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Trotz Scheitern an Zug: Der SC Bern hat kein Trainer-Problem mehr

SC Bern Cheftrainer Jussi Tapola waehrend dem Eishockey-Meisterschaftsspiel der National League zwischen den Teams EHC Kloten und SC Bern am Samstag , 23. Dezember 2023, in Kloten. (Keystone/Manuel Ge ...
Der SC Bern hat endlich kein Trainerproblem mehr.Bild: keystone
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Am Ende dieser Entwicklung müsste trotz allem der nächste SCB-Titel stehen – Teil VII

Der SC Bern ist im 7. Spiel gegen den taumelnden Titanen Zug gescheitert (0:3). Natürlich spielen unglückliche Goalie-Entscheide von Trainer Jussi Tapola eine Rolle. Aber es reicht nicht für eine gesalzene Polemik.
31.03.2024, 14:0531.03.2024, 16:10
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Zum ersten Mal seit den meisterlichen Zeiten von Kari Jalonen ist beim SCB nicht mehr der Trainer das Problem. Obwohl Jussi Tapola noch zu sehr Napoleon und noch zu wenig Henri Guisan ist.

Das Scheitern im 7. Spiel hat den SCB-Trainer nicht in den Grundfesten erschüttert. Das ist gut so. Grosse Trainer bleiben auch in der Niederlage souverän. Er pariert kritische Fragen (etwa jene, warum er die Regel «Never change a winning team» nicht beachtet habe) schlagfertig und weist doch die Schuld nicht von sich. Er sucht keine Ausreden, gibt zu, im Laufe der Saison hin und wieder falsche Entscheidungen getroffen zu haben (was in der Natur der Sache liegt), hütet sich vor Schuldzuweisungen und rühmt unsere oberste Liga in allerhöchsten Tönen. Hochprofessionelles Verhalten in einer delikaten Situation.

Auch Captain Simon Moser erfüllt seine Aufgabe. Er sagt das, was sich für einen SCB-Leitwolf gehört: Mit einem Ausscheiden im Viertelfinal könne und dürfe man nicht zufrieden sein. Diese Situation ist für ihn ja nicht neu. Eine seiner Anmerkungen ist interessant: Die Entwicklung der Mannschaft und der Zusammenhalt seien gut. Natürlich macht es sich gut, wenn der Leitwolf das sagt. Aber er hätte darauf auch verzichten und so ohne Worte viel sagen können.

Im Blick zurück ist eine Polemik immer ein wenig billig. Wenn alle wissen, wie es herausgekommen ist, sind auch einfache Soldaten, Generäle und Chronisten Meistertrainer. Wenn der SCB scheitert – schon wieder scheitert –, ist die Versuchung einer billigen Polemik besonders gross. Aber anders als 2020, 2021, 2022 und 2023 gibt es im Frühjahr 2024 zu wenig Stoff für eine gesalzene Polemik. Die wichtigste Personalentscheidung ist ja bereits gefallen. Später mehr darüber.

Der Torhueter Adam Reideborn von Bern nach der Niederlage beim Eishockey Playoff 1/4 Final, Spiel 7 der National League zwischen dem EV Zug und dem SC Bern am Samstag, 30. Maerz 2024 in Zug. (KEYSTONE ...
Adam Reideborn hat in den Playoffs nicht überzeugt.Bild: keystone

Ja, die Torhüterdispositionen von Jussi Tapola waren glücklos. Nach dem Sieg im ersten Spiel in Zug (4:3) hätte er fürs zweite Spiel Adam Reideborn durch Philip Wüthrich ersetzen müssen. Der Schwede war in Zug nicht gut (Fangquote 89,90 Prozent). Der SCB gewann in Zug nicht dank, sondern trotz Adam Reideborn.

Und siehe da: Im zweiten Spiel verliert der SCB auf eigenem Eis 1:4. Weil Adam Reideborn miserabel ist. Im Blick zurück erkennen wir: In dieser zweiten Partie haben die Berner den Viertelfinal verloren. Mit dem Sieg auswärts hatten sie das Tor zum Halbfinal geöffnet und hätten diesen Halbfinal mit drei Heimsiegen erreichen können. Die Niederlage im ersten Heimspiel trägt den Keim des späteren Scheiterns in sich.

Um eine kleine Chance zu haben, hätte Jussi Tapola fürs 7. und letzte Spiel den Torhüter nicht wechselnd dürfen. Philip Wüthrich hatte dem SCB im 6. Spiel den Sieg ermöglicht (3:0). Aber der SCB-Trainer setzt nun im 7. Spiel auf Adam Reideborn. Der Schwede ist zwar an der finalen Niederlage (0:3) nahezu unschuldig. Aber weil Adam Reideborn eine Ausländerlizenz beansprucht, zieht der Goaliewechsel Umstellungen der ganzen Mannschaft nach sich. Nach dem überzeugenden 3:0 vom Mittwoch führt der Torhüterwechsel am Samstag zur Umstellung eines Verteidigerpaares und zwei Sturmlinien. Am Ende entscheiden Details. Diese Umstellungen gehören zu diesen Details.

Die Berner nach der Niederlage beim Eishockey Playoff 1/4 Final, Spiel 7 der National League zwischen dem EV Zug und dem SC Bern am Samstag, 30. Maerz 2024 in Zug. (KEYSTONE/Urs Flueeler).
Ein Goaliewechsel zu einem ausländischen Spieler hat nicht nur für die Torhüter Konsequenzen.Bild: keystone

Und damit sind wir beim Kernproblem. Jussi Tapola ist überhaupt erst in Versuchung gekommen, Philip Wüthrich durch Adam Reideborn zu ersetzen, weil in diesem Viertelfinal keiner der ausländischen Feldspieler sein bestes Hockey spielte. Philip Wüthrich bleibt nach dem 3:0 vom Mittwoch nun im 7. Spiel auf der Bank. Das dürfte eigentlich nicht nur ein Detail sein. Sondern ein entscheidender Faktor. Ist es aber nicht. Und damit ist das SCB-Problem erklärt. Es war einerlei, ob fünf oder sechs Ausländer eingesetzt werden konnten. Der SCB ist wieder einmal wegen des ungenügenden, teilweise miserablen ausländischen Personals gescheitert.

Im August hat Jussi Tapola den SC Bern übernommen. Zum ersten Mal seit Kari Jalonen oder vier Jahren hat der SCB wieder einen richtigen Trainer. Jussi Tapola bringt es beim Amtsantritt auf den Punkt: «All the tools, but no toolbox.» Ein Spruch aus dem nordamerikanischen Sport: Die «Werkzeuge» sind vorhanden, aber keine Werkzeugkiste. Wie sich zeigen wird, ist es eine an und für sich richtige, aber in einem entscheidenden Punkt zu optimistische Einschätzung.

Jussi Tapola zimmert im Laufe der Saison diese Werkzeugkiste: Er bringt den Bernern nach vier Jahren Larifari-Betrieb unter Operetten-Trainer endlich Disziplin, taktische Ordnung und taktischen Verstand bei. Mit Platz 5 gelingt erstmals seit dem Titelgewinn von 2019 die direkte Playoff-Qualifikation. Weil der SCB wieder eine Werkzeugkiste hat.

Aber im 7. Viertelfinalspiel zeigt sich nun dramatisch und spektakulär, dass eben doch nicht alle «Tools» zur Verfügung stehen. Die Berner haben die Zuger weitgehend im Griff gehabt. 31:20 Torschüsse für den SCB. Aber die Zweikampfstärke zinst nicht: Es reicht zwar, durch Zweikämpfe die Scheibe zu erobern. Aber das Talent fehlt, um mit dem einmal erkämpften Puck offensiv etwas zu bewegen. Der SCB spielt während des ganzen Viertelfinals offensives «Maschinisten-Hockey» ohne Überraschungseffekt. Nur 6,22 Prozent der 225 Abschlussversuche werden in Tore umgemünzt. Aus Mangel an Talent. Die Zuger haben 13,41 Prozent von 179 Schüssen verwertet. Weil sie talentiertere Schweizer Spieler haben. Der SCB und Jussi Tapola erarbeiteten sich in den Viertelfinals – wie zuvor in der Qualifikation – Respekt. Weckten aber nie Begeisterung.

Im Viertelfinal sind 183 Spieler eingesetzt worden. Wir finden die SCB-Ausländer in der Liga-Skorerliste auf den Positionen 27 (Sceviour), 36 (Nemeth), 41 (Luoto), 81 (Honka), 109 (Kahun), 125 (Knight) und 160 (Pokka). Das Ehrengewand des Topskorers trägt im 7. Spiel Thierry Bader. Er hat kein einziges Tor erzielt (7 Assists). Noch Fragen? Nein.

  • Stürmer
  • Verteidiger
  • Torhüter
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Nation Flag

Aktuelle
Note

  • 7

    Ein Führungsspieler, der eine Partie entscheiden kann und sein Team auf und neben dem Eis besser macht.

  • 6-7

    Ein Spieler mit so viel Talent, dass er an einem guten Abend eine Partie entscheiden kann und ein Leader ist.

  • 5-6

    Ein guter NL-Spieler: Oft talentierte Schillerfalter, manchmal auch seriöse Arbeiter, die viel aus ihrem Talent machen.

  • 4-5

    Ein Spieler für den 3. oder 4. Block, ein altgedienter Haudegen oder ein Frischling.

  • 3-4

    Die Zukunft noch vor sich oder die Zukunft bereits hinter sich.

  • Die Bewertung ist der Hockey-Notenschlüssel aus Nordamerika, der von 1 (Minimum) bis 7 (Maximum) geht. Es gibt keine Noten unter 3, denn wer in der höchsten Liga spielt, ist doch zumindest knapp genügend.

5,2

09.22

5,2

09.23

5,2

01.24

Punkte

Goals/Assists

Spiele

Strafminuten

  • Er ist

  • Er kann

  • Erwarte

Der SCB mag unter Jussi Tapola noch so grosse handwerkliche Fortschritte gemacht haben: Mit diesem ausländischen Personal wäre wohl auch der liebe Gott an der Bande gescheitert. Für die Rekrutierung der Ausländer ist die sportliche Führung verantwortlich. Punkt. Sie hat einmal mehr versagt. Wie 2020, 2021, 2022 und 2023. Punkt. Spätestens seit 2017 hat der SCB ein Ausländerproblem. Seit 2020 können es die Schweizer nicht mehr kompensieren.

Der SCB hat bei Weitem die finanziellen Mittel für erstklassige Ausländer. Es geht nicht um Geld. Es geht um Verstand und Kompetenz. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet die sportliche SCB-Führung seit der Erhöhung von vier auf sechs Ausländer noch nie dazu in der Lage war, die Ausländerpositionen gut zu besetzen. SCB-Manager Marc Lüthi war eine der treibenden Kräfte bei der Erhöhung der Anzahl Ausländer.

Nico Gross (EVZ), links, und Dominik Kahun (SCB), rechts, kaempfen um den Puck, im sechsten Eishockey Playoff Viertelfinal Spiel der National League zwischen SC Bern, SCB, und EV Zug, EVZ,, am Mittwoc ...
Dominik Kahun war in den Playoffs quasi unsichtbar.Bild: keystone

Sportchef Andrew Ebbett verlässt den SCB. Nun ist es am neuen Obersportchef Martin Plüss und seinem Untersportchef Patrik Bärtschi, das Ausländerproblem zu lösen. Es ist gar nicht so kompliziert: Die Mittelachse ist viel zu schwach besetzt. Auf dem heimischen Markt sind keine hochkarätigen, dominanten Mittelstürmer zu haben. Also braucht der SCB zwei hochkarätige, dominante ausländische Mittelstürmer. Plus einen «Verteidigungsminister». Also drei neue Ausländer. Punkt. Allerdings zeichnet sich bereits wieder ein Problem ab: Der Schwede Anton Lindholm, ausersehen, ein «Verteidigungsminister» zu werden, ist für unser Hockey zu langsam. Aber Jussi Tapola will ihn. Es hat schon seinen Grund, warum die Berner Zeitung eindringlich warnt, Jussi Tapola dürfe nicht zu mächtig werden.

Der SCB-Trainer hat das taktische Grundgerüst (die Werkzeugkiste) gebaut. Wenn der neue Ober- und Untersportchef die Ausländerpositionen richtig besetzen (primär mit zwei erstklassigen Mittelstürmern), dann müsste am Ende dieser Entwicklung trotz allem der nächste SCB-Titel stehen. Spätestens im Frühjahr 2026.

Bleibt die Frage: Gibt es an Jussi Tapola tatsächlich nichts auszusetzen? Doch, natürlich gibt es immer etwas zu kritisieren. Kein Trainer ist perfekt. Die Kritik ist nicht hockeytechnischer Natur. Jussi Tapola unterschätzt nach wie vor eine Besonderheit unseres Hockeys: Wir haben nicht 66'000 registrierte Spieler (davon 35'000 im Juniorenalter). Wir haben lediglich 29'000 (davon 16'000 im Juniorenalter). Innerhalb einer Organisation sind Spieler nicht austausch- und ersetzbar wie in Finnland. Das bedeutet: Bei uns ist im Umgang mit Spielern mehr politisches Verständnis und Rücksichtnahme erforderlich als daheim in Finnland.

Noch ist Jussi Tapola ein wenig zu sehr Napoleon und eine Prise Henri Guisan könnte ihm helfen. Henri Guisan war auch ein charismatischer General. Aber nicht allmächtig wie Napoleon und gerade deshalb eine Integrationsfigur in schwierigen Zeiten.

Andreas Wingerli von Zug feiert das Tor zum 3:0 beim Eishockey Playoff 1/4 Final, Spiel 7 der National League zwischen dem EV Zug und dem SC Bern am Samstag, 30. Maerz 2024 in Zug. (KEYSTONE/Urs Fluee ...
Wie weit kommt der EV Zug noch?Bild: keystone

PS: Und was ist mit Zug? Ganz einfach: Gegen die ZSC Lions werden die Zuger ein ganz ähnliches Problem haben wie der SCB: ein grosser Trainer, aber ungenügendes ausländisches Personal. Anders als der SCB hat Zug mit Leonardo Genoni eine unbestrittene Nummer 1. Er hat sicherlich schon entschieden, in den Final zu kommen. Aber dabei die Rechnung ohne seine Vordermänner gemacht.

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