Arno Del Curto, Josh Holden und der «Hockey-Urknall»
Andere Zeiten, andere Hauptdarsteller, anderes Hockey. Vergleiche zu früher sind fast nicht möglich, ja ein wenig unseriös. Aber es gibt eine Ausnahme. Kein anderer Klub hat seinen Stil im Laufe dieses Jahrhunderts praktisch nicht verändert. Der HC Davos. Nach der letzten Meisterfeier (2015) schien es zwar nach dem Rücktritt von Arno Del Curto einen Moment, als sei auch «sein» HCD-Hockey auf dem Müllhaufen der taktischen Hockeygeschichte gelandet. Für immer dahin. Nicht nur HCD-Romantiker trauerten den wilden, von «Arno-Hockey» geprägten und mit sechs Titeln gekrönten Jahren nach (2002, 2005, 2007, 2009, 2011, 2015) nach. Inzwischen ist klar: Es wird wieder «Arno-Hockey» gespielt. Oder?
Arno Del Curto (69) hat zwischen 1996 und 1998 nicht nur den HCD, er hat unser Hockey geprägt und eine ganze Spielergeneration inspiriert. Und nun stehen die Davoser zum ersten Mal in diesem Jahrhundert (seit 1986) ohne ihn im Final.
Höchste Eisenbahn, beim flamboyanten Ex-Trainer nachzufragen, was er zur Gegenwart zu sagen hat. Er lebt heute im bernischen Oberaargau, einem beschaulichen, hügligen Land hinter Langenthal. Er hat sich seit der letzten Meisterfeier im Frühjahr 2015 kaum verändert. Die gleiche Energie, das gleiche Temperament, aber ein wenig mehr Selbstironie. Golf (aktiv und passiv) und Fussball (passiv) fesseln nun seine Leidenschaft.
Eishockey verfolge er nur in den Medien und er sei bloss einige Male im Schoren, dem Kultstadion des SC Langenthal (MyHockey League) gewesen. Er werde auch während des Finals nicht vor Ort sein. Auch nicht inkognito, vielleicht getarnt mit angeklebtem Schnauz, Perücke oder gefärbtem Haar? «Nein!»
Gleiche Energie, gleiches Temperament, gleiches Feuer
Ja, über den Final und über den HCD will er erst nicht reden. Auch aus Respekt gegenüber den Spielern, den Leistungen von heute. Das Rampenlicht soll uneingeschränkt den Hauptdarstellern der Gegenwart gehören. Er ist kein Nostalgiker, für den früher alles besser war. Aber immer noch ein Romantiker, für den Hockey in erster Linie Spiel und Leidenschaft geblieben ist.
Nach und nach taut er auf und bald redet er sich eben doch ins Feuer. Und es wäre ja schade, wenn er jetzt nicht reden würde. Was Arno Del Curto zu sagen hat, ist immer noch im Quadrat interessanter als das, was all die farblosen Schwätzer schnattern, die ihre Meinung hinter einer Unzahl von unnützen Statistiken verbergen.
Die Persönlichkeit von Josh Holden fasziniert Arno Del Curto. Logisch. Die gleiche Energie, das gleiche Temperament, das gleiche Feuer. Einfach 21 Jahre jünger. So richtig ist er am 31. Dezember 2023 auf den heutigen HCD-Trainer aufmerksam geworden. Während des Spengler-Cup-Finals sorgt Josh Holden für Aufsehen, als er Tomas Jurco auf der Spielerbank anschreit, am Trikot packt und schüttelt. Vor laufenden TV-Kameras.
Die Aktion löst Kritik und Kontroversen aus, wird von Puritanern verurteilt und von einigen Kennern gefeiert. Arno Del Curto sagt, in diesem Moment sei etwas passiert, das die Entwicklung ausgelöst habe, die den HCD nun bis in den Final getragen hat. In diesem Augenblick, mit diesem Zeichen, habe Josh Holden seine Spieler noch mehr um sich geschart. «Ich glaube, ich hätte in dieser Situation ähnlich reagiert. Wahrscheinlich nicht vor laufenden TV-Kameras. Aber in der Kabine schon …» Die Wirkung dieses leidenschaftlichen Einforderns von Leistung sei bis heute spürbar. Es könnte der «Hockey-Urknall» für die nächste HCD-Meisterfeier gewesen sein.
Also können wir sagen, dass der HCD heute noch «Arno-Hockey» zelebriert. Wie damals, in den Meisterjahren geprägt von Offensive, Dynamik, Energie, Kraft und Schnelligkeit. Aber er schränkt ein: «Wir haben damals sorgloser und konsequenter offensiv gespielt. Natürlich haben wir auch auf die Defensive geachtet. Sonst wäre es nicht möglich gewesen, Meister zu werden. Aber wir waren defensiv in einer Art und Weise sorglos, die heute nicht mehr möglich ist.» Also spielt der HCD heute «Seriöses Arno-Hockey». Diese Wortschöpfung gefällt ihm: «Seriöses Arno-Hockey. Ja, das gefällt mir, das kannst du so schreiben …»
P.S. Keine Story zum Final kann ohne Prognose sein. Also: Der HCD wird Meister und der Einzige, der das verhindern könnte, ist Gottérons Torhüter Reto Berra.
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