Niederreiter ist noch nicht bei hundert Prozent – sammelt aber immer mehr Selbstvertrauen
Nino Niederreiter ist ein Kopfmensch. Umso wichtiger war es für den Stürmer der Winnipeg Jets, dass ihm beim 6:1-Sieg gegen Deutschland mit zwei Assists die ersten Skorerpunkte an der Heim-WM gelungen waren. Das 3:0 von Christoph Bertschy bereitete er am Boden liegend vor – ein Sinnbild für seine Spielweise: Er lässt sein Herz auf dem Eis.
«Ich wusste, dass Bertschy irgendwo dort stehen sollte, und es ist sicher gut aufgegangen», schildert Niederreiter die Szene. «Unsere Linie hat das gebraucht. Wir hatten noch nicht das Turnier, das wir uns gewünscht hatten. Du brauchst zum Teil Scheibenglück, um ein gutes Gefühl zu holen. Nun versuchen wir alles, um auch Calvin noch dorthin zu bringen.» Mit Calvin meint er Thürkauf, der abgesehen vom erst achteinhalb Minuten eingesetzten Attilio Biasca als einziger Schweizer Stürmer noch ohne Skorerpunkt dasteht, was die Ausgeglichenheit des Teams unterstreicht.
Wollte Highlights nicht verpassen
Doch zurück zu Niederreiter. Gerade als Kopfmensch war es für ihn eine mehr als komplizierte Saison, schlug er sich doch mit einer Knieverletzung herum. «Ich wusste schon im Sommer, dass es schwierig wird», erklärt er gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Doch weil mit dem 1000. Spiel in der NHL-Qualifikation und den Olympischen Winterspielen zwei Highlights vor ihm lagen, biss er durch. Die 1000er-Marke knackte er am 13. Dezember Ortszeit im Heimspiel gegen die Washington Capitals – als erster Schweizer überhaupt in der Liga-Geschichte, ein Meilenstein, den mittlerweile auch Roman Josi erreicht hat.
«Diese beiden Ereignisse wollte ich nicht verpassen», so Niederreiter. Er gibt aber zu, «dass es Momente gab, in denen ich die Partien regelrecht heruntergezählt habe, um beides zu erreichen». Nach den Winterspielen unterzog er sich dann der fälligen Operation. Wie stark hat ihn die Verletzung beim Spielen beeinträchtigt? «Schon extrem.» Er habe im einen Bein nicht jene Kraft gehabt, die er gebraucht hätte, deshalb sei er oft mit dem anderen Bein in Zweikämpfe gegangen, die er normalerweise mit dem lädierten Bein bestritten hätte. «Ich habe dem Körper sicherlich viel abverlangt.»
Warum kein früherer Eingriff?
Bereits am 6. April gab Niederreiter sein Comeback. Deshalb stellt sich die Frage, warum er die Arthroskopie nicht schon im letzten Sommer vornahm? «Ein Spieler hatte etwas Ähnliches wie ich – der war während dreieinhalb Monaten nicht mehr auf dem Eis. Es war ein Eingriff, bei dem einiges gemacht werden musste, deshalb weiss man nie, ob es jemals wieder gut kommt.»
Und zunächst lief es Niederreiter ja auch sehr gut. In den ersten sechs Saisonspielen gelangen dem 33-jährigen Churer zwei Tore und vier Assists. Er dachte, dass es dennoch gut kommen könnte. «Dann gab es verschiedene Linienwechsel, die sicher auch nicht gerade geholfen haben. Die Belastung im Knie wurde immer schlimmer, sodass es für mich von Partie zu Partie mehr ein Überlebenskampf war und der Hauptfokus mehr auf dem Knie als auf dem Spiel lag.»
Erschwerend kam hinzu, dass Winnipeg eine enttäuschende Saison erlebte. In der Qualifikation davor noch das beste Team der Liga gewesen, hatten die Jets sogar die wenigsten Punkte aller NHL-Teams auf dem Konto, was auf eine Serie von elf Niederlagen zurückzuführen war. «Wir hatten nie eine richtig gesunde Equipe», sagt Niederreiter.
Den Flow wieder finden
Als die Jets seine Operation kommunizierten, hiess es, dass er für den Rest der NHL-Qualifikation ausfalle. Niederreiter wollte aber unbedingt noch zurückkehren – «für das Gefühl sowie das Vertrauen und damit mich die Organisation auch für die WM freigibt». Ende April kehrt er in die Schweiz zurück, wo er noch ein gutes Aufbautraining mit seinem langjährigen Athletikcoach Michael Bont absolvierte. Zudem ging er in Chur zusammen mit Timo Meier aufs Eis, ehe er sich in der Woche vor dem WM-Start dem Nationalteam anschloss und noch zwei Vorbereitungsspiele im Rahmen der Euro Hockey Tour bestritt.
Zwar wird Niederreiter gemäss eigener Aussage noch den ganzen Sommer brauchen, um wieder bei 100 Prozent zu sein, «heute war aber sicher ein Tag, an dem ich mich gut fühlte», sagt er nach der Gala gegen Deutschland. «Darauf kann ich aufbauen.» Und wer weiss, vielleicht klappt es ja dank des gewonnenen Selbstvertrauens auch bald wieder mit dem Torschiessen – seinen letzten Treffer erzielte er bei der bitteren 2:3-Niederlage nach Verlängerung (nach 2:0-Führung) an den Winterspielen im Viertelfinal gegen Finnland.
Bislang aber vergab er an der Heim-WM seine hochkarätigen Chancen. Dazu sagt Niederreiter: «Im Spiel hast du meistens mehr Zeit, als du das Gefühl hast. Wenn du im Flow bist, nimmst du dir diese Zeit. Das kommt nun mehr und mehr auch mit dem Vertrauen, dass das Knie hält.» Dass er darüber nun weniger nachdenken muss, hilft ihm als Kopfmensch. Er betont aber, dass ihn diese Eigenschaft auch so weit in seiner beeindruckenden Karriere gebracht hat. Es fehlt nach vier WM-Silbermedaillen nur noch das i-Tüpfelchen in Form von Gold – diesbezüglich befinden sich die Schweizer auf einem sehr guten Weg. (riz/sda)
