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Fribourg-Gottéron: Dino Stecher, der Sündenbock aus den 90er-Jahren

Der ehemalige Fribourg-Goalie Dino Stecher in «seinem» Stadion in Huttwil.
Der ehemalige Fribourg-Goalie Dino Stecher in «seinem» Stadion in Huttwil.Bild: klaus zaugg
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Gottéron, der Sündenbock und Struktur statt offensiver Wahnsinn

Dino Stecher (62) wird heute noch die Schuld für Gottérons drei Final-Niederlagen in Serie in die Schuhe geschoben. Schwelgen in Erinnerungen mit dem berühmtesten Sündenbock unserer Playoff-Geschichte – und eine Prognose, die Gottéron hoffen lässt.
18.04.2026, 15:4118.04.2026, 15:41

Er war einer der besten Torhüter seiner Zeit. Aber dann lässt Moacyr Barbosa am 16. Juli 1950 im letzten WM-Spiel im extra für die WM erbauten Maracana-Stadion in Rio vor gut 200'000 Fans zwei Treffer zu. Brasilien verliert gegen Uruguay 1:2 und Uruguay holt den WM-Titel. Das Land versinkt in einer Depression. Es ist ein nationales Unglück. Der Tag, an dem Brasilien weinte. Die Tränen sind bis heute nicht getrocknet.

Zum Sündenbock wird Torhüter Moacyr Barbosa. Er hat einmal geklagt: «Für Mord wird man nach 20 Jahren begnadigt. Ich habe lebenslänglich bekommen.»

Fussball, WM 1950, Finale, Uruguay - Brasilien 2:1, Maracana Stadion, Rio de Janeiro, 16.07.1950
Alcides GHIGGIA (URU, nicht im Bild) erzielt das 2:1 gegen Torwart Moacyr BARBOSA (BRA)
Moacyr Barbosa kassiert im letzten WM-Spiel das 1:2.Bild: fotogloria

Gottérons Antwort auf Moacyr Barbosa heisst Dino Stecher. Dreimal hintereinander hat Gottéron den Playoff-Final verloren (1992, 1993 und 1994). Der Sündenbock heisst Dino Stecher. Einer der besten Torhüter seiner Zeit. Auch er hat «lebenslänglich». Aber mit dieser Rolle hat er längst seinen Frieden gemacht. Kommt es am 28. April zu einem sechsten Finalspiel, wird er im Stadion sein. Aber nur an diesem 28. April. Sofern es denn ein sechstes Finalspiel gibt.

Dino Stecher sagt, er habe geahnt, dass jetzt wieder in diesen Erinnerungen gekramt werde. Aber er habe seinen Frieden mit dieser Sache gemacht. «Ich sehe es so: Dank mir haben wir dreimal den Final erreicht und nicht wegen mir dreimal den Final verloren …»

Goalie Dino Stecher, HC Fribourg-Gotteron, abgeschirmt von zwei seiner Verteidigern, haelt den Puck sicher unter Kontrolle, aufgenommen im April 1992 in einem Plyoff Finalspiel gegen den SC Bern im Al ...
Stecher stand mit Fribourg gleich dreimal im Playoff-Final.Bild: KEYSTONE

So leicht habe er aber damals die ganze Angelegenheit nicht genommen: «Der erste Final 1992 gegen den SCB war einfach die Krönung der Saison und ein riesiges Fest. Es spielt kaum eine Rolle, dass wir den Titel nicht geholt haben. Beim zweiten Final gegen Kloten war es ein Jahr später ganz anders: Die Erwartungen hoch und die Enttäuschung dann besonders gross. Im dritten Final hatten wir 1993 erneut gegen Kloten keine Chance: Ich war bereits als Sündenbock auserkoren. Es war, als erwarte jeder die Niederlagen und da ja schon klar war, dass ich dann schuld sein würde, schien es allen irgendwie egal zu sein.»

Wohl noch nie ist ein einzelner Spieler im modernen Hockey so in die Rolle des Sündenbockes geraten. «Ich konnte dann einfach nicht mehr. Für mich gab es bei Gottéron so keine Zukunft mehr. Ich bin zum Präsidenten gegangen und habe um die vorzeitige Auflösung des Vertrages gebeten, der noch für eine weitere Saison gültig war.» So kommt es, dass Dino Stecher im Sommer 1994 zum ZSC (damals noch nicht die ZSC Lions) wechselt. Bauernschläue war da auch im Spiel. «Der Präsident hat mir gesagt: Gut, wir lösen den Vertrag auf. Aber wir brauchen eine gute Begründung. Du musst erklären, dass du wegen des Trainers gehst. Ich habe diese Erklärung verweigert.»

Stecher war in den Playoff-Finals jeweils der Sündenbock.
Stecher war in den Playoff-Finals jeweils der Sündenbock.Bild: klaus zaugg

Ein Torhüter schleicht also durch die Hintertüre davon, der sieben Jahre zuvor im Frühjahr 1987 vom Himmel hoch nach Fribourg gekommen ist: Eigentlich hat Dino Stecher, mit 1985 Olten aufgestiegen, bereits bei Lugano zugesagt. Aber dann holt der damalige Gottéron-Präsident und Hobby-Pilot Jean Martinet Dino Stecher zu Vertragsverhandlungen mit dem Helikopter ab. Der junge Mann ist tief beeindruckt und unterschreibt bei Gottéron.

Der Trainer hiess Paul-André Cadieux. Wenn Dino Stecher über diese Zeit erzählt, dann ist aus seinen Worten zu spüren: Er mochte diesen Trainer. Ein guter Psychologe sei «Pole» zwar nicht gewesen. «Aber das war eine andere Zeit.» Was an Fingerspitzengefühl fehlte, habe er bei Weitem durch seine Vorbildrolle und Leidenschaft wettgemacht. «Und er war immer ehrlich und direkt.»

Aber wie kann es sein, dass ein Trainer nie in Frage gestellt wird, der drei Finalspiele hintereinander verliert? Nun, Paul-André Cadieux, der im Herbst 2024 im Alter von 77 Jahren verstorbene Vater von Nationaltrainer Jan Cadieux, war schon damals eine Ikone unseres Hockeys. Legendär geworden durch vier Titel als Spielertrainer in Bern. In Fribourg, der Stadt mit Bischofssitz, gab es ein Wortspiel: «On pense Cadieux». Abgeleitet vom Satz «On ne pense qu'à Dieu» («Man denkt nur an Gott»).

Dino Stecher sagt, das Problem sei die totale offensive Ausrichtung gewesen. Bedingt durch Slawa Bykow und Andrej Chomutow. Zwei sowjetische Stürmer, die zu den besten der Welt gehörten, die ab Herbst 1990 die Liga rockten und durchschnittlich in ihren besten Zeiten für zwei Skorerpunkte pro Spiel sorgten. Beide sind inzwischen eingebürgert worden und leben im Kanton Fribourg, Bykows Sohn Andrej gehörte zum Team, das es 2013 zum vierten Mal in den Final schaffte (gegen den SCB verloren).

Dino Stecher sagt, warum Gottéron dreimal in Serie im Final scheiterte: «Paul-André ist bis heute der einzige Trainer unseres Hockeys, der den Titel mit reinem Offensivhockey holen wollte. Das ist einfach nicht möglich. Meisterschaften gewinnst du über die Defensive. Aber er konnte nicht anders. Wir hatten zwei der besten Stürmer der Welt im Team …»

Ein Spiel erklärt den offensiven Wahnsinn und bringt Dino Stecher immerhin einen ewigen Rekord: Er ist bis heute der einzige Goalie, der acht Tore kassiert und ein Playoff-Spiel doch gewonnen hat.

Am 2. März 1991 siegt Gottéron in der vierten Viertelfinal-Partie in Ambri 9:8 (4:5, 1:2, 3:2). Gottérons Präsident Jean Martinet verbringt die Schlussphase kauernd auf der Medientribüne. Er kann einfach nicht mehr hinschauen, wie sein Goalie Treffer um Treffer kassiert. Nachdem Rick Mettler zum 8:7 getroffen hat (52:36 Min.), lassen Ambris Zeitnehmer bei jedem Unterbruch die Uhr noch ein bisschen laufen, um den Sieg über die Zeit zu retten.

Freiburg-Goalie Dino Stecher in Aktion, aufgenommen am 9. Oktober 1993 in Lugano beim Nationalliga A Eishockeyspiel HC Lugano gegen den SC Freiburg. (KEYSTONE/Str)
Stecher stand bis 1994 bei Fribourg unter Vertrag. Bild: KEYSTONE

Aber Mario Rottaris gleicht aus (58:45 Min.) und Mario Brodmann trifft 49 Sekunden vor Schluss zum 9:8. Doch Mike Bullard gleicht für Ambri noch einmal aus – Sekundenbruchteile zu spät. Tja, hätten die Zeitnehmer nicht geschummelt, hätte der Ausgleich noch gezählt. Dino Stecher über die Schlusssekunden: «Alle sind einfach nach vorne gerannt. Dann sehe ich, wie Mario Brodmann in der Mittelzone schon im Siegesjubel die Arme hochreisst. Ich schaue auf die Uhr und da sind immer noch vier oder fünf Sekunden drauf, Mike Bullard läuft durch und trifft zum 9:9. Wir hatten riesiges Glück, dass der Treffer nicht mehr zählte.» Gottéron gewinnt dann die 5. Partie auf eigenem Eis 7:2, erreicht in dieser ersten Saison mit Bykow und Chomutow den Halbfinal und scheitert dort am SCB.

Mario Rottaris, damals Captain, organisiert heute jedes Jahr ein Treffen der alten Kameraden in Murten. Dino Stecher: «Jedes Jahr halte ich Mario Brodmann diese Szene vor …»

Wir sitzen im Restaurant des Sportzentrums Campus Perspektiven zu Huttwil. Auf dem Gelände steht das Stadion des MyHockey-League-Finalisten Hockey Huttwil. Der Oltner managt die Anlage bereits seit einigen Jahren und ist nach turbulenten Zeiten als Trainer und Assistent in Biel, Olten und Basel hier am Ort seiner Bestimmung angelangt.

Gottéron fünfmal im Final
1992 gegen den SC Bern (2:3)
1993 gegen Kloten (0:3)
1994 gegen Kloten (1:3)

Torhüter: Dino Stecher. Coach: Paul-André Cadieux.

2013 gegen den SC Bern (2:4)
Torhüter: Benjamin Conz. Coach: Hans Kossmann.

2026 gegen den HC Davos
Torhüter: Reto Berra. Coach: Roger Rönnberg.
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Bild: keystone

Das Eishockey von heute verfolgt er mit der Gelassenheit eines Mannes, der mit sich und seiner Karriere im Reinen ist. Mit seinem Sachverstand sieht auch er den HCD im Vorteil. Und doch sei sein ehemaliger Klub nicht chancenlos: Das Spiel von Gottéron sei gut strukturiert und defensiv stabil wie vielleicht noch nie. Defensive Struktur statt offensiven Wahnsinns. Was die Arbeit des Torhüters einfacher mache. Und so sagt Dino Stecher: «Der Einzige, der den Titelgewinn der Davoser verhindern kann, ist Reto Berra.»

Gottéron könnte im sechsten Spiel erstmals Meister werden, wenn Dino Stecher im Stadion ist. Wird er dann zur Meisterfeier gehen? «Nein, dafür bin ich zu alt. Aber ich würde mich sehr freuen …»

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  • 7

    Ein Führungsspieler, der eine Partie entscheiden kann und sein Team auf und neben dem Eis besser macht.

  • 6-7

    Ein Spieler mit so viel Talent, dass er an einem guten Abend eine Partie entscheiden kann und ein Leader ist.

  • 5-6

    Ein guter NL-Spieler: Oft talentierte Schillerfalter, manchmal auch seriöse Arbeiter, die viel aus ihrem Talent machen.

  • 4-5

    Ein Spieler für den 3. oder 4. Block, ein altgedienter Haudegen oder ein Frischling.

  • 3-4

    Die Zukunft noch vor sich oder die Zukunft bereits hinter sich.

  • Die Bewertung ist der Hockey-Notenschlüssel aus Nordamerika, der von 1 (Minimum) bis 7 (Maximum) geht. Es gibt keine Noten unter 3, denn wer in der höchsten Liga spielt, ist doch zumindest knapp genügend.

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quelle: keystone / ennio leanza
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