Niederlage gegen die Lakers oder wie der SCB sein Publikum verhöhnt
Eigentlich ist ja alles in Ordnung und nach wie vor ist alles möglich. Der SCB hat das Hinspiel gegen die Lakers nur 1:2 verloren und kann im Rückspiel am Mittwoch in Rapperswil-Jona den Viertelfinal gegen Davos doch noch erreichen. Ein Sieg mit zwei Toren Differenz genügt. Am 23. Januar haben die Berner auswärts die Lakers 2:0 besiegt. Es gibt also keinen Grund zur Panik. Und schon gar keinen zur Polemik.
So sieht es auch SCB-Trainer Heinz Ehlers. Er spricht von einer intensiven Partie. Seine Spieler hätten alles gegeben. Ja natürlich, nach einer Niederlage seien alle enttäuscht. Aber er sehe keinen Grund zur Kritik und zitiert die Statistik, den verlässlichsten Freund aller Trainer: 32:21 Torschüsse.
Mehr Offensive geht nicht. Oder doch? Vielleicht doch ein bisschen. Der SCB-Trainer verweist ausserdem auf das ach so strenge Programm: Zwei Spiele in 48 Stunden! Ja, ja, das stimmt und ist wahrhaftig eine schier unglaubliche Belastung für gut bezahlte Profispieler, die nach jedem Arbeitseinsatz geduscht, mit flauschigen Tüchern getrocknet, mit wohlriechendem Öl eingerieben, massiert und mit erlesenen Speisen gefüttert werden. Ganz nebenbei: Auch für die Lakers war es das zweite Spiel in 48 Stunden. Und Olten und Sierre, die einer noch stärkeren Belastung ausgesetzt sind und bereits eine Viertelfinalserie in den Beinen haben, lieferten sich am Sonntag eine Partie, die im Quadrat intensiver war.
Nein, Heinz Ehlers hat die Chronistinnen und Chronisten nicht für dumm verkauft. Die Qualität eines Spiels liegt im Auge des Betrachters. Der smarte SCB-Trainer hat wieder einmal eine psychologische Kabarett-Nummer aufgeführt. Er pflegt nämlich gerne das Gegenteil von dem zu erzählen, was er tatsächlich denkt. Nach einem grandiosen Match sieht er stets Dinge, die ihm missfallen haben und pflegt trocken zu bilanzieren:
Nach einer ungenügenden Leistung zeigt er sich hingegen demonstrativ zufrieden. So wie jetzt nach dem 1:2 gegen die Lakers. Wieder einmal spekuliert der SCB mit der Vergesslichkeit seines Publikums. Am Mittwoch in Rapperswil-Jona gewinnen, im Viertelfinal den HCD fordern und alle Kritikerinnen und Kritiker werden verschämt verstummen. So geht das nun schon seit sieben Jahren. Keine Konstanz, keine Verlässlichkeit, keine klare Linie. Und für das Publikum wird es von Saison zu Saison schwieriger, sich mit diesem Sportunternehmen zu identifizieren. Denn es geht nicht nur um Resultate.
Gerade in Bern lebt der Mensch beim Eishockey nicht vom Resultat allein. Es geht um mehr als um Siege und Niederlagen. Es geht um den Erlebniswert. Um Emotionen. Um dieses Gefühl, das etwas Besonderes passiert und ein Teil davon zu sein, wenn das Licht in der Arena angeht. Jede Niederlage wird verziehen, wenn bis unters Tempeldach zu spüren ist, dass jeder mit Leidenschaft bei der Sache ist und jeder Spieler von der ersten bis zur letzten Sekunde alles Menschenmögliche getan hat.
Mehr noch als Fussball ist Eishockey gerade für die schwerblütigen Bernerinnen und Berner ein Spiel der Emotionen. Doch mit der Art und Weise, wie der SCB auch durch diese Saison stolpert und taumelt – nach beinahe jeder guten Partie wieder in Genügsamkeit zurückfällt – verhöhnt er sein Publikum. Es geht nicht um Taktik und Talent. Es geht um Engagement, Leidenschaft, Hingabe. Nur noch 13'965 Männer, Frauen und Kinder wollten das Play-In-Hinspiel gegen die Lakers sehen. 3066 Plätze sind leer geblieben.
Das ist mehr als eine Zahl. Das ist eine Botschaft. Ein Warnsignal. 3066 Fans blieben für eines der wichtigsten Heimspiele der Saison – es kann unter Umständen das letzte sein – lieber zu Hause. 3066 Fans entschieden sich gegen einen Abend beim SCB. 3066 Fans können sich nicht irren.
Als der SCB noch der wahre SCB war – eine Weile ist es her – da gab es unter den Stadtberner Sportjournalisten einen schönen Brauch: Sie trafen sich dann zu einer Jassrunde, wenn der SCB zuhause gegen «Rappi» spielte. Weil da eh klar war, wer gewinnen würde, durften die Volontäre das Spiel abhandeln. Die Routiniers mischten Karten. Mit dieser hoffärtigen Selbstverständlichkeit ist es vorbei.
Nun müssen die Bernerinnen und Berner das früher gänzlich Undenkbare denken: In einem Play-In – also einem K.O.-Wettbewerb – gegen die Lakers scheitern. Selbst wenn es nicht passieren sollte: Es ist beschämend genug, dass dieser Gedanke überhaupt gedacht werden muss.
Aktuelle
Note
7
Ein Führungsspieler, der eine Partie entscheiden kann und sein Team auf und neben dem Eis besser macht.
6-7
Ein Spieler mit so viel Talent, dass er an einem guten Abend eine Partie entscheiden kann und ein Leader ist.
5-6
Ein guter NL-Spieler: Oft talentierte Schillerfalter, manchmal auch seriöse Arbeiter, die viel aus ihrem Talent machen.
4-5
Ein Spieler für den 3. oder 4. Block, ein altgedienter Haudegen oder ein Frischling.
3-4
Die Zukunft noch vor sich oder die Zukunft bereits hinter sich.
Die Bewertung ist der Hockey-Notenschlüssel aus Nordamerika, der von 1 (Minimum) bis 7 (Maximum) geht. Es gibt keine Noten unter 3, denn wer in der höchsten Liga spielt, ist doch zumindest knapp genügend.
Punkte
Goals/Assists
Spiele
Strafminuten
-
Er ist
-
Er kann
-
Erwarte
Im nordamerikanischen Sport wird in einer solchen Situation ein sogenanntes «House Cleaning» inszeniert. Eine grosse Reinigung. Vom Manager über den Trainer, seine Assistenten und manchmal bis hinunter zum Materialwart werden alle gefeuert. Das Team wird durch Spielertauschs erneuert. Die Fenster werden geöffnet, frische Luft und Energie beleben das ganze Unternehmen.
Das geht bei uns nicht. Weil es keinen Markt für neues Personal gibt. Und jene, die beim SCB gefeuert werden müssten, sitzen sicher im Sattel. Aus einem einfachen Grund. Sie entscheiden selbst darüber, wer gehen muss und wer bleiben darf. So wird der SCB nach und nach zu einer Organisation, die sich selbst verwaltet – aber kaum mehr erneuert. Zum Bundesamt für Eishockey.
Und wenn es am Mittwoch doch noch gelingt, den Viertelfinal zu erreichen, wird es allenthalben wieder heissen: Eine gute Saison. Wir haben Charakter gezeigt. Wir haben uns zurückgekämpft. Es werden Statistiken hervorgekramt, die beweisen, dass man eigentlich sogar besser sei als im letzten Meisterjahr. Und natürlich: Nur besondere Umstände – Verletzungen etwa – hätten verhindert, dass man nicht noch erfolgreicher war.
Aber inzwischen gibt es ein Problem: Das Publikum hört die frohe Botschaft wohl, aber es fehlt immer mehr der Glaube. Weil der SCB mit dem Spiel gegen die Lakers sein Publikum erneut verhöhnt hat. Ende der Polemik.
P.S. Der Chronist hätte eigentlich gerne eine Story mit dem Titel «Der SCB und der Faktor Scherwey, Teil II» geschrieben. Aber Tristan Scherwey war kein Faktor. Trotz 15:11 Minuten Eiszeit. Kein Tor, kein Assist und eine Minus-1-Bilanz. Und anders als am Samstag nach dem 4:0 gegen Biel mochte er selbst den aus dem fernen Zürich angereisten Chronistinnen und Chronisten keine Auskunft geben. Vielleicht reicht es ja dann am späten Mittwochabend doch noch zum Vorrücken in den Viertelfinal gegen den HCD und zu Teil II der Betrachtungen über Tristan Scherwey und den SCB.
