Die goldene Regel, die Xabi Alonso bei Real Madrid missachtet hat
Als deutscher Nationaltrainer prägte Berti Vogts in den Neunzigern das Motto «Der Star ist die Mannschaft». Das starke Kollektiv soll bei vielen Klubs über den einzelnen Spielern stehen. Bei Real Madrid ist dies nicht der Fall: Hier sind die Stars die Stars.
Das «weisse Ballett», das von 1956 bis 1960 fünfmal in Serie den Europacup der Landesmeister gewann, wurde geprägt von Alfredo di Stefano, Raymond Kopa, Paco Gento und gegen Ende Ferenc Puskas. Während dieser Jahre gab es fünf Trainerwechsel.
Zu Beginn des neuen Jahrtausends wurden dann die Galaktischen in Form von Zinédine Zidane, Luis Figo, David Beckham, Raul Gonzalez und Ronaldo vereinigt. In der Saison 2001/02 gewannen sie noch ohne Beckham die Champions League. Trainer war von 1999 bis 2003 Vicente del Bosque, danach hielt bis 2010 kein Coach länger als ein Jahr durch.
Alonso kam als heisseste Traineraktie
Ab 2009 formte Real Madrid um Cristiano Ronaldo, Kaka und Karim Benzema dann die «Galacticos 2.0», später spielten Spieler wie Gareth Bale, Luka Modric und Toni Kroos neben Ronaldo und Benzema. Die Folge waren sechs Champions-League-Titel zwischen 2013/14 und 23/24. Nun waren in Carlo Ancelotti und Zidane auch die Trainer grosse Figuren – doch zeichneten sie sich eben dadurch aus, sich hervorragend mit den Spielern zu verstehen und diesen grosse Freiheiten zu gewähren. José Mourinho, der sich selbst gerne im Rampenlicht suhlt, scheiterte hingegen beim Versuch, mit Real die Königsklasse zu gewinnen.
In seiner letzten Saison bei den Königlichen wurde Ancelotti seine Laissez-faire-Philosophie womöglich zum Verhängnis. Deshalb wurde er vor der Klub-WM nach einer Saison ohne nennenswerten Titel durch Xabi Alonso ersetzt. Der Baske war nach seinen Erfolgen mit Bayer Leverkusen die heisseste Aktie auf dem Trainermarkt. Auch Liverpool und Bayern München hatten sich bereits um ihren Ex-Spieler gerissen, der übernahm jedoch die grösstmögliche Aufgabe im Weltfussball.
Nach gut sieben Monaten trennten sich der Klub und der 44-Jährige am gestrigen Montag – im gegenseitigen Einvernehmen, wie Real Madrid mitteilte. «Xabi Alonso wird immer die Zuneigung und Bewunderung aller ‹Madridistas› geniessen, denn er ist eine Legende von Real Madrid und hat stets die Werte unseres Vereins vertreten. Real Madrid wird immer sein Zuhause sein», hiess es in der Stellungnahme. Auch hier steht klar die Leistung Alonsos als Spieler im Vordergrund. Der Champions-League-Sieg 2013/14 sowie die Meisterschaft und zwei Cupsiege machen ihn zur Vereinslegende, als Trainer hatte er nach dem Massstab von Real Madrid keinen Erfolg.
Vielmehr war seine Zeit geprägt von Konflikten mit den Stars. Besonders mit Vinicius Jr. geriet Alonso aneinander. Ende Oktober wurde der Brasilianer beim 2:1-Erfolg im Clasico gegen Barcelona in der 72. Minute ausgewechselt und stürmte fluchend vom Platz und direkt in die Katakomben. Den Trainer würdigte er keines Blickes. In der Folge teilte Vinicius Jr. Real-Präsident Florentino Perez angeblich mit, seinen Vertrag bis 2027 nicht zu verlängern, sollte Alonso Trainer bleiben und sich das Verhältnis nicht verbessern.
Das Team folgte lieber Mbappé als Alonso
In Federico Valverde, Eduardo Camavinga und Rodrygo hatte Vinicius einige namhafte Spieler im Aufbegehren gegen Alonso auf seiner Seite. Der Trainer wusste aber nicht nur Thibaut Courtois oder Jungstar Arda Güler hinter sich, sondern allen voran auch Kylian Mbappé. Der 26-jährige Franzose schrieb nach Alonsos Entlassung: «Es war eine kurze Zeit, aber es war mir eine Freude, für dich zu spielen und von dir zu lernen.»
Ganz einig schienen sich aber auch Alonso und Mbappé nicht immer. Erst am Sonntagabend zeigte sich dies nach der Niederlage von Real Madrid im Supercup-Final in Saudi-Arabien gegen Barça. Der Trainer wollte mit dem Team Spalier für den erfolgreichen Rivalen stehen, Mbappé weigerte sich und beorderte seine Mitspieler zu sich. Diese folgten dem Superstar statt dem Trainer – ein Sinnbild für Real Madrid.
Alonso fand den Draht zu seinen Stars von Beginn weg nicht. Mit seinem taktischen Korsett, das in Leverkusen perfekt funktionierte, kam er bei Real Madrid nicht gut an. Die geringeren Freiheiten, sich auf dem Platz zu entfalten, sorgten bei einigen Spielern ebenso für Ärger wie Alonsos Pochen auf Disziplin, Pünktlichkeit sowie mehr Arbeit im Fitnessraum. Gemäss einem Bericht von The Athletic im Oktober fühlten sich einige etablierte Profis respektlos behandelt und seien unzufrieden. So sagte eine Quelle: «Einige von ihnen haben so viel ohne solche Dinge gewonnen, dass sie sich nun beschweren.»
Alonso kam eigentlich als Kontrast zu Ancelotti
Darin liegt wohl der Hauptgrund für Alonsos Scheitern: Er missachtete die goldene Regel von Real Madrid und legte sich mit den Stars an. Es ist aber auch ein Fehler der Verantwortlichen um Präsident Florentino Perez. Diese holten Alonso im Wissen, dass er ein anderer Charakter als Ancelotti ist. Gerade deshalb war er ihr Wunschkandidat. Der Trainer sollte wieder mehr Kontrolle erlangen. Als es hart auf hart kam, stellte sich die Klubführung aber auf die Seite der Spieler und fiel dem Coach so in den Rücken.
Dabei spielt Real Madrid noch um drei Titel. In der Liga beträgt der Rückstand auf Barcelona nur vier Punkte. In der Champions League sind die Blancos auf dem Weg in den Achtelfinal und im Cup stehen sie bereits in der Runde der besten 16. Dennoch lieferte Alonso in den grossen Spielen zu wenig Argumente: In Liverpool und gegen Manchester City verlor sein Team ebenso wie im Derby gegen Atletico Madrid Ende September, das gar mit einer 2:5-Klatsche endete.
Wird Alonso nun Guardiola-Nachfolger?
«Dem Team fehlte es fast immer an Elan und Energie», urteilte die «Marca» nach der Entlassung. Vom versprochenen «Rock'n'Roll» sei zu wenig zu sehen gewesen. Trotz des Scheiterns im Santiago Bernabeu bleibt Alonso einer der gefragtesten Trainer. Sollte Pep Guardiola Manchester City im Sommer tatsächlich verlassen, wäre der 44-jährige Baske einer der Topkandidaten. Und vielleicht sucht Liverpool doch bald nach einem Nachfolger für Arne Slot.
In Madrid versucht sich derweil ein weiterer Ex-Spieler: Alvaro Arbeloa, der seit Juni Trainer der zweiten Mannschaft Real Madrids war, wurde im Anschluss an Alonsos Entlassung zum Coach der Profis befördert. Er war als Spieler nie der Star des Teams – und könnte damit der passende Trainer für die Königlichen sein.
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