Sion träumt von Europa: Die vier Erfolgsfaktoren der Walliser
Mit 19 von möglichen 21 Punkten aus den letzten sieben Runden ist Sion das Team der Stunde. Gewinnen die Walliser auch das Heimspiel am Auffahrtsdonnerstag gegen Lugano, würden sie vor dem letzten Spieltag Platz 3 in der Tabelle erobern. Seit der Einführung der Super League im Jahr 2003 hat Sion die Saison erst einmal, 2006/07, als Dritter beendet. Das Duell ist zusätzlich brisant: Mit Rang 3 wäre die Europacup-Teilnahme gesichert, während die Mannschaft auf Platz 4 auf einen Cupsieg des FC St. Gallen hoffen muss.
Unabhängig vom Ausgang der letzten beiden Runden darf sich der FC Sion über eine starke Saison freuen. Das sind die Erfolgsfaktoren.
Anthony Racioppi
Mit nur 35 Gegentoren ist Anthony Racioppi der beste Goalie der Super League. Beim FC Sion schlug der 27-Jährige genau so ein, wie es sich die Verantwortlichen vom Zugang im Sommer erhofft hatten. Endlich blieb er einmal verletzungsfrei und gewann zunehmend an Stabilität. 15-mal spielte er in der Liga zu null, zuletzt sogar fünfmal in Folge.
Sein grosses Potenzial hatte der Genfer bereits während seiner Zeit bei den Young Boys angedeutet. Damals hatte er David von Ballmoos als Stammgoalie abgelöst, wurde jedoch noch in derselben Saison wieder degradiert. Der Grund war seine Fehleranfälligkeit, die ihm später auch bei Hull City zum Verhängnis wurde.
Obwohl er in der Saison davor kaum gespielt hatte, glaubten sie in Sitten an Racioppi. Sportchef Barthélémy Constantin stattete den Goalie gleich mit einem Vierjahresvertrag aus. Wichtig für Racioppis Entwicklung war neben dem Vertrauen auch Goalietrainer Massimo Colomba, der nach zehn Jahren beim FC Basel seit 2022 beim FC Sion tätig ist. Ihm gelang es, aus dem Rohdiamanten den grossen Rückhalt des Teams zu formen.
Starker Teamgeist
Bei einer Mannschaft, die gerade eine erfolgreiche Phase erlebt, den Teamgeist hervorzuheben, ist wenig überraschend. Denn selbstverständlich wird die Stimmung innerhalb des Teams durch gute Resultate begünstigt. Beim FC Sion geht dies jedoch weit über den aktuellen Höhenflug hinaus.
Schon nach der vergangenen Saison, die Sion als Aufsteiger auf dem 9. Rang beendet hatte, hoben viele Spieler die gute Atmosphäre hervor. So erklärte etwa Benjamin Kololli bei seiner Vertragsverlängerung, die Rückkehr nach Sion sei einer der besten Entscheide seiner Karriere gewesen.
Eben jener Kololli, der früher als «Unruheherd» galt und beim FC Basel wegen einer ausschweifenden Partynacht kurzzeitig suspendiert worden war, verwaltet bei den Wallisern inzwischen die Team-Kasse. Weil diese noch gut gefüllt war, organisierte die Mannschaft zu Beginn der vergangenen Woche einen Ausflug in den Europapark. Es war eine Reise mit Symbolkraft. Der einst so unruhige Verein erlebt seine Achterbahnfahrten inzwischen fast nur noch ausserhalb des sportlichen Alltags.
Didier Tholot
Apropos Konstanz: Wie wurde früher über den Trainerverschleiss beim FC Sion gespottet. Seit Christian Constantin 2003 zum zweiten Mal Klubpräsident wurde, gab es unzählige Trainerwechsel. Die kurze Zündschnur des Präsidenten hatte Didier Tholot selbst bereits erlebt. Trotzdem trat er im Juli 2023 seine vierte Amtszeit als Trainer des FC Sion an. Was genauso gut in einer Kurzepisode hätte enden können, entwickelte sich zum längsten Engagement eines Trainers des FC Sion seit Ende der 1980er-Jahre.
Der 62-jährige Franzose gilt als Trainer, der eisern an seinen Prinzipien festhält. Das führt dazu, dass Spieler dank des grossen Vertrauens im vertrauten System aufblühen. In schwächeren Phasen sorgte dies allerdings auch schon für Kritik, weil sich Tholot vermeintlich zu lange gegen Anpassungen gewehrt habe.
Dank der Cupsiege 2009 und 2015 – dem bislang letzten Titel des FC Sion – geniesst Tholot im Wallis ohnehin Kultstatus. Dass ihm in seiner vierten Amtszeit bislang ein weiterer Titel fehlt, wird durch den Punkteschnitt von derzeit 1,73 relativiert. Sollte er die Walliser nun in den Europacup führen, wäre dies der nächste Meilenstein für den Trainer, dessen Vertrag vor drei Wochen bis 2029 verlängert wurde.
Geschickte Kaderplanung
Erst 31 Jahre alt ist Barthélémy Constantin, der Sohn des Präsidenten. Dennoch bringt er bereits grosse Erfahrung als Sportchef mit. Diese Funktion übt er seit 2014 aus, wobei er nicht immer so freie Hand hatte wie heute. In dieser Zeit lernte er, was bei einem Klub wie dem FC Sion funktioniert – und was nicht. Unvergessen bleibt das glücklose Engagement von Mario Balotelli, zu dem Christian Constantin einst im Interview mit «Blick» sagte: «Die Lehre von Barthélémy zum Sportchef kostet mich mit verrückten Deals wie diesem ein Vermögen, wie Sie sehen.»
Doch der Sohnemann zeigte sich lernfähig. Er schaffte es, verdiente Leistungsträger im Team zu halten, und verstärkte das Kader vor dieser Saison gezielt mit Spielern wie Kreshnik Hajrizi, Rilind Nivokazi, Josias Lukembila oder Donat Rrudhani. Auch die Leihe des Schweizer Nachwuchs-Internationalen Winsley Boteli erwies sich als goldrichtig. Trotz seiner Joker-Rolle kommt der 19-Jährige wettbewerbsübergreifend auf zehn Tore und weckte damit weitherum Interesse. Es wird bereits spekuliert, dass Sion die Kaufoption in Höhe von kolportierten 3,5 Millionen Euro ziehen und den Spieler anschliessend mit Gewinn weiterverkaufen könnte.
Fest steht: Beim lange unruhigen FC Sion wird inzwischen weitsichtig und besonnen gehandelt. Und das spiegelt sich im sportlichen Erfolg wider. (riz/sda)
Die bereits begonnenen Feierlichkeiten in Thun werden in den kommenden Tagen ihre Fortsetzung finden. Ausgerechnet nach dem Duell mit dem lange übermächtig erscheinenden Kantonsrivalen YB, der diese Saison ausserhalb der Europacup-Ränge abschliessen wird, wird dem FC Thun der Meisterpokal überreicht. Bereits in der vorletzten Runde, da die Thuner zum Abschluss auswärts antreten.
Die offizielle Meisterfeier findet tags darauf statt. Geplant ist ein Umzug vom Stadion in Richtung Innenstadt, wo auf dem Stadthofplatz der erste Meistertitel der Klubgeschichte gefeiert wird.
