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ZUM KADER DER SCHWEIZER FUSSBALL-NATIONALMANNSCHAFT FUER DIE UEFA EURO 2016 IN FRANKREICH STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG - Switzerlands national football team head coach Vladimir Petkovic poses during a photocall in the hotel Schweizerhof in Lucerne, Switzerland, pictured on August 29, 2014. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Der Schweizer Fussball-Nationaltrainer Vladimir Petkovic posiert am Freitag 29. August 2014 Im Hotel Schweizerhof in Luzern, Schweiz. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Vladimir Petkovic macht sich bereit für für ein Porträt.
Bild: KEYSTONE

Das Rätsel Petkovic: Das steckt hinter dem unverstandenen Nati-Trainer 

Der Schweizer Nationaltrainer Vladimir Petkovic hat eine bewegende Geschichte. Der Versuch, die Rätsel um seine Person zu entwirren. Eine Annäherung.

etienne wuillemin / Aargauer Zeitung



Es ist ein verregneter Mittwochmorgen in der Sonnenstube Lugano. Vladimir Petkovic sitzt an einem Tisch im Hotel Villa Sassa. Einen Monat dauert es noch, bis die Schweiz an der EM gegen Albanien ihr erstes Spiel bestreitet. Petkovic spricht entspannt über das kommende Abenteuer.

Gewinnt die Schweiz gegen Albanien?

Irgendwann sagt er: «Wir wollen Geschichte schreiben.» Geschichte schreiben? Was bedeutet das? Viertelfinal? Halbfinal? Petkovic zögert. Er möchte nichts präzisieren. Plötzlich sagt er: «Geschichte schreiben bedeutet doch auch ‹in Erinnerung bleiben›. Das würden wir auch, wenn wir nach der Gruppenphase nach Hause müssen.» Er lächelt das Lachen eines Mannes mit feiner Ironie.

Swiss national soccer head coach Vladimir Petkovic, right, and Swiss soccer players attend a Swiss national soccer team photo shoot, in Lugano, Switzerland, Wednesday, June 1, 2016. The Swiss national soccer team prepares for the UEFA EURO 2016 soccer championship in France. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)

Die Schweizer Nati mit ihrem Trainer beim Teambild-Shooting.
Bild: KEYSTONE

Manchmal ist es schwierig, Vladimir Petkovic zu verstehen. Wer möchte, kann ihn leicht missverstehen. Oder ihm seine Worte etwas bösartig auslegen. Man sollte es nicht tun. Denn hinter der lächelnden Fassade versteckt sich ein faszinierender Mensch. Ein Mensch, der eine bewegende Geschichte zu erzählen hat. Aber eben auch ein Mensch, um den viele Rätsel schwirren.

Tückische Ausgangslage

Die Geschichte von Petkovic und der Schweiz beginnt mit einem Missverständnis. Im Juni 1987 landet er am Flughafen Zürich. Ein alter Bekannter seines Vaters empfiehlt ihn für ein Probetraining in St. Gallen. Doch am Flughafen taucht der Mann, der Petkovic abholen soll, nicht auf. Es ist nur ein kleiner Irrtum, der Mann hat sich in der Ankunftszeit des Fluges getäuscht. Wenig später: alles bestens. Das Abenteuer Schweiz kann beginnen. Zu diesem Zeitpunkt sieht Petkovics Bild über die unbekannte Schweiz so aus: «Eine sichere Insel inmitten der Welt. Mit Banken, Uhren, Schokolade.»

Doch der Weg, den Petkovic beschreitet, ist ein holpriger. In St.Gallen erhält er keinen Vertrag, die Konkurrenz ist zu gross. Er wechselt zu Chur in die NLB. Doch bald entsteht dort eine Provinzposse. Der Präsident des Vereins wettert in der «Bündner Zeitung»: «Sobald ich einen Neuen habe, muss der Jugoslawe weichen! Er ist nicht der angepriesene Goalgetter – leider hat mich sein Spielervermittler gehörig reingelegt.»

Der Churer Vladimir Petkovic, links, setzt sich im Zweikampf gegen Enrico Giani, Nr. 5, rechts, vom FC Locarno durch und erzielt in der 85. Minute per Kopf den Siegestreffer zum 2:1 ueber den FC Locarno, aufgenommen am 27. Juli 1991 in Chur beim Meisterschaftsspiel der Nationalliga B FC Chur gegen den FC Locarno.  (KEYSTONE/Arno Balzarini)

Vladimir Petkovic 1991 im Einsatz für Chur.
Bild: KEYSTONE

Heute, 29 Jahre nach der Episode in Chur, ist es dieselbe Geschichte, die sich manche über Petkovic erzählen. Petkovic, der Mann, der Hoffnungen entfacht, und das Versprechen nicht einlösen kann. Seit fast zwei Jahren ist Petkovic Schweizer Nationaltrainer.

Vielleicht hat es schon bessere Zeitpunkte gegeben, die Schweizer Auswahl zu übernehmen als im Juli 2014. Sein Vorgänger heisst Ottmar Hitzfeld. Sein Vorvorgänger Köbi Kuhn. Ein weltmännischer Erfolgstrainer der eine. Ein volksnaher Gemütsmensch der andere. Dazu kommen andere Fakten. Die Schweiz fehlt seit 2004 nur einmal an einem grossen Turnier. An der EM 2016 spielen erstmals 24 Teams, nicht 16 wie bisher. Bedeutet: Sogar die Gruppenzweiten in der EM-Qualifikation sind direkt dabei in Frankreich. Mehrere Schweizer Spieler sagen: «Wenn wir uns nicht qualifizieren, ist das eine Katastrophe.» Es ist eine tückische Ausgangslage für den neuen Nationaltrainer.

Vladimir Petkovic, ist die Schweiz nach den letzten Jahren ein bisschen erfolgsmüde?
Vladimir Petkovic: Ich würde sagen: überheblich! Es würde nicht schaden, würden wir ein bisschen realistischer werden. Es findet eine EM statt ohne Holland, ohne Griechenland, auch das sollte in eine Bewertung einfliessen. Zudem erhalten wir jedes Jahr von neuem die Bestätigung, dass es keine einfachen Siege mehr gibt. Wer besiegt Liechtenstein noch mit fünf Toren Differenz? Niemand!

Wenn Spieler wie Granit Xhaka oder Breel Embolo sagen: «EM-Titel, warum nicht?» Gefällt Ihnen ein solches Denken?
Das schon. Sie sind jung und dürfen sich so äussern. Ein bisschen arrogant und überheblich darf man schon sein. Ich gebe diesen Weg ja auch vor, indem ich klar sage: Nach den ersten beiden Spielen gegen Albanien und Rumänien wollen wir für den Achtelfinal qualifiziert sein. Aber die Bodenständigkeit und der Realismus dürfen eben trotzdem nicht fehlen.

Granit Xhaka, links, und Breel Embolo, rechts, waehrend dem Training der Schweizer Fussball A-Nationalmannschaft in Freienbach am Montag, 21. Maerz 2016. Die Schweiz tritt am Freitag zu einem EM-Testspiel gegen Irland an, am kommenden Dienstag empfaengt die SFV-Auswahl in Zuerich Bosnien-Herzegowina. (KEYSTONE/Patrick B. Kraemer)

Dürfen ein bisschen arrogant und überheblich sein: Granit Xhaka (l.) und Breel Embolo. Bild: KEYSTONE

Fakt ist: Mit der EM-Qualifikation alleine sorgt das Nationalteam in der Schweiz für keine Begeisterungsstürme mehr. Dazu braucht es mehr. Und das stört Petkovic. Vielleicht, weil er mancherorts eine Abwertung seiner Arbeit ortet. Er fragt sich dann: Warum steht in den italienischen Zeitungen: «Petkovic führt Schweiz an die EM!» Und in den Schweizer Zeitungen: «Pflicht erfüllt. Mehr nicht.»

«Ich hatte schon viele Herausforderungen. Und ich habe sie immer bestanden.»

Wer die Biografie von Petkovic durchforstet, merkt: Vielleicht ist diese Angst, dass die eigene Arbeit nicht genügend wertgeschätzt wird, kein Zufall. Seit Petkovic in der Schweiz Fussball spielte, hat er immer kämpfen müssen für einen neuen Vertrag. Er war stets im Ungewissen, allein mit der Frage: Wie weiter? Chur, Sion, Martigny, wieder Chur, Bellinzona, Locarno, wieder Bellinzona, schliesslich Buochs. Eine Durchschnittskarriere. Auch als Trainer musste er lange kämpfen, ehe er eine Chance im Profifussball bekam. «Ich musste lange durchs Fegefeuer gehen», hat er einmal gesagt.

Mehr als zehn Jahre, von 1997 bis 2008, hat er als Spielertrainer und Trainer im Amateurbereich gearbeitet, ehe er bei den Young Boys eine Chance als Profi erhielt. Und schliesslich auch die Türkei (Samsunspor) und Italien (Lazio Rom) kennen lernte. Eine Aufgabe (oder: Chance) so gross wie jetzt an der EM, war noch nicht dabei.

epa03719280 SS Lazio's head coach Vladimir Petkovic the victory over AS Roma in the Italian Cup final soccer match at the Olimpico stadium in Rome, Italy, 26 May 2013. Senad Lulic flicked home Lazio's second-half winner to secure a 1-0 win against Roma in the final of the Italian Cup.  EPA/ETTORE FERRARI

Bei Lazio Rom war Petkovic als Trainer geschätzt – und erfolgreich.
Bild: EPA

Herr Petkovic, stehen Sie vor der grössten Bewährung Ihrer Trainerkarriere?
Jein. Ich hatte schon viele Herausforderungen. Und ich habe sie immer bestanden. Ich bin mit Agno in die NLB aufgestiegen. Ich habe Bellinzona in den Cupfinal und die Super League geführt. Mit YB war ich im Cupfinal und Zweiter in der Meisterschaft. Mit Lazio Rom im Europa-League-Viertelfinal und Cupsieger. Ich bin überzeugt, dass ich die Prüfung in Frankreich bestehe. Auch wenn das eine andere Realität ist.

«Nein, das ist kein Problem.»

Petkovic zum Migrationshintergrund vieler Spieler

Fühlen Sie sich als Nationaltrainer manchmal ungerecht behandelt?
Über die Art und Weise, wie ich angesehen werde, bin ich schon seit Jahren hinweg. Darum ist das kein Problem. Manchmal gebe ich einfach ein kleines Signal, wenn ich spüre, dass ich mich wehren muss.

Spüren Sie manchmal, dass einige Leute Vorbehalte gegen Sie haben wegen Ihres Migrationshintergrunds?
Nein, das ist kein Problem. Es gibt viele Möglichkeiten, zu polemisieren. Aber wer auf unser Team schiesst, egal auf wen, schiesst auch auf sich selbst – wenn er denn ein richtiger Schweizer ist.

Wenn einer Petkovic kennt, dann Senad Lulic

Manchmal wird man das Gefühl nicht los, es gebe mehr als einen Vladimir Petkovic. Wer mit Wegbegleitern über den Menschen Petkovic spricht, hört immer wieder lobende Worte. Petkovic, verheiratet und Vater zweier erwachsener Töchter, war während seiner Zeit als Amateur-Trainer im Tessin auch als Sozialarbeiter tätig. In Giubiasco bei der Caritas. Mara Doubravac, eine langjährige Mitarbeiterin, schwärmt von Petkovics Einfühlungsvermögen und dessen Kommunikation. Petkovic hat mit Arbeitslosen zusammengearbeitet. Und hat verzweifelten Jugendlichen wieder Hoffnung gegeben.

25.10.2015; Rom; Fussball Serie A - Lazio Rom - Torino: 
Senad Lulic (Lazio) (Antonietta Baldassarre/Insidefoto/freshfocus)

Der Bosnier Senad Lulic schoss Lazio Rom mit Petkovic als Trainer zum Cupsieg.
Bild: A. Baldassarre/freshfocus

Senad Lulic ist wohl derjenige Fussballer, der Petkovic am besten kennt. Er hat unter ihm in Bellinzona, bei den Young Boys und später bei Lazio Rom gespielt. Lulic war es, der mit seinem Tor das Derby gegen die AS Roma im italienischen Cupfinal entschied. «Als Petkovic nach Rom kam, war er ein Unbekannter. Jetzt kennt ihn jeder. Und für die Fans von Lazio Rom ist er unsterblich.» Wenn Lulic Petkovic beschreiben soll, tut er das so: «Petkovic beherrscht Dinge, die man nicht lernen kann. Er hat ein Gefühl, im entscheidenden Moment jenen Mann einzuwechseln, der das Team zum Sieg schiesst.» So geschehen beim EM-Qualifikationsspiel der Schweiz gegen Slowenien, als das Team aus einem 0:2 ein 3:2 machte. Und Lulic sagt: «Ich traue es Petkovic zu, dass er die Schweiz hervorragend durch die EM führt.»

Es ist Petkovic zu wünschen, dass die Schweizer Leistungen lange in Erinnerung bleiben, vielleicht sogar in die Geschichte eingehen.

Wenn Petkovic entspannt an einem Tisch sitzt und ins Erzählen kommt, dann lauscht der Zuhörer gebannt. Wie er als Knirps mit seinem Vater in einer Fussballgarderobe in Sarajewo sass und den Fussball aufsog. Wie er bei einem Flug fast abgestürzt wäre. Wie er die Zeit des Krieges in seiner Heimat aus der Schweiz am Telefon mitverfolgen musste und dabei die Bomben einschlagen hörte. Wie er seine Frau in einer Disco kennen und auf den ersten Blick lieben lernte.

Und doch wird die Art, wie ihn die Menschen in der Schweiz in Zukunft wahrnehmen, von einem entscheidend abhängen: vom Erfolg. Es ist Petkovic zu wünschen, dass die Schweizer Leistungen lange in Erinnerung bleiben, vielleicht sogar in die Geschichte eingehen. Und zwar nicht, weil sie nach der Vorrunde heimreisen müssen.

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