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Wie geht's weiter mit Langnaus Topskorer Olofsson?
Wie geht's weiter mit Langnaus Topskorer Olofsson?Bild: keystone
Eismeister Zaugg

Ueli der Knecht oder Doktor Schiwago? Das ist die Frage beim «nordischen Pestoni»

Kann Jesper Olofsson auch an einem anderen Ort als Langnau sein bestes Hockey spielen? Schwedens Antwort auf Inti Pestoni hat inzwischen mehrere Angebote aus der KHL. Das hat sein Agent bestätigt.
23.10.2021, 07:0023.10.2021, 13:57

Die Hockeywelt ist ein wenig aus den Fugen geraten. Langnaus ausländische Stürmer Jesper Olofsson (1.), Alexandre Grenier (2.) und Harri Pesonen (2.) belegen die drei ersten Plätze der Liga-Skorerliste. Die drei besten ausländischen Stürmer Luganos finden wir auf den Positionen 18 (Mark Arcobello), 31 (Mikkel Boedker) und 122 (Troy Josephs). Noch Fragen? Nein.

Das ist umso erstaunlicher, wenn wir die unterschiedlichen wirtschaftlichen Voraussetzungen dieser beiden Hockey-Unternehmen berücksichtigen. Wir können es etwas salopp so erklären: Wenn Langnaus Sportchef auf Einkaufstour geht, dann muss er vorher zähneknirschend mit einem Sackmesser mühselig einen Fünfliber aus dem Sparschwein herausklauben. Luganos Sportchef Hnat Domenichelli setzt hingegen lächelnd per Knopfdruck das leise surrende Förderband zum Geldsilo in Gang.

Langnau gegen Lugano (6:5 n.V). Eine taktisch überaus interessante Partie von allerhöchstem Unterhaltungswert: Noch nie hat ein so talentiertes Team so rustikales Hockey zelebriert wie Lugano unter Chris McSorley. Die Scheibe so schnell und so weit wie es geht nach vorne zirkeln. Wenn möglich direkt aufs Tor. Ohne all den neumodischen taktischen skandinavischen Schnickschnack.

Langnau blickt über die Saison hinaus

Das wirkt ungefähr so, wie wenn das brasilianische Fussball-WM-Team von 1982 mit den spielerischen Paradiesvögeln Zico, Falção, Cerezo, Éder und Sócrates «Kick and Rush» gespielt hätte. Weil auch Chris McSorleys Zauberlehrling Jason O’Leary seine viel bescheideneren Kräfte in einem ähnlichen System bündelt (er diente einst eine Saison lang in Genf als Assistent des heutigen Lugano-Trainers), entwickelte sich ein Spektakel sondergleichen zwischen zwei Mannschaften, die den kürzesten, direktesten Weg zum gegnerischen Tor suchten. Insgesamt 77 Abschlussversuche. Zum Vergleich: 75 waren es am Freitagabend bei Ambri gegen die ZSC Lions, 70 bei Zug gegen Bern, 57 bei Davos gegen Servette und 44 bei Rapperswil-Jona gegen Gottéron.

Aber Achtung: Wenn Lugano einen guten Torhüter zur Verfügung hat und wenn Mirco Müller nicht mehr bloss so spielt wie ein «Jesse Zgraggen des reichen Mannes» (bisher erst 4 Punkte aus 17 Partien für den teuersten Verteidiger der Liga-geschichte – gleich viele wie Jesse Zgraggen in Davos), dann ist Lugano ein Meisterkandidat.

Langnau hat keine Titelträume. Der Blick geht über die aktuelle Saison hinaus. Die Frage ist: Gelingt es, Liga-Topskorer Jesper Olofsson zu halten?

Zwei pflegeleichte, sensible Musterprofis

Auf den ersten Blick scheint es unmöglich, den auslaufenden Vertrag des Schweden zu verlängern. Er verdient jetzt in Langnau nicht einmal 200'000 Franken netto. Noch nie seit Einführung der Playoffs (1986) hat es einen ausländischen Spieler mit einem besseren Preis-Leistungs-Verhältnis gegeben. Also wird ihn die ganze Liga jagen.

Restlos glücklich war Inti Pestoni bisher nur in Ambri.
Restlos glücklich war Inti Pestoni bisher nur in Ambri.Bild: keystone

Aber so ist es nicht. Weil die meisten Sportchefs Jesper Olofsson als Schwedens Antwort auf Inti Pestoni einschätzen.

Da ist was dran. Beide sind taktische Freidenker. Künstler, nicht Fräser. Beide folgen ihren spielerischen Instinkten, nicht taktischen Vorgaben. Beide scheinen wegen ihrer Schlauheit, ihrer Fähigkeit, im richtigen Augenblick am richtigen Ort aufzutauchen, viel schneller als sie tatsächlich sind. Beide sind Flügel und keine Center und Kunstschützen, die mit dem Puck von der blauen Linie aus eine auf der Latte sitzende Fliege treffen. Und pflegeleichte, sensible, freundliche Musterprofis.

Dazu passt durchaus, dass es Inti Pestoni (30) bisher lediglich zu ein paar Operetten-Länderspielen, aber nie zu einem WM-Aufgebot gebracht hat. Und Jesper Olofsson (29) nach wie vor auf sein erstes Länderspiel wartet.

Eine Mischung aus Ponyhof und Disneyland

Den grossen Bandengeneräle sind halt Künstler wie Inti Pestoni und Jesper Olofsson oft nicht ganz geheuer. Ein Sportchef eines wichtigen Klubs sagt: «Ich glaube nicht, dass sich Jesper Olofsson bei einem Grossklub durchsetzen kann.» Da ist was dran: Künstler brauchen Freiheiten und Selbstvertrauen. Wenn sich zu viele Leitwölfe um Eiszeit, Ruhm und Skorerpunkte balgen, bleiben sensible Künstler oft auf der Strecke.

Langnau ist für Jesper Olofsson so etwas wie eine Hockey-Mischung aus Ponyhof und Disneyland: Viel, aber nicht zu viel Eiszeit. Alle spielerischen Freiheiten. Tolle Spielkameraden (oft zusammen mit Harri Pesonen und Alexandre Grenier auf dem Eis). Allerhöchste allseitige Wertschätzung. Es ist, als sei er in Langnau am Ort seiner Bestimmung angelangt.

Damit sind wir erneut beim Vergleich mit Ambris Topskorer. Ambri ist für Inti Pestoni wie eine Mischung aus Ponyhof und Disneyland: Viel, aber nicht zu viel Eiszeit. Alle spielerischen Freiheiten. Tolle Spielkameraden (oft zusammen mit Dominic Zwerger auf dem Eis). Allerhöchste allseitige Wertschätzung. Restlos glücklich war er bisher nur in Ambri. In Zürich, Davos und Bern verdiente er zwar gutes Geld. Aber es war fast, als hätte er während der fünf Jahre in der Fremde seine Hockey-Seele verkauft. Nun ist er wieder daheim in der Leventina und trägt das Ehrengewand des Topskorers.

Olofsson könnte der Versuchung KHL erliegen

Inti Pestoni ist Tessiner, Ambri ist seine Heimat. Jesper Olofsson ist Schwede, Langnau ist nicht seine Heimat. Aber mehr und mehr wird Langnau seine neue, wahre Hockeyheimat. Seine Zukunft ist gar nicht so schwierig zu deuten.

Es liegen Offerten aus der KHL bei Olofssons Agenten auf dem Schreibtisch.
Es liegen Offerten aus der KHL bei Olofssons Agenten auf dem Schreibtisch.Bild: keystone

Ein Wechsel innerhalb der National League ist eher unwahrscheinlich. Die Langnauer sind dazu in der Lage, jede Offerte zu kontern. Das ist umso einfacher, weil auch die wirtschaftlichen Titanen nicht gewillt sind, den Schweden mit Geld zu fluten. Die bisher interessanteste Anfrage kommt aus Davos. Bleibt Jesper Olofsson in der Schweiz, dann haben die SCL Tigers sehr gute Chancen, ihn zu halten.

Das Problem: Inzwischen liegen Offerten aus der KHL bei seinem Agenten auf dem Schreibtisch. «Wir haben mehrere Interessenten aus der National League und auch aus der KHL», sagt Dani Giger etwas kurz angebunden auf Anfrage.

Der Topskorer der National League dürfte in der grossrussischen Liga einen Marktwert zwischen 800'000 und 1,5 Millionen Franken netto haben. Je nach Klub und «Ortszulage» für das Leben in einem im Vergleich zur Schweiz garstigen Umfeld. Das bedeutet: Selbst ein Familienmensch und Künstler wie Jesper Olofsson, der Lebensqualität sehr zu schätzen weiss, könnte der Versuchung KHL erliegen.

Ein Abschied müsste nicht für immer sein

Am 1. November wird Schweden die Spieler für den Karjala-Cup aufbieten. Gut möglich, dass der «nordische Pestoni» zu seinen ersten Länderspielen kommt. Langnau hat ihm die Freigabe bereits erteilt. Bei diesem Turnier in Helsinki werden viele KHL-Scouts auf der Tribüne sitzen. Bestätigt Jesper Olofsson seine Abschlussqualitäten auf internationalem Niveau, dann wird die KHL zu einer noch grösseren Versuchung.

Sportchef Marc Eichmann sagt, bei einem Angebot aus der KHL sei Langnau aus dem Spiel: «Da könnten wir nicht mithalten. Es wäre für uns hingegen eine Enttäuschung, wenn wir Jesper an einen Liga-Konkurrenten verlieren würden.» Aber selbst ein Wechsel in die KHL müsste kein Abschied für immer sein. Harri Pesonen hat Langnau im Sommer 2020 verlassen, um in der KHL seine «Pensionskasse» zu füllen. Es hat ihm zuvor in Langnau so gut gefallen, dass er bereits nach einem Jahr wieder ins Emmental heimgekehrt ist und für zwei Jahre (bis 2023) unterschrieben hat.

Das ist auch die Strategie im «Fall Olofsson»: Wenn er in die KHL wechseln sollte, alles unternehmen, dass er nach dem Ende des Russland-Abenteuers wieder nach Langnau kommt. Marc Eichmann sagt: «Es ist unsere Aufgabe, alle Möglichkeiten in Betracht zu ziehen…»

Olofsson selbst antwortet klug

Und so können wir die Hockey-Zukunft von Langnaus Topskorer in einem Satz zusammenfassen: Ueli der Knecht oder Doktor Schiwago. Entweder wird er nächste Saison sein Geld im Land von Jeremias Gotthelfs oder im Lande von Boris Pasternak verdienen.

Und was sagt der Schwede eigentlich zu seiner Situation? Er sagt genau das, was ein kluger Spieler in seiner Lage sagt: «Wir werden sehen.»

P.S. zum Abschluss noch die wichtigsten Kennzahlen für das Wohlbefinden der Hockeyseele der Emmentalerinnen und Emmentaler.

  • 77 Punkte (davon 32 Tore) haben Langnaus ausländische Stürmer bisher produziert.
  • 40 Punkte (davon 18 Tore) haben Berns ausländische Stürmer bisher produziert.

Noch Fragen? Nein.

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