zwei Spiele hintereinander in der gleichen Liga, im gleichen Kulturkreis und in der gleichen Region. Eigentlich gibt es diese «Doubleheader» vor allem in der NHL und im Raum New York. Beispielsweise mit einem Nachmittagsspiel der Rangers im Madison Square Garden und einem Abendspiel in New Jersey drüben oder der Islanders in Brooklyn oder draussen in Long Island.

Für einmal ist ein «Doubleheader» im Bernbiet möglich. Um 15:45 Uhr Langnau gegen die ZSC Lions und um 19:45 Uhr Biel gegen Zug. Welch hoffnungsvoller Auftakt zum Hockeyjahr 2021: Eine Vollrunde mit sechs Partien. Keine Verschiebung. Und eben: Ein «Doubleheader».

Mit dem Auto dauert es bei geringem Verkehrsaufkommen von Langnau über Worb und Bern nach Biel ungefähr gleich lang wie von Manhattan hinaus nach Long Island oder hinüber nach New Jersey. Es ist allerdings in der Region New York klüger, die Eisenbahn zu benützen.

Das Spiel in Langnau und dann die Fahrt über Worb und Bern nach Biel und die dortige Partie sind überaus lehrreich. Beginnen wir ganz «süferli», ganz sachlich (schreiben, was ist) mit dem Sport. Langnau gegen die ZSC Lions beweist vor allem eines: die Qualität und Ausgeglichenheit unserer Liga. Die Zürcher verlieren nicht – wie es das Resultat (3:5 nach einer 3:1-Führung) vermuten liesse, weil sie nach dem 3:1 arrogant oder nachlässig werden. Sie verlieren ein sehr gutes Spiel, weil der Gegner noch härter arbeitet und mutig ist.

Der Sieg gegen den SCB (4:3) am 23. Dezember hat das Selbstvertrauen der Emmentaler gestärkt. Gut hatten sie schon vorher oft gespielt. Nur nützt das nichts, wenn gute Darbietungen nicht in Siege verwandelt werden können. Gegen die ZSC Lions standen die Langnauer auf den Zehen. Was in der Hockeysprache bedeutet: sie waren immer aktiv, immer bereit, den Gegner unter Druck zu setzen und ihm in kurzen Phasen das eigene Spiel aufzuzwingen. Dies im Gegensatz zum «auf den Fersen» stehen. Also passivem, abwartendem Spiel. Diese Aussage steht im Gegensatz zur Statistik (25:48 Torschüsse). Aber die Differenz wird vor allem in der Schlussphase (7:20 im letzten Drittel) so extrem als die Zürcher mit allen Mitteln den Ausgleich suchen. Entscheidend ist: die SCL Tigers nützen jede Gelegenheit zum offensiven Nadelstich.

Ewige Weisheiten werden bestätigt: mit einem Torhüter, der «auf dem Kopf steht» (Ivars Punnenovs wehrt mehr als 93 Prozent der heranfliegenden Pucks ab), mit Mut, mit Leidenschaft, mit ein bisschen Glück kann in dieser Liga an einem guten Abend ausnahmsweise auch ein krasser Aussenseiter hin und wieder ein Spiel gewinnen. Aber nur ausnahmsweise.

Und oben in der Loge rechnet einer aus: In den letzten Minuten – die ZSC Lions bringen die Besten der Besten und die teuersten der Teuren zum Einsatz – treten gut und gerne zwei Millionen gegen etwas mehr als 500'000 Franken Lohnsumme an.

Es mag ein Klischee sein, das wir nicht mehr lesen mögen. Aber es gilt: schreiben, was ist. Was uns ein wortmächtiger Dichterfürst (der Name ist mir soeben entfallen) in einem Werk der Weltliteratur lehrt. Der Titel: «Geld und Geist». Publiziert in zwei Teilen in den Jahren 1843 und 1844. Und heute aktueller denn je.

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In Biel gewinnt Zug 2:0. Die Besonderheit dieser Partie: Zug spielt so wie ein Meisterteam. Exakt so, wie es sich jeder Coach erträumt: ein Torhüter, der sein bestes Hockey zeigt (Leonardo Genoni). Der teuerste Schweizer «Sniper», der im Powerplay den Siegestreffer erzielt (Grégory Hofmann). Eine Defensivorganisation, die gegen einen schwungvoll, kreativ und mutig stürmenden Gegner nie auseinanderfällt. Und auch hier: Der Verlierer spielt – wie die ZSC Lions in Langnau – eine gute, ja zeitweise grosse Partie.

Was auffällt: wir sehen den wahren Leonardo Genoni. Also den ruhigen, coolen Leonardo Genoni, der den Puck immer im Auge hat, der zu wissen scheint, wohin der Puck fliegen wird, bevor die Hartgummischeibe überhaupt die Stockschaufel des Angreifers verlassen hat. Es ist der Leonardo Genoni in meisterlicher Form. War er in Zug schon einmal so gut? Wahrscheinlich nicht.

Zugs Torhueter Leonardo Genoni, Zugs Raphael Diaz und Langnaus Marcus Nilsson, von links, im Eishockey Spiel der National League zwischen dem EV Zug und den SCL Tigers am Mittwoch, 23. Dezember 2020, in der Bossard Arena in Zug. (KEYSTONE/Alexandra Wey)

Zugs Torhüter Leonardo Genoni, Zugs Raphael Diaz und Langnaus Marcus Nilsson, von links, im Eishockey Spiel der National League zwischen dem EV Zug und den SCL Tigers am Mittwoch, 23. Dezember 2020, in der Bossard Arena in Zug. Bild: keystone

Zugs Trainer Dan Tagners ist auf einer Mission. Zum ersten Mal einen Titel gewinnen. Er ist sehr zufrieden, aber nicht selbstzufrieden. Er freut sich über die Leistung seiner Männer, aber er kann die gute Leistung einordnen: ein Sieg auswärts gegen ein starkes Biel ist noch lange kein Titelgewinn. Immerhin lobt er Leonardo Genoni und hält fest: «Seine Vorderleute haben ihm die Arbeit sehr erleichtert. Es ist für einen Torhüter viel einfacher, wenn er ins Spiel der Mannschaft so integriert ist, dass er weiss, wie alles funktioniert.»

Und was lernen wir auf der knapp einstündigen Fahrt mit dem Automobil von Langnau über Worb und Bern nach Biel? Wir biegen bei Muri auf die Autobahn ein, die uns an Bern vorbeiführen wird. Und auf dieser Fahrt taucht linkerhand der Hockeytempel auf. Mit einem wunderbaren, blauen Leuchtmuster. Nun werden wir etwas poetisch-literarisch-philosophisch.

Nirgendwo ausserhalb von Nordamerika versammeln sich in normalen Zeiten so viele Frauen, Männer und Kinder zum Hockeyspiel wie hier. Ein imposantes Gebäude, das die Macht und die ruhmreiche Geschichte der Hockeyfirma erahnen lässt, die hier wohnt. Und drinnen gibt es ja die gigantischste, furchteinflössendste Stehplatzrampe der Hockey-Weltgeschichte. Wer nur auf diesen optischen Eindruck baut, neigt zur Ehrfurcht, zum Kniefall vor dem grossen SC Bern.

Aber wie sieht es drinnen in diesem Tempel denn tatsächlich aus? Nun, die Stehplatzrampe gehört immer noch – wenn Publikum zugelassen ist – zum Eindrücklichsten, was es auf dem Planeten Hockey gibt. Wenn wir uns jedoch drinnen etwas genauer umschauen, dann fällt uns etwas auf: Oben, in den Logen der Mächtigen und Reichen (VIP), dort, wo auch Champagner geschlürft wird und Lachs auf der Zunge vergeht, da ist alles neu und modern und aufs Vortrefflichste hergerichtet.

Aber unten, dort wo die gewöhnlichen Zuschauerinnen und Zuschauer das Spiel verfolgen, wo vor allem Bier getrunken und Wurst («Bärenzipfel») gegessen wird, erweckt diese Arena nicht gerade den Eindruck von Baufälligkeit. Das wäre denn doch im höchsten Masse respektlos. Aber den Eindruck einer seltsamen Schäbigkeit. Das liegt optisch vor allem am Fussboden: Er mahnt an einen Wagenschopf.

Tatsächlich kehren die fleissigen Helferinnen und Helfer nach einer Partie (wenn Zuschauerinnen und Zuschauer zugelassen sind) die Arena mit riesigen Reisbesen aus, wie sie einst die Emmentaler Bauern benützten, um den Wagenschopf vor dem Hofbesuch des örtlichen Pfarrers besenrein zu machen.

Wenn doch nur ein neuer Boden verlegt würde, ein richtiger, gepflegter, glatter Boden, dann wäre alles viel neuer, schöner, «aamächeliger». Wenn wir ehrlich sind (schreiben, was ist): Die Stadien in Langnau und Biel sind moderner und zweckmässiger und eben «aamächeliger». Bern ist von der Infrastruktur her eigentlich nur noch die Nummer 3 im Kanton.

Warum kommt der Chronist ausgerechnet jetzt mit dieser Schilderung? Weil er beim Vorbeifahren denkt: Ist es denn mit dem SCB heute sportlich nicht genau gleich bestellt? Ist denn der SCB in unserer Wahrnehmung nicht noch immer gross, mächtig wie die Arena von aussen? Immerhin ist der SCB nach wie vor Titelverteidiger mit einer der teuersten Mannschaften der Liga.

Ist die Differenz zwischen der höchsten SCB- Führungsetage und dem, was unten in der Kabine und auf dem Eis vorgeht, nicht auch ähnlich gross wie der Unterschied zwischen dem Komfort oben in den VIP-Logen, dieser eigenen Welt, und dem irgendwie schäbigen Zustand der Arena unten? Symbolisiert dieses «wir da oben» und «ihr da unten» nicht ein wenig die Hoffart, Arroganz und Ignoranz der höchsten SCB-Kommandoebene gegenüber den zahlenden Kunden und Kundinnen und den Zuständen in der Sportabteilung, die inzwischen jeder Beschreibung spotten.

Das sind die Gedanken eines arglosen Chronisten, der soeben am Hockey-Tempel der Hauptstadt vorbeigefahren ist. Und er denkt: So darf man nicht denken. Solche ketzerischen Überlegungen gehören sich einfach nicht. Bitte als Berner mehr Respekt vor dem grossen, mächtigen, stolzen SCB!

Vier Stunden später rollt der Chronist nach der Partie in Biel über Solothurn und Lindenholz heimwärts. Er weiss längst, dass der SCB in Lausanne gleich 1:7 untergegangen ist. Und dass nun auch Philip Wüthrich, der Beste, der Tapferste beim SCB, das Unheil nicht mehr aufhalten konnte.

Wenn der Chronist seinem Motto (schreiben was ist) treu bleibt, dann kommt er zum Schluss: Die ketzerischen Gedanken, die er auf der Autobahnfahrt vorbei am SCB-Tempel hatte, sind nicht ketzerisch. Der SCB ist auch sportlich nur noch die Nummer 3 im Kanton. Und gäbe es diese Saison eine Relegation, dann wäre der SCB inzwischen auch Abstiegskandidat Nummer 1.

Es ist, wie es ist: Langnau und Biel sind aus eigener Kraft aufgestiegen. Der SCB ist 1986 am «grünen Tisch» aufgestiegen. Der SCB wird diese Saison am «grünen Tisch» gerettet.

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