Der SCB als bester Arbeitgeber der Liga
Wer ist der verständnisvollste und freundlichste, also der beste Arbeitgeber in unserem Hockey, der auch am meisten Rücksicht auf die Work-Life Balance nimmt? Natürlich – ausser Konkurrenz – der Verband.
Aber im Profihockey ist es ganz eindeutig der SC Bern. Niemand packt seine Spieler so behutsam in Watte. Seit dem letzten Titel von 2019 taumelt der SCB durch die Jahre. Krise reiht sich an Krise, Enttäuschung an Enttäuschung, Reorganisation an Reorganisation. Und nichts wird besser.
Das geduldige Publikum hat Geduld gelernt. Aber der Dienstagabend hat einen neuen emotionalen Tiefpunkt gebracht. Die Darbietung ist so fad, so langweilig, die Spieler sind so lust- und emotionslos bei der Sache, dass sie kurz vor Schluss beim Stande von 1:0 – also in Führung liegend! – ausgepfiffen werden wie seit Menschengedenken nicht mehr. Der Aufforderung der Fans «Stöht uuf, wet ihr Bärner syt» leistet kaum jemand mehr Folge.
Dabei fehlen nicht einmal mehr drei Minuten, um den so wichtigen Sieg in trockene Tücher zu bringen. Kloten gleicht 34 Sekunden vor Schluss zum 1:1 aus und gewinnt in der Verlängerung 2:1.
Solche Darbietungen wären früher, als der SCB die Liga meisterlich rockte, von der Chefetage nicht toleriert worden und nicht folgenlos geblieben. Unvergessen bleibt der Auftritt von Marc Lüthi im Januar 2016, als der SCB um die Playoffs zitterte und nach einer miserablen Leistung in Biel in der Verlängerung verlor. Er schritt zornentbrannt von der Tribüne herab und knallte die schwere Türe zur SCB-Kabine so wuchtig zu, dass die Bieler um die Statik ihres Hockeytempels fürchteten. Der Rest ist Legende: Der SCB schafft im Schlussspurt die Playoffs und wird vom 8. Platz aus Meister. Wahrlich, ein meisterliches Donnerwetter.
Und heute, gut zehn Jahre später? Alles noch miserabler. Sportchef Diego Piceci entlassen. Trainer Jussi Tappola entlassen. Marc Lüthi, der starke Mann, hat seinen Abgang per 1. April angekündigt. Alles neu. Alles Umbruch. Eigentlich ein Moment für Aufbruch. Für Feuer. Für Aufregung.
Und was passiert? Nichts. Rein gar nichts.
Am Abend nach dem Spiel und am Tag danach in der Chefetage: Ruhe, viel Verständnis, freundliche Worte, viel Optimismus und die Mahnung, jetzt den Fokus auf die restlichen Spiele zu legen, um das Play-In zu erreichen. Keine Türe ist zugeknallt worden. Kein Donner grollte. Untersportchef Martin Plüss (Obersportchef ist jetzt nach der Umstrukturierung Pascal Signer) sagt am nächsten Tag, ja klar, er sei in der Kabine gewesen. Aber nicht um zu toben. Bloss ein Routinebesuch:
Die Darbietung, über die das Publikum (also die SCB-Kunden) so erbost sind, ordnet Martin Plüss sachlich und emotionslos ein: «Das erste Drittel war gut, das zweite und dritte Drittel waren weniger gut.» Es sei nicht die erste enttäuschende Darbietung in dieser Saison gewesen. «Aber wir schauen vorwärts und entscheidend ist, dass wir in den restlichen fünf Partien das Play-In erreichen.» Ist er in der Kabine laut geworden?
Was hätte er damals, als er noch meisterlicher SCB-Captain war, in der Kabine nach einem solchen Spiel gesagt?
Seine besonnene Analyse klingt wie aus einem modernen Lehrbuch der Konfliktvermeidung. Beim SCB scheint alles ruhig und windstill. Als seien in der Büroetage erst einmal jeder froh, seinen Job im Rahmen der letzten Reorganisation gesichert zu haben. Aufatmen allenthalben.
Oder doch nicht? Trainer Heinz Ehlers hat in der Kabine nach dem Match getobt. Das bestätigen mehrere Gewährsleute. Dafür spricht auch seine erstaunliche Gelassenheit eine Viertelstunde nach dem Spiel. Er spricht fast so mit Engelszungen wie sein Dienstherr Martin Plüss. Das war nur möglich, weil er vorher Dampf abgelassen hatte.
Aktuelle
Note
7
Ein Führungsspieler, der eine Partie entscheiden kann und sein Team auf und neben dem Eis besser macht.
6-7
Ein Spieler mit so viel Talent, dass er an einem guten Abend eine Partie entscheiden kann und ein Leader ist.
5-6
Ein guter NL-Spieler: Oft talentierte Schillerfalter, manchmal auch seriöse Arbeiter, die viel aus ihrem Talent machen.
4-5
Ein Spieler für den 3. oder 4. Block, ein altgedienter Haudegen oder ein Frischling.
3-4
Die Zukunft noch vor sich oder die Zukunft bereits hinter sich.
Die Bewertung ist der Hockey-Notenschlüssel aus Nordamerika, der von 1 (Minimum) bis 7 (Maximum) geht. Es gibt keine Noten unter 3, denn wer in der höchsten Liga spielt, ist doch zumindest knapp genügend.
Punkte
Goals/Assists
Spiele
Strafminuten
-
Er ist
-
Er kann
-
Erwarte
Aber eben: Bei den Spielern wird das kaum Eindruck gemacht haben. Coaches kommen und gehen. Soll er doch toben, nächste Saison ist ein anderer da. Und Marc Lüthi, der damals im Januar 2016 so zornig war? Noch bis zum 1. April im Amt. Ist er auch emotional bereits auf dem Rückzug? «Nein, das bin ich nicht.» Aber der wahre Marc Lüthi wäre am Dienstag von der VIP-Loge herabgestiegen und hätte in der Kabine getobt. Das habe er jetzt nicht mehr getan.
Aber eben: Er geht ja Ende Saison. Das wissen alle. Er kann auftreten, wie er will, die gleiche Wirkung wie damals im Januar 2016 wird er nicht mehr haben. Wer geht, donnert nur noch leise. Und alle wissen: Er feuert niemanden mehr.
Also bleibt Hockey-Bern ruhig. Fast windstill. Eigentlich wäre es eher an Marc Lüthis Nachfolger Jürg Fuhrer gewesen, zornig zu sein, den Unmut der obersten Führung den Spielern kundzutun und ein Zeichen zu setzen. Doch er verweist auf den Kalender. Amtsantritt am 1. April. „Es ist noch nicht meine Saison.“ Aber wenn er schon im Amt wäre, hätte er am Dienstagabend getobt?
Immerhin musste er sich gestern im Rahmen eines SCB-Businesslunches den kritischen Fragen der einflussreichsten SCB-Anhänger stellen. Was hat er da zur Beruhigung der beunruhigten Gemüter gesagt?
Dagegen ist nun wahrlich nichts einzuwenden. Der Optimist sagt: Gut so. Aktivismus bringt nichts. Die Ruhe in der Chefetage sei ein sehr gutes Zeichen. Aktivismus bringe nichts. Überlegtes Handeln sei in Bern nach dem Motto «Nume nid geschprängt, aber gäng ä chly hü …» («Nur nichts überstürzen, aber stetig vorwärts ...») besser. Es komme schon gut.
Der Pessimist hingegen interpretiert die Ruhe als Ratlosigkeit, ja Resignation und hat den Verdacht, dass es in den Büros in erster Linie darum geht, nicht in die Rolle eines Sündenbockes zu geraten. Aber das ist boshaft.
Saumseligkeit kann der SCB-Sportabteilung nicht vorgeworfen werden: Gewährsleute aus den SCB-Büros melden, am Mittwoch habe Untersportchef Martin Plüss gut und gerne zwei Stunden mit dem Agenten von Ville Peltonen hosentelefoniert. Dabei seien bereits ausführlich die Details einer möglichen Zusammenarbeit erörtert worden. Die Lösung des Trainerproblems ist also in Arbeit. Und erfreulich auch: Der aktuelle Assistent Patrick Schöb bleibe. Er habe Ambris Phantom-Sportchef Lars Weibel abgesagt.
So oder so: Die Spieler haben nichts zu befürchten. Wenn nicht einmal eine Partie wie diese Verlängerungs-Niederlage gegen Kloten intern ein wenig Unruhe auslöst, dann mag es wahrscheinlich alles leiden und man darf sich sicher fühlen. Der SCB ist fürsorglich, sanft und berechenbar. Der bäumige Zahltag ist gesichert. Der beste Arbeitgeber der Liga für Spieler (etwas weniger für Sportchefs). Keine Emotionen in den Büros, keine auf dem Eis. Die Balance stimmt.
Ein sportlicher Titan (drei Titel zwischen 2016 und 2019) verabschiedet sich leise ins Mittelmass.
