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Marco Odermatt im Interview über seine Karriere und die Zukunft

Marco Odermatt of Switzerland poses with the men's overall crystal globe trophy, the men's Super-G overall leader crystal globe trophy and the men's Downhill overall leader crystal glob ...
Zum fünften Mal in Serie hat Marco Odermatt am Ende der vergangen Saison den Gesamtweltcup gewonnen.Bild: keystone
Interview

Marco Odermatt: «Ich kann mir gut vorstellen, dass meine Riesenslalom-Karriere dann endet»

Der 28-Jährige blickt erstaunlich offen auf seinen schwindenden Erfolgshunger, den Erwartungsdruck und die Frage, wie lange ihn der Skisport noch antreibt.
27.05.2026, 18:0027.05.2026, 19:09
Martin Probst
Martin Probst

Anfang Mai legten Sie nach kurzen Ferien bereits wieder los mit der Vorbereitung auf die neue Saison. Hätten Sie sich gerne eine längere Auszeit gegönnt?
Marco Odermatt: Ich glaube, kaum ein Mensch hat etwas gegen etwas längere Ferien. Aber ich bin das gewohnt. Es ist jedes Jahr ähnlich: Irgendwann ist die Saison fertig, man hat ein paar Wochen frei, und dann geht es wieder los.

Beginnt in dieser Phase auch wieder das Reflektieren und Hinterfragen?
Nein, im Moment eigentlich gar nicht. Jetzt ist die Saison abgeschlossen, und man startet wieder von vorn. Da ist noch nicht so viel los im Kopf. Das kommt, wenn überhaupt, eher kurz vor dem Saisonstart, wenn es wieder konkret wird.

So pingelig ist Marco Odermatt beim Waschen

Video: watson/emauella kälin

Befürchten Sie, dass das Gefühl der fehlenden Motivation nochmals hochkommt?
Ich weiss jetzt gar nicht, wovon Sie reden.

Sie räumten letztes Jahr ein, Zweifel gehabt zu haben.
Das war aber nicht im Sommer, sondern kurz vor dem Saisonauftakt in Sölden.

«Es wird sicher nicht das letzte Mal gewesen sein, dass sich meine Lust auf Rennen in Grenzen hält.»

Okay: Beim Weltcupfinal sagten Sie aber, erstmals keine Lust aufs Skifahren gehabt zu haben. Hat Sie das länger beschäftigt?
Nein. Es war, wie es war. Die fehlende Lust hat sich auch im Resultat niedergeschlagen. Das kann es mal geben. Und es wird sicher nicht das letzte Mal gewesen sein, dass sich meine Lust auf Rennen in Grenzen hält.

Waren Sie am Ende der Saison trotzdem froh, dass sie vorbei war?
Logisch. Aber das ist jedes Jahr so. Wir bündeln unsere Energie bis zum Final – und wenn das durch ist, fällt die Spannung ab. Das war dieses Jahr nicht anders als in anderen Jahren, auch wenn der Januar sehr intensiv war mit vielen Rennen.

Fühlten Sie sich phasenweise wie im Hamsterrad?
Nein, eigentlich nicht. Klar, es geht immer weiter, aber das ist Teil des Sports. So fühlt es sich für mich nicht an.

Ihre sehr guten Kumpels aus dem Riesenslalom-Team wie Thomas Tumler, Gino Caviezel und Justin Murisier sind alle etwas älter als Sie. Was spielt das für eine Rolle für Ihren Horizont?
Es ist mir natürlich bewusst, dass wir nicht mehr ewig in dieser Konstellation zusammen sein werden. Deshalb kann ich mir gut vorstellen, dass meine Riesenslalom-Karriere plus/minus endet, wenn meine Kollegen zurücktreten. Es ist wie bei allen Dingen im Leben: Wenn man sie mit guten Freunden und nicht «nur» mit Kollegen macht, hat man viel mehr Spass.

Können Sie sich ein Leben als Skirennfahrer ohne Ihre guten Kumpels vorstellen?
Die drei sind nicht meine einzigen wichtigen Bezugspersonen im Team. Ich habe mit Marco Kohler auch einen sehr guten Freund in der Speed-Equipe.

Second place finisher Switzerland's Marco Odermatt, top left, and first place finisher Justin Murisier celebrate with teammates and coach after a men's World Cup downhill skiing race, Friday ...
Marco Odermatt feiert gemeinsam mit Kumpel Justin Murisier.Bild: keystone

Gibt es in Ihrem intensiven Leben auch einsame Momente?
Nein. Dafür läuft zu viel und ist der Zusammenhalt im Team zu gut, um sich einsam zu fühlen.

Wo Sie hinkommen, stehen Sie im Fokus, ziehen die Aufmerksamkeit auf sich. Ist das die Schattenseite, die Sie hinnehmen müssen?
Ja. Ich kann mich darüber aufregen, aber das ändert nichts. Mittlerweile habe ich gelernt, damit umzugehen. Es ist «part of the game».

Wie gehen die Menschen aus Ihrem nächsten Umfeld mit Ihrer Popularität um?
Die sind da hineingewachsen, genau wie ich. Es ist ja nicht von heute auf morgen gekommen. Über die Jahre ist es immer mehr geworden, und so hat man sich daran gewöhnt.

Finden Sie noch Rückzugsorte in der Schweiz?
Bei mir zu Hause. Und bis zu einem gewissen Grad in der Natur und auf dem See.

Ist Ihnen bewusst, dass diese Aufmerksamkeit auch nach der Karriere, wohl bis zu Ihrem Tod bleiben wird?
Stimmt. Das habe ich mir noch nie so genau überlegt, wird aber wohl so sein und ist nicht nur positiv für mich.

Wäre Auswandern eine Option, um dem zu entgehen?
Nein, dafür bin ich zu gerne zu Hause und bei meinem Umfeld.

Sie mögen das Wasser, haben ein Boot auf dem Vierwaldstättersee. Gehen Sie im Urlaub auch mal tauchen?
War ich schon. Ich mag ziemlich alle Aktivitäten im und auf dem Wasser. Aber ich betreibe nichts davon sehr intensiv.

Was waren die schönsten Momente seit dem Saisonfinale?
Viele. Es war schön, mal wieder die Wohnung zu geniessen. Auch war ich Pulverschneefahren und auf einer Skitour. Und wir hatten coole Season-End-Partys und schöne Ferien.

Können Sie in der ruhigen Phase auch mal ohne Sport sein?
Auch in den Ferien hat der Tag 24 Stunden und da kann man schon noch was machen. Ich habe im April eigentlich sehr viel Sport gemacht. Sportarten, für die ich sonst keine Zeit finde wie Wandern, Wassersport oder eben mal eine Skitour.

Können Sie einen Tag am Strand liegen und gar nichts machen?
Es ginge schon, aber ganz ohne Beschäftigung wird mir schnell langweilig. Ein bisschen etwas machen gehört meistens dazu.

Sie gelten als überaus ehrgeizig. Gibt es irgendeinen Sport, den Sie ohne jeden Erfolgsgedanken ausüben?
Das Mindset, alles, was man macht, möglichst gut hinzukriegen, ist in mir drin. Ich kann nicht auf den Golfplatz und mir ist völlig egal, ob mein Schlag gut ist oder nicht.

Und es muss auch beim Golf der Sieg sein?
Nein, dafür bin ich zu schlecht. Es geht mir einzig darum, möglichst gut zu spielen, ein gutes Gefühl zu haben.

«Wenn du das erste Mal gewinnst, ist das Gefühl viel intensiver.»

Wenn wir bei den guten Gefühlen sind: Sie betonen immer wieder, wie wichtig es sei, die Erfolge auszukosten. Haben Sie diesem Thema in der letzten Saison genug Raum gegeben?
Das kommt oft zu kurz. Eigentlich wäre der richtige Moment am Abend nach einem Erfolgserlebnis. Aber meist ist unser Programm so eng getaktet, dass dafür keine Zeit bleibt. Selbst nach dem Weltcupfinal stehst du gleich wieder auf Ski, um zu testen, und danach warten zu Hause 100 Verpflichtungen. Danach kommen die Ferien, aber da willst du für einmal nicht ans Skifahren denken. Und nach den Ferien geht’s gleich wieder los mit der Saisonvorbereitung.

Sie sagten, Sie hätten nie so wenig gefeiert wie in der vergangenen Saison.
Das ist so. Wenn du das erste Mal gewinnst, ist das Gefühl viel intensiver, allein, weil es einmalig sein könnte. Wenn du zum fünften Mal in Adelboden gewinnst, ist es halt nicht mehr das gleiche wie beim ersten Mal. Ich bin nun fünf Jahre älter. Ausserdem sind da nur noch wenige Ziele. Zum Beispiel die Abfahrt von Kitzbühel, die nur zwei Wochen später stattfindet, weshalb sie unmittelbar nach Adelboden in den Fokus rückt.

Wünschen Sie sich manchmal diese Unbeschwertheit von vor fünf Jahren zurück?
Ja, sicher. Diesen Wunsch verspürt wahrscheinlich jeder mal in seinem Leben. Zurück zu den Anfängen, als alles neu und aufregend war. Irgendwann werde ich wohl zum Schluss kommen, dass meine ersten zwei erfolgreichen Saisons die coolsten gewesen sind.

«Mein Erfolgshunger wird in den nächsten Jahren eher noch kleiner.»

Wie schaffen Sie es, dass Sie auch nach dem fünften Sieg in Adelboden scheinbar nichts von Ihrem Erfolgshunger einbüssen?
Das weiss ich auch nicht so genau. Vor dem Saisonauftakt habe ich diesen Hunger nicht wie üblich gespürt. Aber er kam doch noch rechtzeitig, flachte dann gegen Saisonende wieder ab. Das wird in der kommenden Saison wieder so sein. Mein Erfolgshunger wird in den nächsten zwei, drei, vier, fünf, sechs Jahren – weiss der Gugger, wie lange ich noch fahren werde – eher noch kleiner. Vor drei Jahren war er vielleicht bei 30 Rennen, letzte Saison bei 25 und in der kommenden vielleicht bei 20. Logischerweise ist der Hunger bei den prestigeträchtigen Rennen grösser als bei einem Super-G in Kvitfjell. Aber das stört mich nicht. Ich muss nicht bis 40 jedes Rennen gewinnen.

Spielen Lücken im Palmarès eine Rolle? Hilft Ihnen der fehlende Sieg in der Abfahrt von Kitzbühel beim Antrieb?
Der fehlende Sieg auf der Streif hilft sicher, damit der Hunger noch da ist. Unerreichte Ziele sind nicht der einzige, aber ein wichtiger Motivationsfaktor.

«Es war sicher eine der grössten Enttäuschungen in meiner Karriere.»

Waren die Minuten, nachdem Ihnen Giovanni Franzoni den Sieg in Kitzbühel um 7 Hundertstel weggeschnappt hat, die schwierigsten im letzten Winter?
Was heisst schwierig? Du wirst Zweiter auf der schwierigsten Abfahrt. Es ist niemand gestorben, ich habe mich nicht verletzt und es ist nichts Schlimmes passiert. Alles ist relativ. Aber es war sicher eine der grössten Enttäuschungen in meiner Karriere.

Können Sie Enttäuschungen besonders gut abhaken?
Ich weiss nicht, ob ich darin speziell gut bin. Ich hatte bisher einfach selten lange Phasen ohne Erfolg. Oft kommt schnell wieder etwas Positives.

Je weniger Lücken, desto grösser der Druck, diese wenigen Lücken zu füllen: Stimmt diese Gleichung?
Letzte Saison war ich vor Kitzbühel nicht nervöser als sonst. Die Situation, fast alles schon gewonnen zu haben, hat ausser mir kein anderer Athlet im Weltcup. Wir sprechen hier also von einem absoluten Luxusproblem. Wenn ich kommenden Winter in Kitzbühel wieder nicht gewinne aber in Wengen zum fünften und in Adelboden zum sechsten Mal triumphiere, geht die Welt nicht unter.

Haben Sie manchmal Bedauern mit Ihren Gegnern?
Also wenn dir die Gegner leidtun, hast du im Spitzensport nichts verloren.

Haben Sie Verständnis, wenn Leute finden, dass Ihre Ausbeute an den Olympischen Spielen mit zweimal Silber, einmal Bronze aber ohne Gold nicht ganz den Ansprüchen entspricht? Oder nervt Sie das?
Beides. Mein Ziel war es, Gold zu gewinnen. Logisch, dass dies alle von mir erwarten und die Leute nicht komplett aus dem Häuschen sind, wenn es nicht klappt. Aber nach drei Medaillen von schlechten Olympischen Spielen zu reden, kann ich weniger verstehen.

Der Fluch des Siegers?
Ja.

«Wenn ich nicht gewinne, bin ich nicht restlos glücklich.»

Jene Menschen, die Ihnen wichtig sind, können es richtig einordnen, was wohl hauptsächlich zählt.
Schon, aber nach jedem Olympia-Rennen war bei mir und den Leuten in meinem Umfeld ein Prozent Enttäuschung dabei, weil es mit Gold nicht geklappt hat. Emotional geht es uns allen ähnlich. Wenn ich nicht gewinne, bin ich nicht restlos glücklich. So ist die Situation.

Marco Odermatt of Switzerland celebrates with his girlfriend Stella Parpan during the medals ceremony of the men's Downhill race at the 2025 FIS Alpine World Ski Championships, in Saalbach-Hinter ...
Mit Freundin Stella kann sich Marco Odermatt dereinst eine Familie vorstellen.Bild: keystone

Sie fahren mittlerweile gegen einige Väter. Können Sie sich vorstellen, mit der eigenen Familie Teil des Weltcup-Zirkus’ zu sein?
So, wie ich diesen Sport betreiben will und betreiben muss, um auf dem gewünschten Niveau zu sein, kommt das nicht infrage.

Beat Feuz hat das zum Ende seiner Karriere gemacht. Käme es für Sie infrage, wenn Sie nur noch die Speed-Disziplinen bestreiten würden?
Würde ich nur noch Speedrennen bestreiten und in anderen Bereichen das Engagement reduzieren, wäre es denkbar.

Gibt es einen Zeitplan, wann Sie den Riesenslalom aus dem Programm kippen?
Kommende Saison will ich noch einmal die Riesenslalom-Kugel gewinnen. Es ist gut möglich, dass nächstes Jahr das letzte ist, in dem ich dieses Ziel verfolge. Das heisst nicht, dass ich danach gar keine Riesenslaloms mehr fahren werde. Aber vielleicht halt nur noch fünf von zehn Rennen. Doch so gewinnt man keine Kugel.

Aber das achte Mal in Adelboden.
Die Chance, dass ich dort noch ein paar Mal antreten werde, ist sehr gross.

«Papi Marco Odermatt werden Sie nicht als Gesamtweltcupsieger erleben.»

Sprich: Papi Marco Odermatt werden wir nicht als Skirennfahrer erleben?
Nein, das kann ich so nicht unterschreiben. Aber den Papi Marco Odermatt werden Sie nicht als Gesamtweltcupsieger erleben.

Ist der Wunsch nach einer eigenen Familie schon aktuell?
Ich will mal Kinder, aber es eilt überhaupt nicht. Ich bin 28, meine Freundin ist ein paar Jahre jünger. Dieses Ziel ist bei uns noch weit weg.

Zum Schluss: Ist es immer noch so, dass Sie als Erstes Ihre Wäsche waschen, wenn Sie während der Saison mal nach Hause kommen?
Natürlich, wer soll es denn sonst tun?

Es gibt Wäschereien.
Nein, da müsste ich Wäsche bringen und wieder abholen.

Wie sieht es aus mit Kochen?
Ich esse lieber. Beim Kochen spielt der Faktor Zeit eine Rolle. Wenn ich diese mal finde, koche ich sehr gerne etwas Leckeres. Oft muss es aber schnell gehen, weil der nächste Termin ansteht.

«Ich musste zu Hause nie selber waschen.»

Wann haben Sie erstmals gewaschen?
Erst, als ich von zu Hause ausgezogen bin. Ich musste zu Hause nie selber waschen.

Wer hat Ihnen das beigebracht?
Ich bitte Sie, heutzutage sind die Maschinen kinderleicht zu bedienen.

Haben Sie nie einen Pullover auf A5-Format reduziert?
Doch, doch. Aber halb so schlimm.

Bevor Sie mit Ihrer Freundin zusammengezogen sind, wohnten Sie in einer WG. Gab es dort einen Ämtli-Plan?
Nein. Aber ich bin sehr ordentlich und habe es gerne sauber und aufgeräumt. Nicht pingelig. Aber ich habe definitiv mehr gemacht als mein WG-Kollege. (car/aargauerzeitung.ch)

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Marco Odermatt feiert seine Olympiamedaillen
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2 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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MeinSenf
27.05.2026 20:01registriert April 2016
Je länger ich dieses Interview las, desto mehr hat mich diese Fragerei genervt. Ständig auf der Suche nach dem Haar in der Suppe... Das kann man auch besser machen.
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Die Lauchin
27.05.2026 19:58registriert Oktober 2015
Meine Güte, ist der reflektiert. Der scheut sich nicht, mal nicht den Sunnyboy rauszuhängen und ehrlich zu sagen, was er denkt und fühlt. Sehr cool!
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«Ich bin relativ ordentlich und pingelig» – so wäscht Marco Odermatt
Egal ob Abfahrt, Riesenslalom oder Super-G – Siege werden im Skiweltcup oft mit Champagnerduschen gefeiert. Solche hat Marco Odermatt oft abbekommen. Es sei ratsam, sich so gut wie möglich aus der Schusslinie zu bringen, verrät der 28-Jährige im Interview: Sonst könne es sein, dass sich der Geruch des Edelgetränks im Renndress festsetzt.
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