Glücklos am Comersee – Albtraum in Leicester: Alisha Lehmann und der sportliche Absturz
«Ich fühle mich in Como am wohlsten von allen Orten, an denen ich bisher gespielt habe. Jeden Morgen aufzuwachen und diesen schönen Ausblick zu haben, macht mich einfach glücklich.» Diese Aussage stammt von Alisha Lehmann. Die Nati-Stürmerin tätigte diese Ende Oktober.
Die Stürmerin wurde letzten Sommer beim FC Como Women als Postergirl eines äusserst ambitionierten Projekts porträtiert. Sie unterschrieb einen Dreijahresvertrag bis 2028 und lobte ihren neuen Arbeitgeber in den allerhöchsten Tönen. Die schillernde Fussballerin mit den weltweit meisten Followern (15,5 Millionen auf Instagram) sollte Como international ins Rampenlicht befördern und den Bekanntheitsgrad des italienischen Klubs in die Höhe schnellen lassen. Für die Zukunft sind Investitionen von zirka 100 Millionen geplant. Die Pläne sind riesig, das Erreichen der Champions League wurde ausgerufen.
Den Wechsel von Juventus Turin nach Como begründete Lehmann vor allem damit, mehr Spielpraxis erhalten zu wollen. Doch daraus wurde nichts: Ihre Spielzeit war geringer, als sie sich das erhofft hatte. Bei neun (Teil‑)Einsätzen erzielte sie kein einziges Meisterschaftstor. Und ihre Zuversicht, welche sie mit dem Klubwechsel verband, wich einer grossen Enttäuschung. Die scheinbar perfekte Liaison am Comersee endete nach weniger als einem halben Jahr abrupt.
Die 27-Jährige schloss sich im Januar Leicester City an. Ein Grund für den Neuanfang dürften neben sportlichen Aspekten auch privaten Umständen geschuldet gewesen sein. Denn damals gab sie der Öffentlichkeit preis, einen neuen Partner an ihrer Seite zu haben. Sein Name: Montel McKenzie, den man in Grossbritannien vor allem als Reality-Sternchen aus dem Format «Love Island» kennt. Der 28-jährige Engländer ist zudem semiprofessioneller Fussballer. Lehmann und McKenzie sind ausserdem beide bei der Baller League UK engagiert, eine Hallenfussball-Liga, die Fussball und Unterhaltung vereint und auch Ex-Profispieler, Promis und Influencer auf den Platz bringt.
Wahnsinn im Penaltyschiessen: Vier Leicester-Spielerinnen scheitern
Für Lehmann bedeutete der Wechsel auf die Insel eine Rückkehr in frühere, bekannte Gefilde. In ihrer Karriere spielte sie bereits für West Ham United, Aston Villa und Everton (108 Einsätze). «Es fühlt sich fantastisch an, hier zu sein», sagte die Offensivspielerin bei ihrer Vorstellung. Allerdings ist ihr Engagement bisher als Misserfolg zu werten. In neun Einsätzen konnte sie sich nur einen Treffer gutschreiben lassen. In nur zwei Partien durfte sie über die komplette Spielzeit ran.
Die sportliche Ausbeute der Bernerin liest sich desolat: Seit ihrer Ankunft in Leicester verlor das Team alle elf Spiele, dies bei einem Torverhältnis von 4:32. Lehmann war nicht die erhoffte Verstärkung. Mit lediglich neun Punkten nach 22 Spielen zierte Leicester City den letzten Platz. Da die Women's Super League kommende Saison von 12 auf 14 Teams aufgestockt wird, bekam der Klub eine allerletzte Chance, um sich den Ligaerhalt doch noch zu sichern – via Playoff-Spiel gegen Charlton, den Erstplatzierten aus der zweithöchsten Liga. Nicht mit von der Partie war Lehmann, die sich eine Verletzung zugezogen hatte.
Das Relegationsspiel am Samstag zwischen Charlton und Leicester City endete dramatisch. Da weder in der regulären Spielzeit noch in der Verlängerung ein Tor fiel, musste das Penaltyschiessen über den Spielausgang entscheiden. Für Leicester wurde es zum Albtraum. Vier ihrer fünf Schützinnen scheiterten an der starken Charlton-Torhüterin Sophie Whitehouse. Für Leicester hätte es in diesem Spiel gar nicht so weit kommen dürfen. Mit 22:6-Abschlüssen hatte das Team die Oberhand.
Am Montag gab der Schweizer Nationaltrainer Rafel Navarro sein Aufgebot für die entscheidende Phase der WM-Qualifikation bekannt. Am Freitag, 5. Juni, kommt es in Lugano zum Kräftemessen mit Malta. Am Dienstag, 9. Juni, reist das Team nach Nordirland. Der spanische Trainer verzichtet auf Lehmann. Gegenüber SRF begründet er: «Sie befindet sich im Aufbauprozess, und deshalb macht es keinen Sinn, sie aufzubieten.»
Was bedeutet der Abstieg von Leicester City für Lehmann? Ihr Vertrag läuft noch zwei weitere Jahre bis 2028. Ob sie auch in der zweithöchsten Liga noch Lust auf Fussball hat? Bislang hat sich die Stürmerin in der Öffentlichkeit noch nicht dazu geäussert.
Klar ist: Falls Lehmann weiterhin Teil der Schweizer Nati sein möchte, wo sie meist nur eine Jokerrolle innehat, muss sie auf Klubebene auf Einsatzminuten kommen. Bei Leicester City in der zweithöchsten Liga, fernab der öffentlichen Wahrnehmung, dürfte sie kaum mehr auf dem Radar von Navarro auftauchen. Weil auch die Männer von Leicester City triste Zeiten durchleben (Absturz in die Drittklassigkeit), dürfte der Klub finanziell stark unter Druck geraten. Es wäre also keine Überraschung, würde Alisha Lehmann in der nächsten Saison ihr Glück anderswo suchen. (car/aargauerzeitung.ch)

