Mit letzter Kraft treibt Riccardo Calafiori den Ball noch einmal nach vorne, wie er es das ganze Turnier über schon getan hat. Dieses Mal hat es jedoch eine besondere Dringlichkeit, liegt Italien im letzten Gruppenspiel gegen Kroatien doch 0:1 in Rückstand und es läuft bereits die achte und letzte Minute der Nachspielzeit.
Also prescht Calafiori in die gegnerische Hälfte, spielt einen Doppelpass mit Davide Frattesi und sieht dann – umgeben von neun Kroaten – den freien Mitspieler auf der linken Seite. Sekundenbruchteile, bevor Josip Sutalo ihm den Ball hätte streitig machen können, passt er rüber und sieht am Boden sitzend, wie Mattia Zaccagni dank eines Schlenzers in den rechten Winkel zum Helden wird.
Es ist die letzte Aktion des Spiels: Damit qualifiziert sich Italien als Zweiter der Gruppe B direkt für den Achtelfinal, während die Europameisterschaft für Kroatien ziemlich sicher vorbei ist. Und obwohl Zaccagni als Erlöser der Italiener gefeiert wird, wäre der entscheidende Treffer für die Azzurri gar nicht möglich gewesen ohne Calafiori.
Dass der 22-Jährige eine so grosse Rolle im italienischen EM-Team spielt, wäre noch vor einem Monat undenkbar gewesen. Erst am 4. Juni, zehn Tage vor dem Eröffnungsspiel des Turniers in Deutschland, kam er zu seinem Debüt im Nationaltrikot. Auch aufgrund der Verletzungen von Francesco Acerbi und Giorgio Scalvini wurde der Platz in der Innenverteidigung frei für Calafiori. Und prompt berief Nationaltrainer Luciano Spalletti ihn in seine Stammformation für die Europameisterschaft.
Calafiori spielte bisher jede einzelne Minute, sowohl beim 2:1-Erfolg gegen Albanien als auch bei der 0:1-Niederlage gegen Spanien und eben dem 1:1-Unentschieden gegen Kroatien. Trotz des Eigentors, mit dem er das Spiel gegen die Iberer entschied, wusste der Verteidiger vom Überraschungsteam Bologna, das die Saison auf Platz 5 der Serie A abschloss und sich erstmals für die Champions League qualifizierte, zu überzeugen.
Einerseits fängt er Zuspiele des Gegners ab, gewinnt die meisten seiner Zweikämpfe und klärt in Gefahrensituationen. Andererseits spielt er aber auch viele Pässe und beweist dabei eine hohe Präzision – oder treibt den Ball auch mal selbst nach vorne, wie am Montagabend. Kein Italiener zeichnet gemäss fbref.com für so viele Aktionen verantwortlich, die zu einem Schuss oder einem Tor führen. Im Training wurde er deshalb gar einmal als offensiver Mittelfeldspieler eingesetzt.
Nach Calafioris Assist gegen Kroatien schwärmte ZDF-Experte Christoph Kramer: «Er ist der beste Spieler dieser Europameisterschaft. Der hat so ein geiles Gefühl für dieses Spiel, vor allem mit Ball ist er unfassbar.» Calafiori habe alles, was man im modernen Fussball braucht. Schon nach zehn Minuten des ersten EM-Spiels hätte der deutsche Weltmeister von 2014 gedacht: «Was ist das denn bitte für ein geiler Spieler.»
In Italien hat Calafiori fast schon so etwas wie einen Personenkult rund um sich losgetreten. Neben seinen Qualitäten erinnert er die Fans der Squadra Azzurra auch wegen seines Daseins als Verteidiger mit langen Haaren und Stirnband sofort an Legenden wie Paolo Maldini, Alessandro Nesta oder Fabio Cannavaro.
Die italienische «GQ» schreibt davon, dass Calafiori «mit seinem statuenhaften Körperbau und seinem hübschen Gesicht ein italienisches Schönheitsideal verkörpert». So lasse er die Zeiten wieder aufleben, in denen italienische Nationalspieler nicht nur «wegen ihrer Leistungen auf dem Spielfeld, sondern auch wegen ihrer Fähigkeit, Sexsymbole zu sein, auf den Titelseiten zu sehen waren». Als solches bezeichnete Schauspielerin Monica Bellucci einst Cannavaro, den Weltmeister-Captain von 2006.
Vom Aufstieg des talentierten Defensivspielers, dessen Rolle in Italiens Viererkette auch schon mit jener von John Stones bei Pep Guardiolas Manchester City verglichen wird, könnte auch der FC Basel profitieren. Trotz anfänglicher Skepsis seitens Calafiori erwies sich der Transfer von seinem Jugendklub AS Rom an den Rhein im Sommer 2022 als goldrichtig. Wurde er zuvor von José Mourinho fast weggejagt – ein Umstand, der den heutigen Roma-Coach Daniele de Rossi noch immer ärgert – etablierte er sich beim FCB erstmals bei einer Profimannschaft als Stammspieler.
Mit dem Trainerwechsel von Alex Frei zu Heiko Vogel rückte der gelernte Linksverteidiger dann in die Dreierkette und hatte dort entscheidenden Anteil am Einzug in den Halbfinal der Conference League. Nach der Saison bei Rotblau, die sich als Wendepunkt in seiner Karriere erwies, wechselte er zurück in die Serie A. Bologna verpflichtete Calafiori für vier Millionen Euro – doch der FCB liess sich eine Klausel zusichern. Im Falle eines Weiterverkaufs erhalten die Basler je nach Quelle zwischen 40 und 50 Prozent der Ablösesumme.
Damit dürften schon in diesem Sommer mehrere Millionen die FCB-Kassen fluten. Denn Calafiori wird heiss umworben. Thiago Motta, bisher Trainer bei Bologna und nun bei Juventus, würde seinen ehemaligen Schützling gerne weiterhin trainieren. Der Taktik-Fuchs machte aus Calafiori endgültig einen Innenverteidiger. Zwar kühlte sich das Interesse zuletzt angeblich etwas ab, da Bologna mehr als die gebotenen 20 Millionen Euro fordert, doch dürfte der Klub aus der Emilia Romagna spätestens nach seinen Leistungen an der EM kein Problem haben, einen zahlungswilligen Abnehmer für Calafiori zu finden.
Zu einem Aufeinandertreffen mit Dan Ndoye, der wie Calafiori im letzten Sommer von Basel nach Bologna wechselte, oder den anderen beiden Schweizern des Serie-A-Klubs Remo Freuler und Michel Aebischer wird es für den 22-jährigen Innenverteidiger aber nicht kommen. Aufgrund einer späten Verwarnung gegen Kroatien wird Calafiori im Achtelfinal am Samstag (18 Uhr) gesperrt fehlen.
Für die Schweiz könnte das eine positive Nachricht sein. Wer will schon gegen die Reinkarnation von Paolo Maldini oder Fabio Cannavaro spielen.