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SC Bern Spieler reagieren nach der Niederlage (0-1), im sechste Eishockey Playoff Viertelfinalspiel der National League zwischen dem SC Bern und dem EV Zug, am Freitag, 23. April 2021, in der Postfinance Arena in Bern. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Der Meister ist entthront: Die SCB-Spieler nach der letzten Niederlage gegen den EV Zug. Bild: keystone

Eismeister Zaugg

Meister SCB ist entthront und sportlich der FC Basel des Hockeys

Titelverteidiger SCB hat sich gegen Zug würdig von der grossen Bühne verabschiedet. Bevor es wieder aufwärts geht, muss noch die Rechnung für die sportlichen Versäumnisse bezahlt werden.



Marc Lüthi hat den SCB zur erfolgreichsten Sportfirma des Landes gemacht. Mit sechs Titeln seit der Jahrhundert-Wende und Jahr für Jahr schwarzen Zahlen. Nur wegen der Virus-Krise wird der SCB diese Saison erstmals seit 1999 in die Verlustzone geraten.

Nie zuvor ist einem Sportunternehmen eine solch lange Ära der sportlichen Dominanz und wirtschaftlichen Stabilität gelungen.

Die Loyalität zu seinen Mitarbeitern gehört zu den Erfolgsgeheimnissen von SCB-Manager Marc Lüthi. So hat er mit einer kleinen, verschworenen Gruppe eine höchst erfolgreiche Sportfirma aufgebaut. Kompetente Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter honorieren diese fast bedingungslose Loyalität durch die Identifikation mit dem Unternehmen SCB. Wer beim SCB arbeitet, lebt den SCB.

CEO Marc Luethi, spricht waehrend einer Vorsaison-Medienkonferenz des SC Bern, am Montag, 31. August 2020 in der Postfinance Arena, in Bern. (KEYSTONE/Anthony Anex)

SCB-Manager Marc Lüthi: Erfolg dank Loyalitäts-Prinzip. Bild: keystone

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ein wichtiger Faktor dieser Erfolgsgeschichte – dieses Loyalitäts-Prinzip – nun auch eine der Ursachen für den sportlichen Niedergang geworden ist.

Das Unternehmen ist unter Marc Lüthi noch nie durch Intrigen, durch Gezänk um die Plätze an den Honigtöpfen oder gar Finanzskandale erschüttert worden. Unter Marc Lüthi geschäftet der SCB transparent, klar und wahr. Unabhängig von Mäzenen, die sich ins sportliche Geschehen einmischen. So wird es auch weiterhin bleiben.

Einerseits die Stabilität neben dem Eis, andererseits kompromissloses Leistungsdenken und keinerlei Vetternwirtschaft auf dem Eis. Das war die Erfolgsformel.

Nach der Entlassung von Guy Boucher wollte Sportchef Sven Leuenberger seinen Bruder Lars zum Cheftrainer befördern. Marc Lüthi lehnte dieses Ansinnen aus Rücksicht auf die Aussenwahrnehmung ab. Also legte Sven Leuenberger sein Amt nieder und seit dem Sommer 2017 ist er Sportchef der ZSC Lions. Mit Lars Leuenberger ist der SCB 2016 Meister geworden.

Sven Leuenberger hatte noch den Kern des Meisterteams von 2016, 2017 und 2019 zusammengestellt. Mit ihm hat der SCB nicht nur zu viel sportliche Kompetenz verloren. Mit ihm ist auch der Mann gegangen, der es wagte, Marc Lüthi in sportlichen Belangen auf Augenhöhe entgegenzutreten. Er war zehn Jahre lang im Sport das, was Marc Lüthi im übrigen SCB ist.

Es wäre durch geschickte Transfers problemlos möglich gewesen, die Mannschaft zu erneuern.

Sanft gestreift von den verführerischen Schwingen des Grössenwahns und geblendet vom meisterlichen Ruhm der letzten Jahre hat Marc Lüthi die Mängel der sportlichen Führung nach wie vor nicht im ganzen Ausmass erkannt. Für die sportliche Abteilung gilt inzwischen nicht mehr das Leistungs-Prinzip. Sondern das absolute Loyalitäts-Prinzip. Deshalb handelt Marc Lüthi als oberster Personalchef nicht, wo er handeln sollte.

Dass der SCB innerhalb von zwei Jahren seine sportliche Dominanz eingebüsst hat, ist einerseits den Gesetzen des Sportes, aber mehr noch dem Versagen des sportlichen Managements zuzuschreiben. Eine Phase des Umbruchs ist unumgänglich. Aber sie hätte nicht gleich in den Tabellenkeller (inzwischen in der Qualifikation zweimal hintereinander auf Rang 9) führen müssen.

Es wäre durch geschickte Transfers problemlos möglich gewesen, die Mannschaft zu erneuern und dabei trotzdem in der Spitzengruppe der Liga zu halten.

ARCHIVBILD ZUM WECHSEL VON DAVOS' SPORTCHEF RAETO RAFFAINER ZUM SC BERN, AM MITTWOCH, 20. JANUAR 2021 - Sportchef Raeto Raffainer posiert im Sommertraining beim HC Davos, aufgenommen am Donnerstag, 18. Juni 2020, in Davos. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Raeto Raffainer muss retten, was noch zu retten ist. Bild: keystone

Was viel schwerer wiegt als die teuren Fehltransfers der Ära von Alex Chatelain: vom Mai 2020 bis zur Ankunft von Raeto Raffainer im Februar 2021 hat die sportliche SCB-Führung durch vollständige Inaktivität versagt.

Der SCB mit all seinen immensen Möglichkeiten zur beruflichen Weiterbildung, mit der Nähe zu der Universität, mit der Magie seiner Geschichte und seiner Erfolge, ist der einzige Klub, dem es in diesem Zeitraum nicht gelungen ist, auch nur einen einzigen namhaften Transfer von Schweizer Spielern aufzugleisen.

Dabei waren während dieser Zeit so viele sehr gute junge Spieler auf dem Markt wie schon seit Jahren nicht mehr. Sogar Langnau und Ambri operierten mit weniger Geld erfolgreicher.

Was noch schwerer wiegt: es ist der völlig überforderten sportlichen Führung nicht einmal gelungen, wenigstens wichtige eigene Spieler zu halten. Team-Playoff-Topskorer André Heim zügelt mit Yanik Burren – auch er ein SCB-Junior – nach Ambri. Selbst die Vertragsverlängerung von Kultspieler Beat Gerber, der inzwischen 1000 Spiele für den SCB bestritten hat, geriet zu einem unwürdigen wochenlangen Theater.

Nun muss Raeto Raffainer retten, was noch zu retten ist. Zusammen mit dem Personal, das den Schaden angerichtet hat. Intern Tacheles reden und Fehlentwicklungen aufzeigen darf er nicht. Er würde die Befindlichkeiten seiner Majestät Marc Lüthi stören.

Die Virus-Krise ist bloss eine wohlfeile Ausrede für den sportlichen Niedergang.

Die Virus-Krise ist bloss eine wohlfeile Ausrede für den sportlichen Niedergang. Der SCB ist, anders als Marc Lüthi gerne fabuliert, nicht stärker als andere Klubs betroffen: der SCB kassiert aufgrund seiner Zuschauerzahlen mit grossem Abstand am meisten staatliche Hilfsgelder. Das Scheitern ist hausgemacht.

Beim SCB hängt sportlich fast alles davon ab, ob sich Raeto Raffainer intern durchzusetzen vermag, genug Energie und Überzeugungskraft zur Reorganisation der sportlichen Führungsebene und zum Transferieren aufbringt. Soll es funktionieren, muss er als Obersportchef vorerst nach wie vor alles selbst machen.

Es ist ja gar nicht so schwierig. Die Kerngruppe um Captain Simon Moser hält die Mannschaft zusammen. Kabine und Leistungskultur sind intakt. Zudem verfügt der SCB über eine vorzügliche Junioren-Abteilung und das Bernbiet über ein riesiges Nachwuchsreservoir. Aber man muss die Talente halt schon rechtzeitig erkennen und fördern. Auch hier ist Raeto Raffainer gefordert.

Marc Lüthi braucht lediglich ein paar kluge Personalentscheide auf der sportlichen Führungsebene, um den SCB auch sportlich wieder glaubwürdig und handlungsfähig zu machen. Den ersten hat er mit der Verpflichtung von Raeto Raffainer bereits getan.

Aber die Korrektur der Versäumnisse und Irrtümer der jüngsten Vergangenheit braucht zwei bis drei Jahre Zeit. Der SCB kommt nicht darum herum, die Rechnung für die sportliche Misswirtschaft zu bezahlen. Sozusagen in der sportlichen (nicht aber in der finanziellen!) Rolle eines FC Basel des Eishockeys. Und wenn wir schon beim Fussball sind: YB verdankt seine sportliche Dominanz in allererster Linie einem kompetenten sportlichen Management.

Wie es sein sollte, kann Marc Lüthi also sozusagen von seinem Büro aus auf der anderen Seite der Strasse sehen.

Den nächsten SCB-Final sollten wir frühestens 2025 erwarten.

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