Tempo-Schweiz gegen Rumpel-Deutsche – nach wie vor ein bisschen Hockey-Kulturkampf
Im Eishockey können wir die Deutschen noch herausfordern. Auf politischem Gebiet, in der Weltgeltung oder kulturell, sind wir keine Rivalen: Goethe und Schiller werden nun mal mehr gelesen als Gotthelf und Simon Gfeller. Rainer Werner Fassbinder ist wichtiger als Franz Schnyder, Graf Zeppelin bekannter als Oskar Bider und Albrecht Dürer bedeutsamer als Albert Anker.
Eine wahre und gelebte Rivalität mit Deutschland, gibt es inzwischen also nur noch im Eishockey, einem rauen Spiel. Dazu passt, dass kräftige Kerle in ritterähnlichen Ausrüstungen, helmbewehrt und in eisernen Schuhen mit Stöcken aufeinander losgehen und sich hin und wieder sogar vaterländisch prügeln. Als sei Hockey ein Replay des Freiheitskampfes der Eidgenossen der uns am Ende des 15. Jahrhunderts die Unabhängigkeit vom Heiligen Römischen Reich – salopp gesagt: von der deutschen Herrschaft – gebracht hat. Wie damals im WM-Viertelfinal am 20. Mai 2010 in Mannheim. Die Schweizer, bis zu diesem Zeitpunkt im Turnier unbesiegt, haben diesen Viertelfinal schmählich 0:1 verloren. In die Geschichte eingegangen ist die Partie aus einem anderen Grund: Die Prügelei nach Spielschluss ist mit 92 Strafminuten honoriert worden und bescherte dem Haudegen Timo Helbling als erstem und bis heute einzigem Schweizer Spielsperren, die er bei der nächsten WM 2011 hätte absitzen müssen.
Ab und an kommt es noch zu verbalen Entgleisungen. Wie die des deutschen Finanzministers Peer Steinbrück (SP), der im Zusammenhang mit unserem Finanzplatz von der Kavallerie schwadronierte, mit der man den Schweizern drohen müsse, wie einst im Wilden Westen. Das sorgte für erhebliche Verstimmung. Im Hockey darf die Rivalität hingegen verbal ausgelebt werden. Legendär der Spruch des ehemaligen deutschen ZSC-Trainers Hans Zach («Alpenvulkan») über den vermeintlichen ZSC-Weichling Michel Zeiter. Er habe gelesen, dass Zeiter gerne Chirurg geworden wäre: «Das wäre für ihn die einzige Chance, einen Zweikampf zu gewinnen. Wenn der Gegner in Narkose vor ihm liegt», spottete Zach.
In einem solchen Fall hätte der ehemalige Nationaltrainer Patrick Fischer als Lichtgestalt unserer feinsinnigeren Hockeykultur angemerkt: «Ich finde es super, wenn ein Spieler auch neben dem Eishockey Interessen hat.» Und der aktuelle Nationaltrainer Jan Cadieux hätte gesagt: „Wir konzentrieren uns auf die Dinge, die wir kontrollieren können.“ Eines Deutschen Mundwerk kann ein helvetischer Nationalcoach ja nicht kontrollieren.
Die Schweizer haben Hans Zach übrigens später heimgeleuchtet: 2004 qualifizierten wir uns in Prag dank eines 1:0 über Deutschland auf Kosten der Deutschen für den WM-Viertelfinal. Hans Zach, nach dem gescheiterten ZSC-Abenteuer als Bundestrainer zur höchsten Hockey-Autorität im Land aufgestiegen, war ob dieser Niederlage so erschüttert, dass er sein Amt sofort niederlegte.
Nun könnte eine Niederlage gegen die Schweiz die Deutschen unter Umständen die Viertelfinal-Qualifikation kosten. Und Bundestrainer Harold Kreis den Job. Er hat eigentlich noch einen weiterlaufenden Vertrag und geniesst als WM-Silberschmied von 2023 viel Kredit. Aber im nächsten Frühjahr findet die WM in Deutschland statt. Einen Abstieg wie damals bei der WM 1998 in Zürich brauchen die Deutschen allerdings nicht zu befürchten. Als Gastgeber wären sie 2027 ja sowieso dabei.
Natürlich gibt es auch eine Rivalität im Fussball. Aber es ist höchstens eine Operetten-Rivalität. Der letzte Sieg der Schweizer über die Deutschen in einem wichtigen Spiel im Rahmen eines Titelturniers liegt über ein Dreivierteljahrhundert zurück: 4:2 bei der WM von 1938 in Paris. Zudem ist die kommerzielle und sportliche Bedeutung unseres Fussballs im Vergleich zu Deutschland und insbesondere jene unserer höchsten Liga gegenüber der Bundesliga zwergenhaft.
Im Eishockey begegnen sich Deutschland und die Schweiz hingegen seit Anbeginn der Zeiten mehr oder weniger auf Augenhöhe. Deshalb haben Siege auch für die Deutschen einen hohen Stellenwert: sportlich und emotional. Unvergessen, wie Torhüter Dennis Endras nach dem legendären 1:0 im WM-Prügel-Viertelfinal von 2010 in Mannheim gegen die Schweiz mit einer überdimensionierten Deutschland-Fahne eine Ehrenrunde drehte. Eine solche Szene ist im Falle eines Sieges der Deutschen im Fussball gegen die Schweizer völlig undenkbar.
Rutschiges Eis ist also die letzte Bühne, auf der die Rivalität zwischen Deutschland und der Schweiz nach Herzenslust zelebriert werden darf, und gegen keinen anderen Gegner haben die Deutschen so oft gespielt wie gegen die Schweiz (und umgekehrt). 163 Partien sind es seit dem 12. Januar 1910 und die Begegnungen mit der DDR, dem zweiten deutschen Staat, sind nicht einmal eingerechnet. Die Schweiz hat 66 davon gewonnen. Das Potenzial des deutschen Hockeys ist in etwa vergleichbar mit jenem in der Schweiz. Diese Saison kamen in der NHL elf Schweizer und acht Deutsche zum Einsatz.
Allerdings gibt es seit gut hundert Jahren ein fast schon zementiertes Klischee dieser Rivalität: Wir mögen besser ausgebildet, unsere Liga mag reicher sein und bei uns gibt es höhere Löhne. Doch wenn es drauf ankommt, sind wir im Kopf und auch sonst schwächer. Die Deutschen sind mental robuster, härter, die Schweizer weicher.
Ein wenig gibt es diesen hockeykulturellen Gegensatz nach wie vor. Auch bei der WM in Zürich spielen die Deutschen im Vergleich zu den Schweizern eher Rumpelhockey. Womit wir schon immer Mühe hatte. 1972 in Prag (3:6, 1:4) und 1987 in Wien (3:4, 1:8) besiegelten zwei Niederlagen gegen die Deutschen den sofortigen Wiederabstieg. Dreimal hintereinander (2010, 2021 und 2023) im WM-Viertelfinal, plus im olympischen Achtelfinal von 2018 setzte es in der Neuzeit teilweise schmähliche Niederlagen ab. Bisher haben die Schweizer beim aktuellen WM-Modus erst 1992 und 2024 in K.O-Spielen (zweimal im Viertelfinal) triumphiert. Beide Male in Prag.
Nach wie vor sind die Partien gegen Deutschland auch ein wenig ein Hockey-Kulturkampf. Auch am Montagabend. Salopp formuliert: Kunst, Talent und Tempo gegen teutonisches Rumpelhockey.
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