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Die Tumulte nehmen ihren Lauf: Huggel kommt seinen Mitspielern zur Hilfe. 
Bild: KEYSTONE
Interview

Benjamin Huggel 10 Jahre nach dem Barrage-Skandal gegen die Türkei: «Es war nicht richtig, mit Gewalt zu antworten»

Heute vor zehn Jahren qualifizierte sich die Schweiz in der Türkei für die WM 2006 in Deutschland. Das dramatische Barrage-Rückspiel lieferte an sich schon genug Gesprächsstoff. Doch was nach dem Schlusspfiff geschah, überschattete alles. Benjamin Huggel war bei den Tumulten mittendrin. Zehn Jahre später erinnert er sich.
16.11.2015, 10:13
Marco Löffel-Diaz
Marco Löffel-Diaz
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Benjamin Huggel, zehn Jahre ist es her. Ist die WM-Barrage gegen die Türkei für Sie auch schon so weit weg?
Benjamin Huggel: Nein, wahrscheinlich ist es noch weiter weg als zehn Jahre. Es ist sehr lange her und ich werde jetzt von Ihnen daran erinnert.

Die hässlichen Szenen unmittelbar nach dem Schlusspfiff.

Sie wussten es gar nicht?
Doch, doch, das habe ich schon gewusst. Ich mache an diesem «speziellen» Tag heute aber nichts Aussergewöhnliches. Ich würde auch nicht speziell viel darüber sprechen, wenn ich nicht von Seiten der Medien darauf angesprochen worden wäre.

Heute arbeitet Benjamin Huggel<a href="http://www.benihuggel.ch/" target="_blank">&nbsp;als Personal Trainer</a>&nbsp;und ist als Fussball-Experte beim SRF tätig. Er bestritt 41 Länderspiele, wurde mit dem FC Basel 7x Meister und 5x Cupsieger.<br data-editable="remove">
Heute arbeitet Benjamin Huggel als Personal Trainer und ist als Fussball-Experte beim SRF tätig. Er bestritt 41 Länderspiele, wurde mit dem FC Basel 7x Meister und 5x Cupsieger.
Bild: KEYSTONE

So schlimm?
Aus sportlicher Hinsicht war es toll, dass wir uns für die Weltmeisterschaft in Deutschland qualifizieren konnten. Über alles andere, was an diesem Abend geschah, bin ich nicht stolz. Das war ja nicht gerade ein Akt zum Jubeln.

Welche Erinnerung flammt zuerst auf, wenn sie auf dieses Spiel angesprochen werden: Der sportliche Triumph oder die Tumulte?
Die Tumulte. Sie haben nicht nur den sportlichen Erfolg komplett überschattet. Sie haben uns auch den Moment geraubt, uns über das Erreichte zu freuen.

Gebechert wird erst im Hotel. Marco Streller erzielte das wichtige zweite Tor der Schweizer.<br data-editable="remove">
Gebechert wird erst im Hotel. Marco Streller erzielte das wichtige zweite Tor der Schweizer.
Bild: KEYSTONE

Ist das Spiel auch in ihrem Alltag noch Thema?
Kommt drauf an. Mit Bekannten von mir ist das Thema abgeschlossen. Auf der Strasse werde ich aber immer wieder mal von Unbekannten darauf angesprochen. Die Erinnerungen an dieses Spiel sind in der Schweiz sehr ausgeprägt.

Können Sie dieses zeitlose Interesse nachvollziehen?
Ja. Das kann ich verstehen.

Ist es selbstverständlich?
Nein, selbstverständlich nicht. Aber es war ein spezielles Spiel mit speziellen Rahmenbedingungen. Dazu kam, dass auch das Spiel selber spannend war bis zur letzten Sekunde. Es ging Spitz auf Kopf zu und her. Dass wir uns dann auch noch qualifizierten, macht es für die Schweiz zu einem Highlight.

Am Flughafen in Istanbul wurde die Nati nicht gerade rühmlich empfangen.
Nein. Noch bevor wir aus dem Flugzeug aussteigen konnten, schrie ein Flughafenangestellter irgendetwas ins Flugzeug, während er die Tür öffnete. Das war schon mal sehr ungewöhnlich. Allerdings nahmen wir das zu diesem Zeitpunkt noch belustigt zur Kenntnis.

Auf dem Weg ins Hotel wurde der Mannschaftsbus mit Eiern und Steinen beschossen. Hatten Sie Angst?
Ja klar, das beeinflusst schon. Es ist klar, dass so etwas nicht lustig ist. Aber es ist passiert, man muss es jetzt nicht mehr aufkochen lassen.

Spruchband der türkischen Anhänger im Stadion: «Willkommen in der Hölle!»<br data-editable="remove">
Spruchband der türkischen Anhänger im Stadion: «Willkommen in der Hölle!»
Bild: KEYSTONE

Wie war die Stimmung in der Kabine kurz vor dem Anpfiff?
Wir wussten, dass wir gleich in einen Hexenkessel einlaufen würden. Darauf waren wir vorbereitet. Die Mannschaft war sehr fokussiert, alle waren konzentriert.

War es abgemacht, dass die ganze Mannschaft nach dem Schlusspfiff in die Katakomben flüchtet?
Nein, das hat sich während dem Spiel ergeben. Nach dem Schlusspfiff habe ich mich kurz gefreut. Als ich mich umdrehte, sah ich alle Mitspieler in eine Richtung spurten. In diesem Moment wurde mir klar: Jetzt ist etwas passiert, also muss ich auch rennen.

Wer hat die Tumulte Ihrer Meinung nach ausgelöst?
Es ist vorbei. Es bringt nichts, jetzt noch böses Blut zu erzeugen.

Sie sprechen nicht gerne über die Geschehnisse nach dem Schlusspfiff.
Nein, nicht wirklich. Ich habe mich damals alles andere als vorbildlich verhalten. Daran kann ich jetzt nichts mehr ändern, es gehört zu meiner Geschichte. Die Strafe für mein Verhalten habe ich abgesessen. Das war schlimm genug. Danach habe ich das Thema abgehakt.

Für die Aggressionen erhielten Sie von der Fifa eine Sperre von sechs Partien. Die WM war weg. War die Strafe verhältnismässig?
Das ist unerheblich. Ich wurde bestraft für etwas, das man mit Hilfe von Videoaufnahmen beweisen konnte. Die FIFA erachtete sechs Spiele als angemessen. Das war wohl gerecht.

Beni Huggel hört sich an, was der damalige Generalsekretär Peter Gillieron nach einer FIFA-Anhörung zu sagen hat. Auch dabei ist Physiotherapeut Stephan Meyer (hinten links).<br data-editable="remove">
Beni Huggel hört sich an, was der damalige Generalsekretär Peter Gillieron nach einer FIFA-Anhörung zu sagen hat. Auch dabei ist Physiotherapeut Stephan Meyer (hinten links).
Bild: KEYSTONE

In der Heimat wurden Sie zuweilen auch als Held gefeiert, der seinen Kameraden zur Hilfe eilte. War es nicht auch irgendwie richtig, einzugreifen?
Ich weiss es nicht. Generell denke ich aber, dass es nicht die richtige Reaktion war von mir, mit Gewalt zu antworten. Ausserdem war es für mich nicht gut, weil ich dadurch die WM verpasst habe. Eine kluge Entscheidung war es bestimmt nicht.

Hätte die Schweiz ihren Beitrag leisten können, um das Geschehene nach dem Schlusspfiff zu verhindern?
Davon bin ich heute überzeugt.

Wie denn?
Indem wir uns ganz ruhig im Mittelkreis versammelt und gemeinsam das Spielfeld langsam verlassen hätten. Ich denke, die Tumulte wären nicht zu Stande gekommen.

Schon das Hinspiel in Bern war hitzig. Wurde die Basis für die Tumulte in der Schweiz gelegt?
Gegen solche Vorwürfe wehre ich mich vehement. Es darf nicht sein, dass Geschichten konstruiert werden nur weil das Hinspiel sportlich hitzig verlief. Das ist noch lange keine Legitimation für das, was in Istanbul geschah. Schliesslich sind Playoff-Spiele immer hitzig.

Das Spiel war spannend bis zur letzten Sekunde. Hier pariert der türkische Keeper Volkan einen Schuss der Schweizer.<br data-editable="remove">
Das Spiel war spannend bis zur letzten Sekunde. Hier pariert der türkische Keeper Volkan einen Schuss der Schweizer.
Bild: KEYSTONE

Für die Zuschauer am TV war das Spiel an Dramatik kaum zu toppen. Gab es einen Moment, in dem Sie an der Quali zweifelten?
Nein, wieso auch, wir waren ja während des ganzen Spiels immer qualifiziert. Wir glaubten stets, dass wir es schaffen. Nur der Schiedsrichter war nicht auf der Höhe.

War ja auch nicht einfach für ihn bei diesen Bedingungen.
Nein, schon klar. Aber im Nachhinein hörte man immer, wie gut der Schiri war. Aus meiner Sicht war er das überhaupt nicht. Er hätte eine viel strengere Linie fahren müssen. So hätte er auch einen aktiven Beitrag dazu leisten können, dass die Stimmung im Stadion nicht dermassen aufflammt.

Hatten Sie eine Ahnung, dass es nach dem Abpfiff zu Handgreiflichkeiten kommen könnte?
Ich wusste, dass Deutschlands U21-Nati ein paar Jahre zuvor Ähnliches widerfahren war. Deshalb war es schon irgendwie im Hinterkopf. Doch wirklich daran geglaubt habe ich nicht.

Die Schweizer Flucht in den Tunnel: Augenblicke später begeht Huggel seine Taten, für die er sich heute schämt.<br data-editable="remove">
Die Schweizer Flucht in den Tunnel: Augenblicke später begeht Huggel seine Taten, für die er sich heute schämt.
Bild: AP

Ist dieses Spiel in der Türkei die schlimmste Erfahrung, die Sie als Fussballer gemacht haben?
Ja. Obwohl uns dieses Ereignis als Mannschaft auch zusammengeschweisst hat, wünsche ich so etwas niemandem. Es war schlimm und man sollte es im Nachhinein auch nicht verklären und sich darüber lustig machen. Es darf nicht sein, dass man bei einem Fussballspiel um Leib und Leben Angst haben muss.

Sprechen Sie mit den damaligen Nati-Kollegen noch über dieses Spiel?
Nur, wenn wieder etwas in diese Richtung vorgefallen ist. Wenn zum Beispiel in einem Spiel harmlose Gegenstände aus dem Publikum geflogen kamen. Dann sagen wir uns immer: Das ist alles Kindergeburtstag gegenüber dem, was wir in Istanbul erlebt haben.

Die Rekordspieler der Schweizer Nati

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Die Rekordspieler der Schweizer Nati
quelle: imago / pressefoto baumann / imago / pressefoto baumann
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