Roger Bader – Österreichs Antwort auf Patrick Fischer
Roger Bader? Das Fragezeichen ist erlaubt. Im eigenen Land ist er ein Prophet ohne Bedeutung geblieben. Der wohl meistunterschätzte Schweizer Trainer der Gegenwart.
Er hat ein kleines Hockey-Wunder vollbracht, das in der Schweiz kaum wahrgenommen wird. 2014 zieht es ihn nach Österreich. Seit 2016 vereint er als Sportdirektor und Nationaltrainer jene Machtfülle auf sich, die in der Schweiz auf den Sportdirektor und den Nationaltrainer verteilt werden. Unter seiner Führung sind Nachwuchsförderung, Trainerausbildung und Leistungskultur grundlegend modernisiert worden. Österreichs Hockey hat unter dem Winterthurer den grössten Professionalisierungs- und Leistungsschub seiner Geschichte erlebt. Und gelingt ihm die Olympia-Qualifikation, dann wird sein Vertrag um zwei weitere Jahre bis 2030 verlängert.
Die Bilanz ist eindrücklich: Seit 2017 hält sich Österreich stabil in der höchsten WM-Klasse. Aus dem Aussenseiter ist ein unangenehmer Gegner geworden. 2022 wurde Tschechien bezwungen, 2024 Finnland gedemütigt und vor einem Jahr reichte es erstmals seit 1994 für den Viertelfinal.
Nun ist Roger Bader in seiner Heimat nach dem Viertelfinal von 2025 das nächste Wunder zu vollbringen. Er lebt weiterhin in Kloten. Wien ist sein Zweitwohnsitz. Nach Siegen gegen Grossbritannien (5:2), Ungarn (4:2) und Lettland (3:1) stehen die Österreicher punktgleich mit der Schweiz an der Tabellenspitze. Das nächste Viertelfinal-Wunder ist möglich.
Dabei war Roger Bader in der Schweiz nie Cheftrainer auf der grossen Bühne. Erfolgreich war er bei den Junioren und Amateuren (Meister mit Uzwil). Jahrelang arbeitete er in der höchsten Liga als Assistent beim ZSC, in Kloten und bei Gottéron. Er mag auf den ersten Blick kein charismatischer Bandengeneral sein. Aber in den letzten Jahren hat er immer mehr an Format gewonnen. Rhetorisch steht er inzwischen auf einem ähnlichen Niveau wie unser ehemaliger Nationaltrainer Patrick Fischer und dürfte Österreichs inzwischen bester Hockeyerklärer sein.
Vor einem Jahr endete das WM-Abenteuer im Viertelfinal mit einem krachenden 0:6 gegen die Schweiz. Nun ist es «nur» ein Gruppenspiel. Aber trotzdem für beide wichtig. Für die Schweizer um im Rennen um den Gruppensieg zu bleiben und für die Österreicher im Hinblick auf einem möglichen Viertelfinal.
Roger Bader redet sein Team vor der Partie gegen die Schweiz überzeugend klein. Die Schweizer habe sechs, Österreich keinen NHL-Profi im Team. «Die Schweizer haben das erfahrenste Team des Turniers, bei uns stehen fünf Neulinge in der Mannschaft. Im Vergleich zum Vorjahr mussten wir zehn neue Spieler einbauen. Als einzige bei dieser WM müssen wir in fünf Tagen vier Spiele bestreiten und wir werden die Müdigkeit gegen die Schweizer spüren.»
19 Spieler kommen aus der österreichisch-italienisch-slowenisch-ungarischen Operettenliga (ICEHL). Was für uns die NHL-Profi, das sind für Roger Bader die Spieler mit Schweizer Lizenz in der National League: Die Stürmer Vincenz Rohrer (ZSC Lions) und Dominic Zwerger (Ambri, neu Biel) sowie Verteidiger Bernd Wolf (Kloten). Sozusagen Österreichs Antwort bei dieser WM auf Pius Suter, Timo Meier und Janis Moser. Eigentlich wäre eine klare Niederlage wie vor einem Jahr im Viertelfinal normal. Und ein Sieg ein Wunder.
Roger Bader ist inzwischen Österreichs Antwort auf Patrick Fischer. Es geht nicht mehr nur um das klassische Trainer-Handwerk zwischen Taktik und Training. Eher noch wichtiger ist die Fähigkeit, die Spieler mit auf eine Mission zu nehmen. Sie folgen nicht bloss Systemen. Sie folgen Überzeugungen. Das ist nur möglich, wenn der Chef auch ein guter Kommunikator ist. Ohne Fehl und Tadel, aber eben auch ohne Zweifel und mit viel gesundem Selbstvertrauen. Inzwischen hat er sich auch von seinem Freund und Mentor Arno Del Curto emanzipiert, der 2022, 2023 und 2024 als Assistent bei der WM dabei war und mehr helvetische Medienpräsenz genoss als sein Chef.
Roger Bader lebt für sein Team. Wie einst Patrick Fischer geht er auf seiner Mission voraus. Um das Unmögliche möglich zu machen. Ein Viertelfinal wäre für Österreich gemessen am Potenzial ungefähr das, was für die Schweiz ein WM-Final bedeutet. Mit dem Auto wären es nur fünf Minuten vom Teamhotel zu seiner Wohnung in Kloten. «Aber ich werde nie nach Hause gehen und im Hotel bleiben. Es macht keinen Unterschied, ob die WM in Stockholm oder Zürich stattfindet.» Und ein bisschen Magie gehört dazu. Roger Bader erzählt, nach dem ersten Drittel der Partie gegen Lettland habe ihm seine Tochter – sie war im Stadion – eine SMS-Nachricht geschickt: Benjamin Nissner werde das 2:1 erzielen. So kam es dann auch und am Ende stand ein erstaunlicher Sieg (3:1).
Roger Bader ist aktuell der einzige Schweizer Trainer, der im Ausland sein Glück gefunden hat. Eigentlich erstaunlich. Die Schweizer müssten die begehrtesten Hockeylehrer Europas sein. Denn kein anderes Land hat in den letzten 30 Jahren eine solche Entwicklung von der Zweitklassigkeit in die Weltspitze gemacht. Aber anders als für Schweden oder Finnen oder Kanadier gibt es für die Schweizer keinen echten ausländischen Markt. Einerseits ist die Bezahlung im Ausland um gut 30 Prozent schlechter und andererseits tun sich Schweizer mit einem Umzug ins Ausland sowieso schwerer.
Der begehrteste Schweizer bleibt weiterhin der ehemalige Nationaltrainer Patrick Fischer. Das Angebot der Tschechen, das Team während der WM als Berater zu begleiten, hat er wohlweislich abgelehnt. Es ist ja nicht ausgeschlossen, dass die Schweizer im Viertelfinal auf Tschechien treffen werden.
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