An der Medienkonferenz nach Italiens Last-Minute-Unentschieden gegen Kroatien hatte der Trainer des Schweizer Achtelfinalgegners eine denkbar kurze Zündschnur. Immer wieder redete sich Luciano Spalletti nach scheinbar harmlosen Fragen der Journalisten in Rage.
«Was ist das für eine Frage? Ich werde auch gefragt, ob ich Angst habe. Wenn ich die hätte, würde ich wie Sie ins Stadion gehen und mir die Spiele anschauen», antwortete er an der Medienkonferenz nach dem Spiel gegen Kroatien auf die Frage, was passieren würde, wenn Italien ausscheiden würde.
Auch dass ein Journalist wissen wollte, ob die Spieler einen Einfluss auf den Systemwechsel gehabt hätten, den er vor dem Spiel gegen Kroatien vorgenommen hatte, passte Spalletti gar nicht. Er vermutete gar einen Maulwurf in den eigenen Reihen: «Es gibt im Team offenbar jemanden, der die Information durchgegeben hat, und derjenige schadet der Mannschaft.»
An Medienkonferenzen gab Spalletti, der zwischen philosophischen Exkursen und Anekdoten aus dem Nähkästchen immer wieder zu Seitenhieben gegen Journalisten, Schiedsrichter oder Kritiker ansetzt, auch in der Vergangenheit schon Sätze von sich, die bis heute gewissermassen Kultcharakter haben. So sagte er beispielsweise mal in seiner Zeit in Rom: «Es ist für alle offensichtlich, dass uns ein Innenverteidiger fehlt. Selbst meine 90-jährige Mutter weiss das.»
Dass Spalletti an der Medienkonferenz mit dem Zweihänder austeilte, dürfte auch dem Druck geschuldet sein, dem man als Trainer der italienischen Nationalmannschaft naturgemäss ausgesetzt ist. In einem Land, dass sich als Fussballnation versteht, gehört die Kritik an der Nationalmannschaft und deren Trainer genauso zum Kulturgut wie die Euphoriewelle, die bei wichtigen Siegen von Milano über Rom bis nach Palermo schwappt.
Doch die Aufgabe, die Spalletti bei der Squadra Azzurra 2023 angetreten hat, nachdem sich Roberto Mancini in Richtung saudische Wüste verabschiedet hatte, ist denkbar schwierig. 2021 holte sich Italien unter ebendiesem Mancini zwar den EM-Titel, musste danach aber in der Qualifikation für die WM in Katar der Schweiz den Vortritt lassen und verpasste das Turnier.
Und das Kader der Azzurri hat – gerade was die Offensivpower angeht – schon bessere Zeiten gesehen, wie der Sportjournalist Roberto Maida erklärt: «Die heutige Nationalmannschaft ist nicht mehr so talentiert wie ihre Vorgänger. Italien trägt zwar immer noch das azurblaue Trikot, aber es ist nicht mehr die Mannschaft, die es einmal war.»
Neben dem Platz mag Spalletti, der gerne mit Konzepten wie Trikot, Werte und Stolz hausiert, auch mal von «starken und schwachen Männern» spricht und die Playstation vom Trainingsgelände verbannt, etwas antiquiert wirken – doch diese Art steht im starken Kontrast zu den modernen Ideen, die er im Fussball umsetzt.
Mit seinem Spielstil «geprägt von Ballbesitz, schnellen, vertikalen Pässen und viel Bewegung der Spieler», wie es Maida ausdrückt, begeisterte er mit Napoli vor zwei Jahren mit mitreissendem Offensivfussball – eigentlich untypisch für die Serie A –, führte die Süditaliener zum ersten Titel seit mehr als 30 Jahren und beendete damit den Post-Maradona-Blues im «Mezzogiorno».
Mit der italienischen Nationalmannschaft will der Mann, der in der Nähe von Florenz aufwuchs und dies auch gerne betont, eigentlich von dem klassischen italienischen Stil wegkommen, wie er in einem Interview vor der EM sagte: «Es wird uns oft nachgesagt, dass wir stark in der Defensive sind und auf Konter spielen. Aber in Italien ändert sich dieser Ansatz gerade. Wir wollen, dass die Spieler höher stehen, anstatt abzuwarten. Wir wollen Pressing ausüben, wollen ein gutes Aufbauspiel und als Mannschaft verteidigen.»
«Als ich als Trainer angefangen habe, sagte man mir, dass das Gewinnen zählt», sagte Spalletti nach dem italienischen Auftritt gegen Albanien. «Aber nein, was zählt ist, gut zu spielen. Um eine Chance auf den EM-Titel zu haben, müssen wir erst einmal guten Fussball spielen.» Das Last-Minute-Unentschieden gegen Kroatien hat aber gezeigt: Anders als bei Napoli scheint Spalletti in der Nationalmannschaft die Zeit zu fehlen, um seine eigenen Ideen vom Fussball umzusetzen. Denn Italien hat zwar die hohen Erwartungen resultatemässig einmal mehr knapp erfüllt, vermochte aber mit seinem Fussball nicht zu begeistern.
In Napoli und Rom konnte Spalletti mit Victor Osimhen und Francesco Totti auf zuverlässige Knipser zählen – etwas, das der italienischen Nationalmannschaft momentan fehlt. Doch der Mann, der bei der AS Roma mit ebendiesem Totti die «falsche Neun» mitgeprägt hat, beweist auch ein ausgesprochen feinfühliges Händchen, wenn es darum geht, Spieler auf ihre Rolle innerhalb des Systems zu sensibilisieren.
Dies zeigt sich an diesem Turnier am besten am Beispiel von Riccardo Calafiori, der in der italienischen Abwehr vor Selbstvertrauen nur so strotzt. Auch dass er auf «Il Bello» gegen die Schweiz aufgrund einer Gelbsperre verzichten muss, dürfte dem Mann, dem es immer wieder gelingt, sein Team ideal auf einen Gegner einzustellen, nicht allzu grosse Bauchschmerzen bereiten.
Als Manchester Citys Pep Guardiola den Fussball Napolis unter Spalletti als «den besten Europas» bezeichnete, fühlte er sich nicht etwa gebauchpinselt, im Gegenteil: «Ich fühle mich deswegen nicht stolz, ich fühle nichts. Ich kenne diese psychologischen Spielchen, bei denen alle den Druck von sich auf andere verlagern wollen, schon lange. Es ist ein Spiel, wo sie uns aufbauen wollen, um uns dann zu stürzen.»
Druck bekommt er nun auch in Italien zu spüren, denn «wer in Azurblau aufläuft, ist zum Siegen verdammt. Auch wenn andere Mannschaften gerade viel stärker sind», wie es der Journalist Maida ausdrückte. Und so bleibt dem Trainer, der so gerne schönen Fussball spielen lassen möchte, angesichts der kurzen Dauer der Europameisterschaft vielleicht doch nichts anderes übrig, als wieder das Resultat ins Zentrum zu stellen. Denn um weiterhin von der Titelverteidigung träumen zu können, braucht Italien am Samstag einen Sieg – egal wie.