Vom Albtraum zur Traumnacht – auch weil Fischer gefeuert wurde?
Am 28. Dezember 2024 wird Jan Cadieux, Meister 2023, Sieger der Champions Hockey League 2024, in Genf gefeuert. Nationaltrainer Patrick Fischer holt ihn ins Coachingteam. Am 6. Februar 2026 verlieren die Schweizer in Langnau nach Penaltys 0:1 gegen Finnland. Diese Niederlage löst eine Entwicklung aus, die zum ersten WM-Titel führen kann.
Patrick Fischer gibt nämlich Jan Cadieux den Auftrag, das Spiel in der offensiven Zone neu zu erfinden. Nun ist es so, dass Eishockey nicht neu erfunden werden kann. Aber es können Mittel und Wege gefunden werden, um das Eishockey zu optimieren.
Jan Cadieux hat sich, wie es seine Art ist, an die Detailarbeit gemacht. Er gehört zu den wenigen Coaches, die ein Spiel in die Einzelteile zerlegen, jedes Teil untersuchen und das Spiel dann wieder zusammensetzen. Das Resultat seiner Arbeit ist im Wesentlichen ein «Positionless Hockey», das noch nie eine Mannschaft auf WM-Level so konsequent umgesetzt hat wie die Schweizer in den sieben Vorrundenspielen. Der Grundsatz des Systems, das Jan Cadieux entwickelt hat, stark vereinfacht erklärt: Alle fünf Spieler suchen in der gegnerischen Zone eine «gefährliche» Position. Kein brotloses Ausweichen in die Ecken, kein leeres Kreisen an der blauen Linie. Sondern alles Trachten und Sinnen gilt dem Abschluss, dem Drang zum Tor. In der Spielphilosophie der Schweizer wird der Mittelstürmer als «the Brain» bezeichnet.
Die Steigerung in der WM-Vorrunde ist eindrücklich.
- 2024: 7 Spiele, 17 Punkte, 29:12 Tore – Final verloren.
- 2025: 7 Spiele, 19 Punkte, 34:9 Tore – Final verloren.
- 2026: 7 Spiele, 21 Punkte, 39:7 Tore – Halbfinal? Final?
Diese Entwicklung hin zum «positionslosen Hockey» ist ein Trend, der sich auch in der NHL mehr und mehr durchsetzt, den wir beim Olympischen Finale zwischen den USA und Kanada gesehen haben und der in unserer Liga an einem guten Abend gespielt wird und auch den Final zwischen Davos und Gottéron geprägt hat. Verteidiger werden zu Stürmern, Stürmer zu Verteidigern. Auf WM-Niveau kommt Roman Josi aus der Tiefe des Raumes, in der National League Gottérons Yannick Rathgeb.
«Positionless Hockey» ist die international salonfähige Version von «Pausenplatz-Hockey» und Patrick Fischer ist ein Pionier dieser taktischen Entwicklung, er hat die Basis für den ersten WM-Titel gelegt. Nun hat sein Nachfolger Jan Cadieux dieses Hockey weiter perfektioniert.
Wäre die Eishockeywelt eine perfekte, dann würde Patrick Fischer in Zürich sein Hockey-Lebenswerk mit der Beendigung des schwedischen Albtraumes und dem WM-Titel krönen. Die Eishockeywelt ist nicht eine perfekte. Patrick Fischer ist vor der WM seines Amtes enthoben worden. Was sich im Rückblick als … Glücksfall erweisen könnte.
Patrick Fischer wäre bei dieser WM in Zürich als Einzelperson grösser, wichtiger geworden als die Mannschaft. Nicht, weil er sich wichtiger genommen hätte. Das würde seiner Art ganz und gar nicht entsprechen. Aber weil er vom Publikum und von den Medien als wichtiger wahrgenommen worden und in diese Rolle gedrängt worden wäre: Patrick Fischer hier, Patrick Fischer da, Patrick Fischer vorne, Patrick Fischer hinten, Patrick Fischer oben, Patrick Fischer unten. Gerade weil er ein so charismatischer Kommunikator ist, hätte er dieser Rolle nicht entfliehen können.
Dass seine Absetzung keine negativen Auswirkungen auf die Mannschaft haben wird, war bereits bei den drei letzten Vorbereitungspartien in Schweden gut zu spüren. Der «Trennungsschock» hat dazu geführt, dass die Mannschaft noch mehr zusammengerückt ist. Auch, um das Hockey-Lebenswerk von Patrick Fischer zu krönen.
Die Vergangenheit sagt: Schweden ist der ultimative Albtraum. Aber die Gegenwart sagt: Die Schweden, einst für die Schweizer die unbesiegbaren Titanen des Schablonenhockeys, sind bei dieser WM nur noch ein Schatten ihrer besten Tage. Die Schweden sind einerseits nicht mehr die wahren Schweden und die Schweizer sind andererseits nicht mehr die Schweizer, die gegen die Schweden alle entscheidenden Partien verloren haben.
Eishockey ist ein völlig unberechenbares Spiel auf einer spiegelglatten Unterlage. Aber noch nie waren die Voraussetzungen so gut. Vielleicht so gut wie nie mehr in den nächsten 50 Jahren. Alles passt. Die Erfahrung (ein wichtiger Faktor), die Spielweise, die Besetzung der Schlüsselpositionen, der Trainer, die Einstellung – kein anderes Team ist so auf einer Mission wie die Schweiz – und das Umfeld: Noch nie ist eine helvetische WM-Mannschaft so vom Publikum getragen worden wie in Zürich. Wie Fussball in Brasilien. Aber stimmungsvoller.
Auf den Punkt gebracht: Wenn die Schweizer jetzt auf dem Weg zum WM-Titel die Schweden am Donnerstag nicht vom Eis fegen und aus dem Albtraum eine Traumnacht machen, dann nie mehr. Es ist Zeit, dass ein drittes Sportmärchen geschrieben wird: Gottéron zum ersten Mal Meister, Thun zum ersten Mal Meister, die Schweiz zum ersten Mal Weltmeister.
P.S. Mit etwas Boshaftigkeit dürfen wir sagen, dass die Schweizer auch ein wenig für Marco Bayer kämpfen. Sollte Schwedens Nationaltrainer Sam Hallam – er wird neuer Cheftrainer in Genf – zum dritten Mal bei einem Titelturnier im Viertelfinal scheitern – und nun gar gegen die Schweiz – dann könnte sein Ruf als «Wundertrainer» und seine Autorität schon etwas leiden. Die Chancen könnten sich unter Umständen für seinen Assistenten Marco Bayer erhöhen, so gegen Ende Dezember zu Cheftrainer befördert zu werden. Dass er der perfekte «Nottrainer» sein kann, hat er ja bei den ZSC Lions bewiesen …
