GC gelingt gegen Winterthur der Befreiungsschlag: Die Schützenwiese weint
GC macht in Winterthur einen Schritt Richtung Barrage. Auch dank Überraschungsnomination Amir Abrashi. Die Mission des FCW zum neuerlichen Ligaerhalt ist derweil noch komplizierter geworden.
Die Fans des FC Winterthur stimmen sich traditionell im Restaurant Stadion nur wenige Meter neben der Schützenwiese ein auf eine Partie ihres Lieblingsvereins. Auch am Samstagnachmittag ist das Lokal gut besucht, und bei frühlingshaften Temperaturen, gepaart mit dem einen oder anderen Gerstensaft, steigt die Zuversicht quasi von Minute zu Minute, dass dieser Tag ein guter ist für den FCW, einer, der den Tabellenletzten der Super League im Direktduell gegen die Grasshoppers endgültig wieder ins Rennen um den Barrageplatz bringen soll.
Doch kaum haben die Fans ins Stadion disloziert und ihre Plätze auf den maroden Treppen oder den in die Jahre gekommenen Tribünen eingenommen, schlägt das Wetter um, und ein starker Platzregen entleert sich über der Schützenwiese.
Es ist ein Bild, an dem die Metaphoriker dieser Welt ihre Freude haben dürften, wenn sie die dunklen Wolken am Himmel nicht nur als Wetterphänomen verstehen, sondern darin auch einen Vorboten lesen dafür, wie unerfreulich sich dieser Abend für den FC Winterthur entwickeln sollte. Die Schlagzeilen schreiben sich quasi von selbst: «Dunkle Wolken über der Super-League-Zukunft des FC Winterthur», oder auch: «Rahmen im Regen, jetzt sieht es ganz düster aus für den FCW.»
0:2 verliert der FC Winterthur gegen die Grasshoppers. Die Mannschaft also, die unter ihrem neuen Trainer Gernot Messner bisher 0:5 und 0:4 verloren hatte. Das Momentum schien vor der Partie unbestritten beim Tabellenletzten zu liegen, schliesslich hatte Winterthur in den letzten Wochen immer mal wieder Boden gut gemacht auf ein GC, das je länger, desto taumelnder unterwegs zu sein schien. Doch der Rekordmeister fällt an diesem Samstag nicht. Statt Winterthur bis auf zwei Punkte herankommen lassen zu müssen, ist der Abstand nun auf acht Punkte angewachsen.
Abrashis Euphoriebremse
«Nur acht Punkte», präzisiert Amir Abrashi, als er nach einer Welle mit den GC-Fans vor die Mikrofone tritt. «Letztes Jahr haben wir gesehen, wie Winti sich im letzten Moment noch gerettet hat. Dieses Team darf man nie abschreiben.» Der GC-Captain hat es nicht verlernt, das Tiefstapeln und Auf-die-Euphoriebremse-treten, auch wenn er in dieser komplizierten Saison nur eine Nebenrolle spielt. Am Samstag führt er die Mannschaft erst zum zweiten Mal in dieser Spielzeit von Beginn an als Captain aufs Feld, letztmals war dies am allerersten Spieltag gegen Luzern der Fall gewesen. Abrashi gibt zu, ob der Nomination für die Startformation auch etwas überrascht gewesen zu sein. Und fügt mit einem Lächeln an: «Ich werde meine Beine die nächsten Tage sicher noch etwas spüren.»
Der 36-Jährige ist die Identifikationsfigur schlechthin im Kollektiv der Grasshoppers. Unlängst verlängerte er seinen Vertrag um eine weitere Saison, wobei gut möglich ist, dass der Thurgauer nach Saisonende eine Rolle ausserhalb des Spielfeldes übernehmen könnte. In den letzten Jahren ging Abrashi stets voran, wenn seine Grasshoppers Mal für Mal unter den Erwartungen blieben und sich schliesslich in der Barrage den Verbleib in der Super League sicherten. Auch nach den drei Big Points in Winterthur betont der Captain, wie wichtig dieser Sieg gewesen sei – «für die Spieler, den Staff, die Fans. Für alle, die GC im Herzen tragen.» Wie er.
Messners Premiere
Bei Gernot Messner dürfte es noch einen Moment dauern, ehe sich die Identifikation mit seinem Arbeitgeber auf Abrashi-Niveau bewegt. Und doch ist es ein spezieller Abend, den der GC-Trainer erlebt, schliesslich darf er seinen ersten Sieg auf Profistufe verbuchen. Messner sagt, natürlich freue ihn das, aber deswegen würde der Österreicher nicht in Euphorie geraten. Er weiss, dass er seinen Job wohl schon wieder los gewesen wäre, hätte es auch in Winterthur eine Niederlage abgesetzt. «Insofern», sagt der 45-Jährige, «tun wir gut daran, nicht zu weit nach vorne zu schauen, sondern von Spiel zu Spiel.»
Diesen Fünfliber fürs Phrasenschwein wird Messner an diesem Abend noch so gerne bezahlen, umso mehr, als nach dem Abstiegskampf tatsächlich ein nächstes wegweisendes Spiel auf die Grasshoppers wartet. Am nächsten Samstag haben die Zürcher die Möglichkeit, zum 33. Mal in den Final des Schweizer Cups einzuziehen. Letzte Hürde auf dem Weg dazu ist für den 19-fachen Cupsieger das Überraschungsteam von Lausanne-Ouchy.
15 Punkte Hoffnung
Winterthur kommt derweil in den Genuss eines spielfreien Wochenendes, wobei «Genuss» vielleicht nicht das richtige Wort ist, wenn die Möglichkeit, sich weiter gegen den Abstieg aufzulehnen, um eine Woche verzögert wird. Zwei, drei Tage würden er und seine Spieler schon brauchen, um den «herben Rückschlag» zu verdauen, sagt Patrick Rahmen.
Im Regen steht der Winterthur-Trainer dabei übrigens nicht, dennoch ist dem Basler anzumerken, dass ihn die Geschehnisse des Abends beschäftigen. «Natürlich wird es ganz schwierig, dass wir es noch in die Barrage schaffen, aber solange es rechnerisch möglich ist, geben wir nicht auf.»
Es sind Durchhalteparolen, wie sie jahrein, jahraus von ganz vielen Berufskollegen Rahmens auf der ganzen Welt zu Protokoll gegeben werden, und auch wenn die Winterthurer in der Relegation Group noch maximal 15 Punkte holen könnten, deutet nun doch einiges darauf hin, dass die Super-League-Zeit des FCW nach vier Jahren ein vorläufiges Ende finden wird.
Rahmens Kritik
Als die Mikrofone aus sind, hadert Rahmen. Mit dem Spielverlauf, der Spielleitung – und allen voran dem Videoschiedsrichter, der das vermeintliche 1:1 durch Andrin Hunziker (25.) beanstandete, obwohl Referee Urs Schnyder vorhin laufengelassen hatte. Ein Zweikampf Remo Arnolds mit Michael Frey wurde den Winterthurern in dieser Situation zum Verhängnis, da Schnyder nachträglich auf Foul des FCW-Captains entschied. «Für mich ist es vollkommen unverständlich, dass der VAR in dieser Szene eingreift», sagt Rahmen. «Dieser Zweikampf ist ausgeglichen, beide ziehen, beide stossen.»
Dem Coach ist wichtig zu betonen, dass seine Mannschaft nicht allein aufgrund dieser Situation verloren habe, vielmehr hätten auch einige Spieler ihr Leistungsniveau nicht erreicht. Und doch: Nun seien schon einige Entscheide der Unparteiischen am Bildschirm zu ihren Ungunsten ausgefallen, was schliesslich Punkte gekostet habe. «Und das ist frustrierend.»
Apropos Frust: Rahmen ist zu Ohren gekommen, dass ein früherer Winterthur-Trainer, der das Team einst zum Ligaerhalt geführt hat, bei einem Fernsehauftritt damit geprahlt habe, diese Herkules-Aufgabe bewältigt zu haben. Das nervt Rahmen, weil sich aus einem Studio leicht Dinge erzählen lassen, während er dem konstanten Druck in einer nicht vergleichbaren Ausgangslage ausgesetzt ist.
Sollte Winterthur aber in den verbleibenden fünf Partien der Saison unverhofft zur grossen Aufholjagd ansetzen, dürfte Rahmens Freude darüber dafür umso grösser sein. (sda)
