GC-Sportchef Alain Sutter trotzt der Kritik: «Ich habe schon grössere Stürme erlebt»
Alain Sutter, vor gut einem Jahr wurden Sie GC-Sportchef. Seither ist rund um GC enorm viel passiert. Kam es Ihnen manchmal so vor, als wären schon drei Jahre vergangen?
Alain Sutter: Im Gegenteil! Es fühlt sich an, als wäre es viel kürzer. Die Zeit geht brutal schnell vorbei. Es war und ist intensiv. Ich kenne das schon aus meiner Zeit bei St.Gallen. Nach fünf Jahren hatte ich das Gefühl, wir hätten erst gerade begonnen. Die Zeit rast im Fussball.
Wie gross ist die Sorge, dass GC absteigt?
Für Journalisten ist das brutal langweilig. Aber es ist einfach so: Es zählt das nächste Training. Dann das nächste Spiel. Dann schauen wir, was herauskommt.
Der neue Trainer Peter Zeidler war noch nie im Abstiegskampf oder als Feuerwehrmann engagiert. Ist das ein Risiko oder sehen Sie sogar einen Vorteil?
Feuerwehrmann – das ist so ein Schlagwort. Und was heisst, er hat das noch nie gemacht? In der Zeit in St.Gallen, in diesen sechs Jahren, gab es bestimmt drei bis vier Phasen, in denen wir ähnliche Situationen wie jetzt bei GC erlebt haben. Das hat Peter in seiner Karriere schon x-Mal erlebt und ist darum nicht neu.
Was hat Sie in diesen Phasen besonders überzeugt, wie er mit der Mannschaft gearbeitet hat in solchen Drucksituationen?
Dass er konsequent weiter das getan hat, wovon er überzeugt war, es führe zum Erfolg. Er hat seine Linie nie verlassen.
Sie werden derzeit häufig kritisiert für Ihre Arbeit. Wie gehen Sie persönlich damit um?
Das ist normal in dieser Position. Wenn es sportlich so läuft wie bei GC, dann stehst du als Verantwortlicher auch in der Kritik. Das gehört dazu. Ich bin 40 Jahre im Fussball-Business, ich habe schon grössere Stürme erlebt. Ich habe schon viel Kritik abbekommen in meiner Karriere, das ist ein Teil dieses Jobs. Wer damit nicht umgehen kann, muss sich einen anderen Job suchen. Die Kritik wirft mich nicht aus der Bahn.
Spüren Sie den Rückhalt der Eigentümer aus Los Angeles noch?
Ja, total. Sie machen sich natürlich auch Sorgen, was normal ist. Und auch das ist verständlich.
Haben Sie sich nie Sorgen um die eigene Position gemacht?
Nein. Aber das nützt ja auch nichts. Weil es nicht meine Entscheidung ist. Am Schluss ist es im Fussball immer so: Es gibt keine Garantie. Aber du wirst auch nicht besser, wenn du dir die ganze Zeit Sorgen machst. Am Schluss entscheiden andere, ob es weitergeht oder nicht. Das liegt nicht in meiner Hand.
Sie haben die Fans angesprochen. Wie viel ist kaputt gegangen mit den Ausschreitungen nach dem Cup-Halbfinal-Aus bei Lausanne Ouchy?
Ich glaube nicht, dass es dazu beigetragen hat, das Vertrauen untereinander grösser werden zu lassen. So kann man das beschreiben. Die Fans haben Linien überschritten.
Gab es eine Aufarbeitung zwischen Fans und Verein?
Das ist auf Verwaltungsratsebene angesiedelt, da bin ich nicht der Haupt-Ansprechpartner. Aber von GC-Seite waren wir immer offen für einen Dialog. Von Fanseite her war das nicht der Fall. Wir werden sehen, was daraus entsteht. Es braucht immer zwei Seiten, um aufeinander zuzugehen. Von Vereinsseite ist das der Fall. Was die Fans betrifft? Werden wir sehen, ob das überhaupt gewünscht ist.
Gibt es etwas, das GC hätte anders machen sollen im Umgang mit den Fans?
Das wären dann Internas. Und die bleiben intern. Dass es immer Dinge gibt, die man besser machen kann, ist auch klar.
Die Eigentümer haben 50 Millionen in 2,5 Jahren in GC investiert. Sie haben diese enorme Zahl selbst zuletzt genannt. Was denken Sie darüber, wenn Sie sich diese Zahl vergegenwärtigen?
Dass bei mir das Verständnis fehlt, wenn es heisst: «Sie sollen doch mal investieren!»
Heisst: Zu wenig Wertschätzung für die Eigentümer aus Los Angeles?
Nicht zu wenig Wertschätzung, null Wertschätzung. Wenn du in 2,5 Jahren 50 Millionen in einen Verein investierst und du wirst noch beschimpft, dann kann man von Wertschätzung nicht im Geringsten reden. Nochmals: Da fehlt mir jegliches Verständnis.
Wie könnte für GC der Turnaround gelingen?
Was für ein Turnaround?
Einerseits resultatmässig, dass künftig mehr herausschaut als der Barrageplatz. Und anderseits, dass das Defizit kleiner wird.
Da sind wir seit einem Jahr am Arbeiten, auf beiden Ebenen. Wirtschaftlich sind wir auf gutem Weg, dass wir das strukturelle Defizit verringern können, und dieser Weg wird weitergehen. Und sportlich sind wir auch dran. Da hat es sich noch nicht ausgewirkt, aber wir werden weiter unseren Weg gehen. Mit der Überzeugung, dass es irgendwann in die andere Richtung geht.
Der FC Aarau hat GC stark dafür kritisiert, dass kein Stadion für das Barrage-Heimspiel vorhanden ist. CEO Sandro Burki sagte: «Es ist ein Armutszeugnis für den Fussball. Seit Jahren ist klar, dass Ende Saison die Barrage stattfindet. Es kann nicht sein, dass ein Verein kein Stadion für die Barrage hat. Ein absolutes No-Go.»
Nichts. Öffentlich schon gar nicht (lacht). Wir hatten ein Gespräch mit Sandro Burki, da haben wir ihm die Situation erklärt. Seine Aussagen hat er ja auch getätigt, ohne den Sachverhalt genau zu kennen. Wir haben ihn dann über den Sachverhalt aufgeklärt. Aufgrund der Vorkommnisse in Lausanne musste man sich neuen Umständen stellen. Und dann hat die Welt schon ein bisschen anders ausgesehen. Aber wir sind in der Sache ja einer Meinung mit Sandro Burki. Solche Situationen sollten nicht sein. Zwei Wochen vor Barrage-Start nicht wissen, wann und wo man spielt, das sollte nicht sein.
Nun naht die Fussball-WM. Und weil die USA einer von drei Gastgebern ist, kommen Erinnerungen hoch an die WM 1994, als Sie in der Schweiz zur Legende wurden. Lässt die derzeitige Situation mit GC bei Ihnen überhaupt schöne Erinnerungen zu?
Sie sehen das richtig, das ist jetzt schon nicht gerade mein Haupt-Fokus. Wenn unsere Saison dann vorbei ist und die WM wirklich los geht, habe ich dann sicher auch Zeit und Musse, mich mit diesen Erinnerungen zu beschäftigen.

