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Sepp Blatter kämpft für die Aufhebung seiner Suspendierung.&nbsp;<br data-editable="remove">
Sepp Blatter kämpft für die Aufhebung seiner Suspendierung. 
Bild: AP/Keystone
Interview

Blatter äussert sich zu den FIFA-Reformen: «Man muss wissen, wer in der Führung sitzt»

Sepp Blatter kämpft auch als suspendierter Präsident für die FIFA. Nach überstandenen gesundheitlichen Problemen schaut er nach vorne und will dafür sorgen, dass der Kongress die Reformen gutheisst.
05.12.2015, 00:0005.12.2015, 09:43

Nach der Suspendierung durch die FIFA-Ethikkommission ging es FIFA-Präsident Joseph Blatter nicht gut. «Meine Gesundheit wurde erschüttert», sagte der 79-jährige Walliser. Nun scheinen die zehn Tage Anfang November in einer Klinik weit weg. «Am Montag habe ich den letzten medizinischen Check. Dann ist alles wieder gut. Ich bin energiegeladen und nach vorne schauend», sagte Blatter, als er die Sportinformation Si am Freitag zum Gespräch im noblen Quartier Hottingen am Zürichberg empfing.

Blatters Gesundheit wurde erschüttert.&nbsp;<br data-editable="remove">
Blatters Gesundheit wurde erschüttert. 
Bild: Christophe Ena/AP/KEYSTONE

Nach vorne schaut Joseph Blatter auch als suspendierter Präsident der FIFA. Er will beim Kongress am 26. Februar 2016 in Zürich zu einem letzten grossen Auftritt vor seiner Fussball-Familie kommen. Deshalb kämpft er gegen die Aufhebung der Sperre. «Es ist mein Wunsch, beim Kongress in einer Führungsposition dabei zu sein.» Auch wenn Blatter sein Amt derzeit nicht ausüben darf, bleibt er im Mittelpunkt der Welt des Fussballs. Das Exekutivkomitee hat am Donnerstag den Weg frei gemacht für die nötigen Reformen in der FIFA-Führung. Reformen, welche Blatter vor über vier Jahren aufgegleist hatte.

Damit diese Reformen auch tatsächlich Eingang in die FIFA-Statuten finden, bedarf es beim Kongress einer Dreiviertelmehrheit. Blatter setzt sich dafür ein, dass die über 200 Mitglieder des Kongresses den Reformen zustimmen. Das nötige Netzwerk hat er, auch wenn er nicht mehr im «Oval Office» des Home of FIFA regiert. «Ich bin in der Fussball-Gemeinschaft immer noch sehr respektiert. Ich bin ein suspendierter Präsident, aber kein isolierter Präsident.»

Blatter hat bei der FIFA immer noch ein gutes Netzwerk.<br data-editable="remove">
Blatter hat bei der FIFA immer noch ein gutes Netzwerk.
Bild: ARND WIEGMANN/REUTERS

Und deshalb erzählt Blatter gerne auch gleich noch diese Anekdote: «Ich war am Donnerstag in der Stadt. Mein Fahrer hat sich verfahren und so stehe ich am Talacker wie bestellt und nicht abgeholt. Da kamen die Leute auf mich zu und sagten: ‹Hey, Sie sind ja der Herr Blatter! Darf ich ein Foto machen mit Ihnen?›» Das geschah am Donnerstag dieser Woche, dem Tag der Reformen bei der FIFA. Der Tag, an dem Blatter bei der FIFA-Sitzung nicht dabei war, aber irgendwie doch mittendrin.

Herr Blatter, der Donnerstag dieser Woche könnte ein wegweisender Tag für die FIFA gewesen sein. Die Exekutive hat grünes Licht zu Reformen gegeben. Die Medien schreiben von einem guten Tag für die FIFA und sogar von einem Neuanfang. Sind Sie auch zufrieden?

Joseph S. Blatter: Es ist super, dass die Reformen im Exekutivkomitee so einfach durchgekommen sind. Ich bin überzeugt, dass man gemerkt hat, dass man etwas tun muss. Deshalb habe ich im Sommer auch mein Amt zur Verfügung gestellt. Die wichtigste Reform betrifft den Integritätscheck. Diesem muss der Kongress unbedingt zustimmen. Man muss wissen, wer in der Führung sitzt.

«Das erniedrigt mich nicht, aber es enttäuscht mich.»
Blatter über die Aussage, dass seit seiner Suspendierung der Weg frei sei für Reformen
Blatter hat sein Amt als Präsident im Sommer zur Verfügung gestellt.&nbsp;<br data-editable="remove">
Blatter hat sein Amt als Präsident im Sommer zur Verfügung gestellt. 
Bild: KEYSTONE

Es heisst: Sie sind suspendierter Präsident, und jetzt ist der Weg frei für Reformen.

Das erniedrigt mich nicht, aber es enttäuscht mich. Jetzt wird es ernst. Deshalb hat die Exekutive alle Reformvorschläge angenommen. Es wurde spät etwas geändert, aber es ist noch nicht zu spät. Den Autor der Reformen sollte man allerdings schon erwähnen. Es war der gewählte FIFA-Präsident, der diesen Prozess am Kongress 2011 eingeleitet hat.

Es stört Sie, dass man Ihren Namen mit viel Schlechtem und wenig Gutem bei der FIFA assoziiert?

«Ich konnte die rasante Entwicklung auch nicht vorhersehen, die der Fussball in den letzten Jahren genommen hat.»
Sepp Blatter auf die Frage, ob er rückblickend etwas anders gemacht hätte

Im Fussball spielt man auf den Mann, auf denjenigen, der den Ball hat. Ich hatte lange den Ball, deshalb gab es auch viel Opposition. Es waren dann aber die Ereignisse vom 27. Mai dieses Jahres, durch die alles wirklich nur noch negativ dargestellt wurde.

Die Kritik von aussen an Ihnen, an der FIFA, an korrupten Funktionären setzte aber schon früher ein. Um bei der Metapher mit dem Ball zu bleiben: Gab es einen Zeitpunkt, an dem Sie im Rückblick mit dem Ball etwas anderes hätten tun sollen?

Bin ich ein Prophet? Ich konnte die rasante Entwicklung auch nicht vorhersehen, die der Fussball in den letzten Jahren genommen hat. Natürlich überrollte sie einen einfachen Verein wie die FIFA, die strukturiert war wie der Fischerverein von Zollikon. Deshalb versuchte ich die Rechtsform anlässlich des ausserordentlichen Kongresses von 2004 in Katar zu ändern. Aber man sagte: nein, nein, nein! Wir bleiben ein Verein.

Vor einer Woche räumten Sie am Schweizer Fernsehen einen Fehler ein. Sie sagten, Sie hätten 2014 nach der WM in Brasilien abtreten sollen. Sind Sie zu lange FIFA-Präsident geblieben?

2011 sagte ich auf dem UEFA-Kongress, es werde meine letzte Amtszeit sein. Doch dann hat sich die Situation geändert. Fünf der sechs Konföderationen teilten mir mit, ich müsse bleiben, deshalb änderte ich meine Meinung und verfolgte meine Philosophie: Who never takes a risk will never have a chance. But who takes a risk takes a chance to lose. Ich habe riskiert, und ich habe verloren.

Was genau haben Sie verloren?

Verloren habe ich den Glauben und das Vertrauen in einige Leute. Ich war zu leichtgläubig und zu vertrauensvoll.

Blatter hat das Vertrauen zu einigen Leuten verloren.<br data-editable="remove">
Blatter hat das Vertrauen zu einigen Leuten verloren.
Bild: EPA/KEYSTONE FILE
«Ich war zu leichtgläubig und zu vertrauensvoll.»
Blatter habe das Vertrauen in einige Leute verloren

Belastet Sie mehr der Verlust dieser weichen Faktoren oder die Tatsache, dass Sie das Amt als FIFA-Präsident nicht mehr ausüben dürfen?

Es tut weh, dass ich Hausverbot habe im Home of FIFA und keinen Zutritt zu meinem Büro. Wenn das nicht so wäre, hätte ich nicht geliebt, was ich während 40 Jahren gemacht habe. Aber es geht in dieser Sache nicht nur um mich. Man hat im gleichen Atemzug die FIFA geköpft. Präsident (er selbst – Red.) weg, Generalsekretär (Jérôme Valcke) weg, UEFA-Präsident (Michel Platini) weg, der zugleich FIFA-Vizepräsident war. Es gab eine Untersuchung, aber keiner der drei Beschuldigten konnte vor der Recht sprechenden Kammer aussagen. Das war gegen die Prinzipien der Menschenrechte.

FIFA-Reglemente wurden nicht verletzt.

Die Ethikkommission kann den Präsidenten sanktionieren. Das muss ich hinnehmen. Es ist auch vorgesehen im Reglement, dass man ein Urteil fällen kann, ohne den Angeklagten zu befragen. Aber ich war doch im Haus. Man hätte mir alles persönlich eröffnen und mit mir reden können.

Sie sind von Ihrer Unschuld überzeugt?

Ich habe nichts Falsches gemacht, das kann ich nur wiederholen. Es gab einen mündlichen Vertrag, den habe ich erfüllt (es geht um die 2-Mio.-Zahlung an Michel Platini). Mein Vater war einfacher Arbeiter bei der Lonza in Visp. Er hat mir zwei Prinzipien mit auf den Weg gegeben, wenn es um Geld geht: Nimm nur an, was du verdienst, und bezahle deine Schulden, denn wir sind ehrliche Leute. Diese Prinzipien ziehe ich durch. Ich habe nie Geld genommen, das mir nicht zustand, aber jetzt macht man mir den Vorwurf, ich hätte Geld gegeben.

Dürfen Sie Ihre Sichtweise nun doch noch darlegen?

Ich bekomme übernächste Woche die Gelegenheit, mich zu äussern. Dann muss die Ethikkommission beweisen, dass ich mich unethisch verhalten habe. Und was nicht wahr ist, kann man nicht beweisen.

Geht es Ihnen um Ihren Ruf oder auch um die Zukunft der FIFA?

Was die FIFA betrifft: Man kann sie nicht kaputt machen. In der Bibel sagt Petrus: «Du bist der Fels und auf dem Fels baue ich meine Kirche.» Aber die FIFA ist nicht nur auf dem Fels gebaut, sondern sogar sechs Stockwerke in den Boden hinein. Die FIFA ist tief verankert. Die FIFA läuft weiter, die Entwicklungsprogramme laufen weiter. Was mich betrifft: Ich bin ein suspendierter Präsident, aber nicht ein isolierter Präsident. Deshalb werde ich schauen, dass die Sperre aufgehoben wird. Denn es wäre mein Wunsch, beim ausserordentlichen Kongress am 26. Februar, den ich selbst aufgestellt habe, dabei zu sein. Und zwar in einer Führungsposition.

Blatter möchte beim Kongress im Februar in einer Führungsposition dabei sein.&nbsp;<br data-editable="remove">
Blatter möchte beim Kongress im Februar in einer Führungsposition dabei sein. 
Bild: KEYSTONE

Suspendiert, aber nicht isoliert. Sepp Blatter bleibt trotz Sperre bestens vernetzt.

Die Reaktionen nach meiner Suspendierung kamen von überall her, aus allen Schichten, nicht nur vom Fussball. Aus allen Regionen und von den überraschendsten Seiten. 90 Prozent der Telefone, E-Mails oder Solidaritätsschreiben sind positiv. Von der Fussball-Gemeinschaft werde ich immer noch sehr respektiert.

Und Sie wollen dieser Gemeinschaft auch nach dem nächsten FIFA-Kongress angehören, wenn Sie auf alle Fälle nicht mehr Präsident sind?

Vielleicht kommt der neue Präsident dann zum abtretenden und gibt mir eine soziale Aufgabe im Fussball. Aber es gibt im Leben auch noch andere Werte: Gesundheit und Liebe. Und meine Liebe zum Fussball, die bleibt bestehen. (si/ndö)

Tschau Sepp – Blatters Karriere in Bildern

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