Am Sonntag trifft die Schweiz in der Vorrunde der Europameisterschaft zum ersten Mal seit 1966 an einer Endrunde auf Deutschland. Ein Blick zurück auf die vergangenen Nachbarschaftsduelle gibt Anlass zu Hoffnung, denn die letzte Niederlage der Schweiz liegt 16 Jahre zurück (ein 0:4 2008 in Basel). Das Ganze hat aber einen Haken.
Das Spieler-Reservoir des EM-Gastgebers ist zehnmal grösser als dasjenige der Schweiz. Entsprechend deutlich sind auch die Kräfteverhältnisse verteilt – ein Sieg der Schweiz gegen Deutschland wäre eine Überraschung. Blickt man aber zurück auf die Begegnungen der letzten Jahre, wird deutlich, dass die Schweizer Nationalmannschaft in der jüngeren Vergangenheit durchaus in der Lage war, die Deutschen zu ärgern. In den letzten 12 Jahren traf die Schweiz zwar nur drei Mal auf den Nachbarn, ging in diesen Begegnungen aber nie als Verliererin vom Platz:
Und nun zum grossen Aber: Blickt man in der Statistik weiter zurück, so sieht es für die Schweiz weniger rosig aus. Der Sieg im Jahr 2012 hatte historisches Ausmass, denn davor hatte die Nati gegen den dreifachen Europa- und vierfachen Weltmeister 56 (!) Jahre nicht mehr gewonnen. Nach dem letzten Sieg in einem Testspiel im Jahr 1956 trafen die beiden Mannschaften 18 Mal aufeinander, die Schweiz verlor davon 16 Partien und spielte zweimal unentschieden.
Auch die Gesamtbilanz spricht eine deutliche Sprache:
Beim letzten Sieg der Schweiz gegen Deutschland entzückte die Nati mit fünf Toren – Eren Derdiyok erzielte einen Hattrick, Admir Mehmedi und Stephan Lichtsteiner sorgten für den 5:3-Schlussstand. Dass zwischen der Schweiz und Deutschland viele Tore fallen, ist keine Seltenheit. In 23 der 53 gespielten Partien fielen fünf oder mehr Tore. Über alle Spiele hinweg fielen im Schnitt fast vier Tore. Zum Vergleich: In der Bundesliga liegt der Rekord bei 3,58 Treffern pro Spiel in der Saison 1983/84.
Die Favoritenrolle zwischen der Schweiz und Deutschland war und ist immer relativ klar verteilt. Es gab jedoch eine kurze Zeitspanne, in der die Schweiz mit Deutschland auf Augenhöhe spielte. In der Zeit des Nationalsozialismus trafen die Nachbarn zwischen 1941 und 1942 viermal aufeinander – die Schweiz gewann zweimal. Kurz vor dem Krieg, an der WM 1938 in Frankreich, gelang der Schweiz zudem etwas, das bis heute unerreicht bleiben sollte. Sie bezwang Deutschland an einer Endrunde (4:2 im Achtelfinal).
Der Sieg im WM-Achtelfinal fiel in eine Zeit, in welcher der Krieg in Europa bereits in der Luft lag. Kriegerisch war auch die Rhetorik in den Schweizer Zeitungen. So schrieb die NZZ: «Sie berannten die deutsche Festung unaufhörlich, bis sie schliesslich kapitulierte.» Die «Basler Arbeiterzeitung» sieht den «Unbesiegbarkeitsfimmel der braunen Bataillone» beendet.
So oft wie zu Zeiten des Nationalsozialismus hat die Schweiz nie zuvor und nie danach gegen Deutschland gespielt. Erst nachdem der Krieg 1942 eine Wende genommen hatte, stellte die Schweiz die sportlichen Kontakte zum Nachbarn ein. Die Niederlage 1941 stiess dem deutschen Regime besonders sauer auf, vielleicht auch deshalb, weil sie zufälligerweise mit Adolf Hitlers Geburtstag zusammenfiel. Propagandaminister Joseph Goebbels forderte, dass sportlicher Austausch nur dann stattfinden soll, «wenn das Ergebnis nicht im Geringsten zweifelhaft» sei.
An der Europameisterschaft 2024 ist die Atmosphäre rund um das Duell zwischen der Schweiz und Deutschland zum Glück weitaus friedlicher. Und – formuliert man es positiv – so hat die Schweiz die Möglichkeit, die Serie der Ungeschlagenheit gegen Deutschland weiter auszubauen. Die Schweiz steht mit eindreiviertel Füssen zwar bereits im Achtelfinal, gelingt ihnen gegen Deutschland heute (21 Uhr im watson-Liveticker) ein Exploit, könnte sie dem Gastgeber in der Gruppe A aber gar noch den ersten Platz streitig machen.