Dieses gallische Dorf ist der letzte Zufluchtsort für Berner Hockey-Fans
Ein Playoff-Frühling ohne Bern, Biel, Langnau oder Langenthal – das ist im Bernbiet ungefähr so unvorstellbar wie ein Jodlerfest ohne Chüjermutz oder ein Schwingfest ohne Zwilchhosen.
Und doch ist genau das nun Wirklichkeit geworden. Heute Freitag, am 20. März 2026 beginnen die Viertelfinals der National League – und im Kanton Bern bleibt auf dem Eis alles still und ruhig. Kein nervöses Kribbeln vor dem ersten Bully, kein kollektives Bangen, Hoffen, Fluchen. Nichts.
Es ist ein historisches Vakuum. Seit 1989, seit acht Teams in der höchsten Liga die Playoffs bestreiten (zwischen 1986 und 1989 waren es nur vier), war in den beiden obersten Spielklassen immer mindestens ein bernischer Vertreter im Frühlingsgeschäft dabei. Der SC Bern, Biel oder Langnau. Und wenn oben gerade Playoff-Sendepause war, wenigstens Langenthal oder hin und wieder Langnau eine Etage tiefer.
Selbst 2014, als Bern und Biel die Playoffs der höchsten Liga verpassten, rockte es eine Etage darunter: Die SCL Tigers und Visp zelebrierten bis in den April hinein ein Finaldrama (Langnau verlor in 7 Spielen). Das Leben wurde also für die Bernerinnen und Berner immer irgendwo für 60 Minuten (oder manchmal auch länger) auf eine Frage reduziert: Geht der Puck rein oder nicht?
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Jetzt: nichts mehr. Bern und Biel sind im Play-In gescheitert. Langnau hat es nicht einmal dorthin geschafft. Und Langenthal, einst stolzer Sachwalter bernischer Frühlingssehnsüchte, ist längst freiwillig aus dem Profihockey verschwunden und in die MyHockey League abgestiegen. Dort war soeben im Halbfinal Endstation. Und so bleibt den bernischen Hockeypilgern nur noch ein letzter Zufluchtsort: Huttwil.
Unverhofft der letzte Ort im Kanton, wo noch gespielt wird
Ausgerechnet Huttwil! Ein gallisches Dorf unseres Hockeys. Wenig Glamour, begrenzte Mittel – und doch unverhofft der letzte Ort im Kanton, wo noch gespielt wird. Sogar um den Titel. In der MyHockey League. Hockey Huttwil beginnt am Sonntag um 17 Uhr den Final gegen Seewen und am nächsten Dienstag geht es in Huttwil weiter.
Die Huttwiler hätten aus ihrer unverhofften Exklusivität eigentlich eine Solidaritätsaktion machen können: Halber Eintritt für gestrandete Saisonkartenbesitzer aus Bern, Biel und Langnau. Ein fürsorglicher Akt für entwurzelte Playoff-Seelen. Mancher SCB-Fan wäre womöglich leicht verstört über die Intensität, Leidenschaft und Härte auf Amateur-Stufe. Solcherlei Hockey hat er in Bern oben seit Monaten nicht mehr gesehen.
Nein, hier soll nicht mehr über Sünden, Versäumnisse, Nachlässigkeiten, Fehlentscheidungen, Irrtümer und sonstige Unzulänglichkeiten in Langnau, Biel oder Bern räsoniert werden. Hingegen lohnt sich schon eine nähere Betrachtung, warum im Gotthelf-Land nur noch ausgerechnet in Huttwil gespielt wird.
Nebenschauplatz, Nische, Liebhaberei
Das 5000-Seelen-Städtchen liegt im wilden Süden des Oberaargaus. Ziemlich genau im geographischen Mittelpunkt unseres Landes. Zu nahe an den traditionsreichen bernischen Hockey-Zentren Bern (45 Kilometer), Biel (56 Kilometer), Langnau (30 Kilometer) und Langenthal (15 Kilometer), um eine tragfähige Fanbasis aufzubauen. Wer hier Hockeyfan ist, reist seit Generationen vor allem nach Langnau und Bern, manchmal nach Biel oder Langenthal.
Huttwil war, ist und bleibt Nebenschauplatz, Nische, Liebhaberei. Mehr als 500 Fans kommen meistens erst dann, wenn es in den Playoffs rockt. Immerhin gibt es eine kernige und bisweilen polemische Berichterstattung in der Lokalpresse («Unter-Emmentaler»).
Eine legendäre Schlägerei
Auch infrastrukturell ist Huttwil kein Luxusresort. Die Eisaufbereitung ist seit der Stadioneröffnung im August 1997 eine permanente Mangelwirtschaft. Zwischenzeitlich taumelte das Sportzentrum gar in die Nachlassstundung. Und doch ist hier schon Geschichte geschrieben worden: Am 12. Februar 1998 bezwang die Schweiz, gecoacht von Ralph Krueger Kanada 3:2 und es kam zur grössten Massenschlägerei unserer Hockeygeschichte.
Der Zusammenschluss aus drei lokalen Drittligisten brachte es in Huttwil bis zum Meistertitel in der höchsten Amateurliga (2011). Aber weil die Liga den Aufstieg in die damalige NLB verweigerte, wurde der Klub aufgelöst und das Eis abgeschmolzen. Erst seit 2018 gibt es wieder Eis und durch den Umzug von Hasle nach Huttwil ist aus der ersten Mannschaft des EHC Brandis Hockey Huttwil geworden. Die Eisaufbereitung ist nur dank einem sechsstelligen Zustupf durch die Gemeinde möglich. Gemanagt wird die Anlage von der Goalie-Legende Dino Stecher (Olten, Gottéron).
Wo es so viele Schwierigkeiten zu überwinden gilt, kann nur bestehen, wer pfiffig ist wie Asterix im gallischen Dorf inmitten des übermächtigen Römischen Reiches.
Trainer Bieri, der «Feldmoos-Gretzky»
Am 24. Januar 2020 feuerte Präsident und Klubbesitzer Heinz Krähenbühl seinen Trainer Andreas Beutler (eine SCB-Verteidigerlegende) und beförderte Daniel Bieri vom Assistenten zum Chef. Der neue Trainer schaffte den Klassenerhalt und führte das Team soeben zum fünften Mal hintereinander mindestens bis in den Halbfinal und zum zweiten Mal nach 2022 (Niederlage gegen Basel) in den Final.
Inzwischen liefert Hockey Huttwil eine Blaupause für gutes Management unter prekären Bedingungen. Die Klubstruktur ist schon fast subversiv effizient. Daniel Bieri, ein Entlebucher («Feldmoos-Gretzky») mit Profivergangenheit in Langnau, Sierre, Olten und Lausanne, arbeitet zugleich in einer Kaderposition in der High-Tech-Metall-Bearbeitungsfirma seines Präsidenten. Max Dreier betreibt das Sportchef-Amt mit regionaler Expertise, Herzblut und Spesenlogik.
Ein kleines Stück Aufmerksamkeit im Schatten der grossen Namen
Mit Bescheidenheit, Kompetenz und Leidenschaft haben sich die Huttwiler einen Platz unter den besten 30 Klubs im Land erarbeitet. Gerade deshalb könnte ein Studienaufenthalt hier den SCB-Bürogenerälen nicht schaden. Zumal die wunderschöne Landschaft und die vorzügliche Gastronomie nach der leidvollen Saison zur Erholung beitragen könnten.
Während in Langnau, Biel und vor allem in Bern analysiert wird, spielt Hockey Huttwil einfach weiter. Um einen Titel. Um ein kleines Stück Aufmerksamkeit im Schatten der grossen Namen. So ist ausgerechnet dieses gallische Dorf zum letzten Zufluchtsort für Berner Hockeyfans geworden. Im Kanton der grossen Arenen, der grossen Budgets und der grossen Ansprüche leuchtet das letzte Playoff-Licht dort, wo man mit wenig auskommen muss und gerade deshalb weiss, worauf es ankommt.
PS: Trotz allem, trotz Sorgen und Enttäuschungen in Bern, Biel und Langnau ist doch einiges besser als früher. Dass zur Playoffzeit im Bernbiet nicht mehr gespielt wird, bedeutet nämlich auch: Es gibt zwar in den beiden höchsten Ligen weder Ruhm noch Ehre – aber es gibt auch keine Playout- und Liga-Qualifikationsdramen. Das war schon mal anders.
