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Eismeister Zaugg über das Schweizer WM-Aus: «Sterbende Schwäne von Riga»

Switzerland's players look disappointed after losing against the team Germany, during the IIHF 2023 World Championship quarter final game between Switzerland and Germany, at the Riga Arena, in Ri ...
Wieder mal gab's gegen Deutschland nichts zu holen.Bild: keystone
Eismeister Zaugg

«Die sterbenden Schwäne von Riga» – die Ursachen des Scheiterns

Das beste Schweizer WM-Team der Geschichte ist in Riga im Viertelfinal gegen Deutschland dramatisch gescheitert (1:3). Im Rückblick – mit ein wenig Polemik angereichert – zeigt sich: Die Ursachen für den spektakulären Untergang liegen mehr neben als auf dem Eis.
25.05.2023, 18:0926.05.2023, 15:58
Klaus Zaugg, riga
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Riga ist auch eine Stadt der Kultur, der Oper und des Tanzes. «Nabucco» ist am Mittwochabend gegeben worden. Wunderbar und nur 50 Euro das beste Ticket. Da ahnt noch niemand, dass am nächsten Tag der sterbende Schwan aufgeführt wird. Auf dem Eis. Mit den Schweizern in der Hauptrolle.

Vor einer Partie Schweiz gegen Deutschland werden Sprüche gemacht. So war es schon immer und so wird es immer sein.

Wie sich später herausstellen wird, trifft Bundestrainer Harold Kreis den Nerv. Er wird auf die Bezeichnung «Weisses Ballett» für die Schweizer in Riga (weil sie so beschwingt und elegant spielten) angesprochen und er bringt es auf den Punkt. Er kenne sich mit Oper und Ballett nicht so aus: «Aber wir werden nicht die Rolle des sterbenden Schwanes übernehmen. Mit Sicherheit nicht.»

Ach, genau so wird der Untergang der Schweizer beginnen

Und dann wird genau die Nummer des sterbenden Schwanes dieses Drama entscheiden. Der sterbende Schwan ist ein ausdrucksvolles Tanz-Solo des Choreografen Michel Fokine. Zum ersten Mal aufgeführt 1905 in Sankt Petersburg.

Natalja Ossipowa tanzt den sterbenden Schwan.Video: YouTube/Royal Opera House

Berühmt ist vor allem die Schlusspose dieses Solos auf dem linken Knie, während über dem vorgestreckten rechten Bein die Arme wie Flügel zusammengelegt werden.

Ach, genau so wird der Untergang der Schweizer beginnen. Von links. Robert Mayers linkes Knie, sein linker Schoner vermögen das Unheil nicht aufzuhalten, der Puck findet seinen Weg ins Tor zum 0:1.

So unglücklich, so haltbar, so dramatisch. Wie sich zeigen wird: das fatalste Gegentor unseres Hockeys im 21. Jahrhundert. Auch der zweite Treffer folgt auf der linken Seite. Dort fährt der Puck zum 1:2 ins Netz. Und das 1:3 beginnt mit einem schnellen Gegenangriff über die linke Seite – während eines Powerplays der Schweizer.

Der Gipfel der Demütigung

Und wer ist an allem schuld?

Diese Nummer des sterbenden Schwanes ist der Beginn des Schwanengesanges unserer WM-Helden. Als Schwanengesang bezeichnet man das letzte Werk eines Dichters oder Musikers oder auch einen Untergang in Schönheit. Genau das wird es in Riga: Unser «weisses Ballett» scheitert in dramatischer Schönheit.

Und wer ist an allem schuld? Ist jetzt wieder Robert Mayer der Sündenbock? So wie im Frühjahr 2020 in Davos nach dem Scheitern in den Pre-Playoffs gegen den SC Bern?

Nein. Servettes Meistergoalie mag bei diesem Drama eine unglückliche Rolle spielen. Aber wenn wir hinterher dieses Scheitern analysieren, dann ist der Wendepunkt eine fatale Fehleinschätzung von Delegationsleiter Lars Weibel und Cheftrainer Patrick Fischer. Die Schweizer haben ihre Linie, ihre Powerplay-Stärke, ihre Präzision, ihren Schwung ohne jede Not durch die Preisgabe des bedeutungslosen Spiels gegen Lettland aus der Hand gegeben. Die vier besten Feldspieler wurden geschont. Die Partie ging in der Verlängerung verloren und mit der ersten Niederlage zugleich die Magie und die Leichtigkeit unseres Spiels.

Patrick Fischer, head coach of Switzerland national ice hockey team, talks to his players, during the IIHF 2023 World Championship quarter final game between Switzerland and Germany, at the Riga Arena ...
Fischers Plan ging nicht auf.Bild: keystone

Die Arroganz, die Besten zu schonen, können wir uns noch nicht leisten

Das mag hinterher, wenn wir alle wissen, wie es herausgekommen ist, eine gar billige Kritik sein. Aber die Schweizer sind jetzt auf einem so hohen Niveau angekommen, dass jedes Detail entscheidet. Wer Weltmeister werden will, darf sich bei einer WM keine «Eigenfehler» leisten. Jedes Detail entscheidet. Es gibt Dinge genug, die in diesem unberechenbaren Spiel nicht berechnet werden können.

Es ist, wie es ist: Wir mögen zu den Grossen gehören. Aber die Arroganz, die Besten zu schonen, können wir uns noch nicht leisten. Die Konsequenz? Den Nationaltrainer wechseln? Nein, sicher nicht. Das wäre die grösste Torheit unserer neueren Hockey-Geschichte.

Patrick Fischer ist nicht zu kritisieren. Das Drama von Riga ist für ihn einfach ein unnötiger Zwischenhalt auf dem Weg nach ganz oben. Wenn es personelle Konsequenzen haben soll, wenn solche gewünscht sind, dann auf einer ganz anderen Ebene: Verbandssportdirektor Lars Weibel ist in seinem Amt zu hinterfragen.

Lars Weibel, Director Sport of Swiss Ice Hockey Federation, talks to reporters, during an optional Switzerland team training session at the IIHF 2023 World Championship, at the Riga Arena, in Riga, La ...
Lars Weibel im Gespräch mit Reportern.Bild: keystone

Erst das geradezu groteske Theater um NZZ-Berichterstatter Nicola Berger (der sich nichts hatte zuschulden kommen lassen), dem die Schweizer Delegationsleitung die Akkreditierung entziehen wollte (was vom Internationalen Verband abgelehnt worden ist), und dann eine hämische öffentliche Erklärung zum erkannten und geahndeten «Pferdetritt-Foul» des Kanadiers Joe Veleno gegen Nino Niederreiter, die es in dieser Form bei einer WM noch nie gegeben hat. Lars Weibel liess offiziell eine Meldung verbreiten, wie sehr man diese Entscheidung begrüsse und wie sehr man die Aktion verurteile. Was in Riga in einflussreichen Kreisen für Kopfschütteln gesorgt hat.

Bloss «Vorrunden-Weltmeister»

Und schliesslich die fatale Einschätzung, man könne es sich leisten, das letzte Gruppenspiel bei einer WM fahren zu lassen, für die Weibel mindestens so viel Verantwortung zu übernehmen hat wie der Nationaltrainer. Und ganz nebenbei: Diese Preisgabe des Spiels gegen Lettland wird zwar nicht bei uns, aber auf internationaler Ebene als grobe Unsportlichkeit taxiert.

Oder in einem Satz: Die Schweizer haben in Riga in meistens begeisternder Art und Weise bewiesen, dass sie auf dem Eis reif sind für grosse Taten. Aber neben dem Eis und in den Verbandsbüros noch lange nicht. Wir müssen uns vorerst mit dem Titel «Vorrunden-Weltmeister» begnügen.

Im September wird ein neuer Verbandspräsident gewählt. Er kann die notwendigen Korrekturen anregen.

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quelle: keystone / ennio leanza
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169 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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c_meier
25.05.2023 18:31registriert März 2015
wer ständig vom WM-Titel redet und 4x im viertelfinal rausfliegt ist definitiv auch zuhinterfragen lieber Herr Zaugg
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Paulsson
25.05.2023 18:27registriert März 2020
Für mich ist der Trainer der Hauptschuldige: Gegen Lettland unnötig und arrogant Spieler schonen, dadurch die Blöcke durcheinander mischen, den Rhytmus (physisch und psychisch) und Automatismen brechen, anstatt Lettland bereits wie ein K.O.-Spiel zu behandeln. Dies wäre eigentlich eine ideale Viertelfinal-Simulation gewesen, wenn es für den Gegner um alles oder nichts geht...

Dadurch erreichte die Slowakei, welche Lettland in der Direktbegegnung nota bene bezwungen hatte, die Viertelfinals nicht. Definitiv klar unsportliches Verhalten.
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Tomsen2
25.05.2023 18:20registriert März 2014
8 Jahre Fischer. 1 Final, 6 Viertefinal, 1 Vorrunde. Naja! Und ihn zu entlassen sollte eine Torheit sein? Nein, es ist ein Muss.
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