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Dominique Aegerter zeigt stolz Weltmeister-Medaille und -Helm.
Dominique Aegerter zeigt stolz Weltmeister-Medaille und -Helm.bild: kza
Interview

Weltmeister Aegerter: «Viele ahnen gar nicht, wie viel Arbeit hinter allem steckt»

Dominique Aegerter ist Weltmeister. Ein Gespräch über sein bisher erfolgreichstes Jahr, aber auch darüber, wie er die Krisen in seiner bewegten Karriere überwunden hat, über mehr als 80 Corona-Tests und warum er nicht daran denkt, eine Familie zu gründen.
14.12.2021, 08:44

Wie ist das neue Leben als Weltmeister?
Immer noch gleiche wie vorher, leider.

Leider?
Leider muss ich immer noch Steuern bezahlen und weiterhin hart arbeiten. Spass beiseite: Mein Leben war schon vorher gut. Es ist cool, wenn man sich Weltmeister nennen darf. Die Bedeutung dieses Titels ist für mich gross, weil ich mein ganzes Leben lang daran gearbeitet habe, der Beste zu sein. Das haben wir erreicht. Es ist auch eine Anerkennung für alle, die mir geholfen haben: für meine Familie, Sponsoren, Helfer, Freunde und Fans.

Aber geändert hat sich nichts?
Nein. Aber der Titelgewinn hat es mir für einmal ermöglicht, diese Saison zwei Rennen locker zu fahren. Weil ich schon vor den letzten zwei Rennen als Weltmeister feststand, konnte ich mal zwei Rennen ohne Druck fahren. Aber an meiner Situation hat sich durch den Gewinn der Weltmeisterschaft nichts geändert. Das Ziel war für nächste Saison der Aufstieg in die Superbike-Klasse oder eine Rückkehr in die Moto2-WM. Aber das ist auch als Weltmeister nicht möglich geworden.

Das Weltmeister-Video von Dominique AegerterVideo: YouTube/Dominique Aegerter

Gab es keine Chance?
Keine Chance. Wir waren überall im Gespräch. Aber wir wollen nicht mehr Geld zahlen, um fahren zu können.

Lohnt sich der WM-Titel trotzdem finanziell?
Sicher. Wir sind zwar ein Risiko eingegangen und mussten diese Saison einige Kosten – etwa für die Europareisen – übernehmen. Durch die Prämien für Siege, Podestplätze, schnellste Runden, Trainingsbestzeiten und den Titelgewinn kommen wir nun trotzdem auf schwarze Zahlen.

Leben Sie so gut wie in den besten Jahren als Moto2-Star zwischen 2011 und 2015?
Nein, trotzdem nicht. Aber letztlich ist das nebensächlich. Ich lebe sowieso sehr bescheiden, ich wohne daheim, meine Kleider sind gesponsort, das Essen und die Wäsche macht meine Mutter, ich fahre ein altes Occasion-Auto und wenn ich in Spanien trainiere oder für die Rennen unterwegs bin, brauche ich auch nicht viel Geld.

Dominique Aegerter ist während des Interviews voll in seinem Element.
Dominique Aegerter ist während des Interviews voll in seinem Element.bild: kza

Nun sind Sie Weltmeister. Was ist die nächste Herausforderung?
Nochmals Weltmeister werden. Und wenn möglich übernächste Saison die Superbike-WM fahren und von dort aus vielleicht noch einmal ein MotoGP-Rennen bestreiten.

Sie standen jahrelang im Schatten von Tom Lüthi. Nun ist er zurückgetreten ...
... ja, das fühlt sich für mich noch ein wenig komisch an. Ich bin bloss vier Jahre jünger als er und im Zusammenhang mit seinem Rücktritt ist die Rede davon, er sei eben zu alt.

Lüthi und Aegerter lieferten sich auf der Strecke heisse Duelle.
Lüthi und Aegerter lieferten sich auf der Strecke heisse Duelle.Bild: EPA/EFE

Ist das Alter ein Problem für Sie?
Wir werden alle mal älter. Aber ich bin mit 31 im besten Alter. Ich fühle mich körperlich immer noch wie mit 20. Im Kopf habe ich zwar mehr Erfahrung und trotzdem bin ich jung geblieben.

Aber ist es so, dass ein Rennfahrer langsamer wird, weil er mit zunehmendem Alter weniger riskiert? Geben Sie weniger Gas als mit 20?
Im Ausgang vielleicht, sonst aber gebe ich Gas wie mit 20. Es heisst oft, man müsse ans Limit gehen, bis man stürzt und ab einem gewissen Alter wage man es nicht mehr, so viel zu riskieren. Das sehe ich nicht so. Ich spüre, wann das Limit erreicht ist, ohne einen Sturz zu riskieren. Ich bin diese Saison ein einziges Mal wegen eines Fahrfehlers gestürzt, als ich in Assen mit dem Vorderrad auf die weisse Begrenzungslinie geriet. Trotzdem war ich in der Supersport-WM 16-mal auf dem Podest, gewann zehn Rennen, wurde Weltmeister und habe alle Wertungen für mich entschieden: am meisten schnelle Runden und am meisten Trainingsbestzeiten.

Wie war eigentlich Ihr Verhältnis zu Tom Lüthi?
Ich hatte ihn nie so richtig kennengelernt, bevor wir 2015 gemeinsam im gleichen Team die Moto2-WM gefahren sind. Wir haben dann herausgefunden, dass wir eigentlich sehr ähnlich ticken. Auch im Ausgang. Auf der Strecke waren wir Gegner, neben der Rennstrecke haben wir uns gegenseitig geholfen. Mein Vorteil damals: wenn wir beide nicht so gut waren, hat man ihn kritisiert und nicht mich.

Sie tickten im Ausgang beide ähnlich?
Ja, warum fragen Sie?

Na ja, Tom hatte eine feste Freundin, Sie hingegen pflegten schon ein wenig den Lebensstil eines Rock’n’Rollers.
So? Sie wissen ja gar nicht, was er noch so getrieben hat.

Ohne ihn wäre Ihre Karriere nicht möglich geworden.
Ja, das kann man schon so sagen. Als Tom Lüthi 2002 die ersten Grand Prix fuhr, kam ich in die Deutsche Meisterschaft. Spätestens als er 2006 Weltmeister und Sportler des Jahres wurde, kannte ihn jeder und dank ihm hat der Töffsport eine grosse Medienpräsenz bekommen. Das hat auch mir beim Einstieg in die 125er-WM sehr geholfen.

Sie sind 31. Denken Sie daran, eine Familie zu gründen?
Sie haben eine Frage vergessen.

So?
Sonst haben Sie zuerst gefragt, ob ich eine Freundin habe.

Ach so. Haben Sie eine?
Nein.

Also erübrigt sich die Frage nach einer baldigen Familiengründung.
Es passt, wie es ist. Ich habe gar keine Zeit, um die Verantwortung für eine eigene Familie zu übernehmen. Ich bin einfach zu viel unterwegs. Es würde höchstens für ein Haustier reichen.

Ist der Gewinn des WM-Titels mit dem GP-Sieg 2014 auf dem Sachsenring vergleichbar?
Dieser Sieg auf dem Sachsenring war schon sehr, sehr speziell. Aber es war eben nur ein Moment. Der Sieg eines Tages. Der Gewinn der Weltmeisterschaft ist die Summe vieler Momente und am Ende der Saison der Beste zu sein ist schwieriger und hat eine grössere Bedeutung.

Zwischen dem Sieg auf dem Sachsenring und dem WM-Titel sind sieben Jahre vergangen. Sie hatten in dieser Zeit schwierige Momente. Haben Sie daran gedacht, aufzugeben?
Ich habe die Leidenschaft für den Sport nie verloren. Aber wenn du merkst, dass du keine Chance mehr bekommst und sogar Geld bringen musst, um zu fahren, dann macht es keinen Spass mehr. Durch Sturzverletzungen, den Unfall meines Vaters, Schwierigkeiten mit den Teams und dem Abgang meines damaligen Managers Robert Siegrist hatte ich schwierige Zeiten. Da habe ich schon mal gedacht: Warum lasse ich das alles nicht einfach hinter mir und fahre nur noch zum Spass mit dem Crosstöff ein wenig herum.

Aber Sie haben nie aufgegeben. Warum?
Weil ich spürte, dass ich bei guten Voraussetzungen nach wie vor dazu in der Lage bin, ganz vorne mitzufahren. Ich brannte darauf, das noch einmal zu beweisen.

Seit drei Jahren kümmert sich Ihr Bruder Kevin um das Management. Wir können also sagen: Ein Familien-Unternehmen hat den WM-Titel möglich gemacht.
Wir waren schon immer ein Familienteam. Anders wäre meine Karriere gar nicht möglich geworden.

Wird die Bedeutung eines Managers überschätzt?
Nein. Von 2011 an ist es immer besser gelaufen und wir wollten immer mehr. Als es dann ab 2016 nicht mehr so gut lief, hatte ich Glück, dass sich Robert Siegrist um mich kümmerte. Alleine hätten wir es damals nicht geschafft.

Aufgestellt: Dominique Aegerter hat meist ein Lächeln im Gesicht.
Aufgestellt: Dominique Aegerter hat meist ein Lächeln im Gesicht.bild: kza

Aber jetzt finden Sie sich auch ohne Manager zurecht.
Einfach ist es nicht. Viele ahnen gar nicht, wie viel Arbeit hinter allem steckt. Flüge buchen, Mietauto und Hotel reservieren, Medientermine koordinieren, Verhandlungen mit den Sponsoren, dem Team und den Ausrüstern, die richtige Beschriftung des Kombis, der Stiefel und des Helmes, die Organisation der Fanartikel, die Kommunikation mit allen unseren Partnern, die Inhalte für die sozialen Medien, die Organisation von Anlässen. Und nie passt alles, es gibt immer jemand, der nicht ganz zufrieden ist und wir versuchen alles, damit alle glücklich sind. Eine Karriere im Motorsport zu organisieren ist wohl sehr viel aufwändiger als in anderen Sportarten.

Das machen Sie alles zusammen mit Ihrer Mutter, Ihrem Vater und Ihrem Bruder Kevin?
Ja. Es kostet einfach zu viel, diese Arbeiten irgendwohin auszulagern und dafür zu bezahlen. Manchmal arbeiten wir eine Woche an einem Projekt und dann geht es doch nicht. Es gibt auch bei uns Meinungsverschiedenheiten und manchmal nehmen wir uns zu wenig Zeit, um uns die gegenseitige Wertschätzung und Liebe zu zeigen.

Wie ist es möglich, dass Sie nun ohne Manager auskommen?
Letztlich basiert alles auf persönlichen Beziehungen und wir profitieren von den Beziehungen, die wir über all die Jahre geknüpft haben. Kevin macht das sehr gut und immer besser. Aber ich habe manchmal das Gefühl, dass er es nicht so gerne und nur mir zuliebe macht.

Wie kommen Sie darauf?
Es ist schwierig, sich in der Welt des internationalen Motorsports durchzusetzen. Da kann man wirklich das Wort «knallhart» verwenden und man wird oft hingehalten oder ganz einfach angelogen. Da ist manchmal ein Vorgehen gefragt, das eigentlich nicht den Werten entspricht, die wir durch unsere Erziehung leben. Wir hätten nicht gedacht, dass es so schwierig ist.

Es ist einfach eine Portion Oberaargauer Bauernschläue gefragt.
Ja, so können wir es sagen.

Und es gibt wohl immer Leute, die alles besser wissen ...
... so ist es und das macht es nicht einfacher. Ich hatte zwischen 2016 und 2018 viele schlaflose Nächte und ich habe mit vielen Leuten telefoniert und um Rat gefragt. Rennfahrer, Sponsoren, Journalisten.

Wie haben Sie Ihre Gedanken geordnet?
Ich bin oft allein unterwegs. Beispielsweise auf dem Bike oder beim Joggen und das hilft, um sich Gedanken zu machen und klaren Kopf zu bekommen.

Würden Sie etwas anders machen, wenn Sie nochmals von vorne beginnen könnten?
Ja, klar. Das würden ja die meisten von uns, wenn wir die Erfahrungen von heute schon am Anfang gehabt hätten. Alles in allem bin ich jedoch zufrieden. Bis 2016 und in den letzten zwei Jahren haben wir vieles richtig gemacht. Dazwischen liegen zwei verlorene Saisons mit dem Kiefer-Team und MV Agusta.

Aegerter erklärt und erklärt ...
Aegerter erklärt und erklärt ...Bild: keystone

Hätten Sie damals überhaupt Alternativen gehabt?
Nein eigentlich nicht. Am 15. Januar 2018 kam damals das Kiefer-Team und sagte: Wir haben kein Geld. Wir können die Saison 2018 nicht fahren. Ich hatte mit einem Siegertöff in einem Siegerteam in der Moto2-WM gerechnet und musste nun in einem Team fahren, das wir mit unserem eigenen Geld finanzierten und die Mittel waren so knapp, dass wir mit einer Vorjahresmaschine antreten und während der Saison oft bei Konkurrenz um Ersatzteile betteln mussten. Auf diesem Niveau entscheiden Zehntelsekunden und diese Zehntelsekunden sind nur mit technischer Perfektion zu holen. So hatte ich gar keine Chance.

Sie fahren nächste Saison wieder die Supersport-WM. Hat sich an der Ausgangslage im Vergleich zur letzten Saison etwas verändert?
Oh ja, ziemlich viel. Es sind neu viel mehr Modelle zugelassen. Ich fahre weiterhin mit der Vierzylinder-600er-Yamaha. Nun kommen neu die 800er MV Agusta mit drei Zylindern, die 765er Triumph mit drei Zylindern und die 990er Ducati mit zwei Zylindern dazu. Wie konkurrenzfähig meine Yamaha noch sein wird, werden wir erst in den ersten Rennen sehen.

Das ist die Supersport-WM
Die höchste Stufe im Motorradrennsport ist der GP-Zirkus mit den drei Klassen MotoGP, Moto2 und Moto3. Die zweithöchste Stufe ist die Superbike-Szene. Hier werden Maschinen eingesetzt, die auch käuflich sein müssen und auf der Strasse eingesetzt werden können (allerdings nur in kleinen Serien). Diese Szene besteht aus der Superbike-WM, der Supersport-WM und der Supersport 300-WM. Dominique Aegerter wird auch nächste Saison im gleichen Team wieder die Supersport-WM und den MotoE-Weltcup fahren. Er ist nach Randy Krummenacher (Weltmeister 2019) erst der zweite Schweizer, der die Supersport-WM gewonnen hat.

Wie lange fahren Sie noch?
Das hängt im Rennsport von sehr vielen Faktoren ab. Aber so drei oder vier Jahre möchte ich noch fahren.

Sie mussten viel reisen. Wie viele Corona-Tests mussten Sie schon machen?
Ich bin vollständig geimpft und trotzdem musste ich im Laufe eines Jahres 85 Tests machen. Und dabei bekomme ich jedes Mal Panik, wenn in meiner Nase Proben genommen werden. Ich hatte schon alle möglichen Ausreden, aber sie helfen nicht. Beim letzten Rennen der Saison in Indonesien waren es fünf Tests in zehn Tagen.

Die Tests zahlen Sie aus eigener Tasche?
Ja, die meisten. Durchschnittlich kostet so ein Test etwa 100 Franken.

Dann haben Sie einen durchschnittlichen Monatslohn nur für Tests ausgegeben?
So ungefähr.

Und alle waren negativ?
Ja, das ist eigentlich fast ein Wunder, wenn ich daran denke, wie viele verschiedene Leute ich treffe. Beispielsweise im Fitnesszentrum oder auf Reisen. Zeitweise hatte ich einen Temperaturmesser dabei, der mir anzeigt, ob eine Person in meiner Nähe Fieber hat. Im Falle eines positiven Testes wäre es nicht möglich gewesen, ein Rennen zu fahren und das hätte mich die Saison und den WM-Titel kosten können. Da wird man beim Warten auf das Testresultat schon nervös.

(Aus dem Magazin WURZEL)

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Alle Schweizer Töff-GP-Sieger

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