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Stefan Strebel kümmert sich um die Entwicklung des Schwingsports.
Stefan Strebel kümmert sich um die Entwicklung des Schwingsports.Bild: keystone
Interview

«Ein dunkelhäutiger Schwingerkönig? Unbedingt!»

Braucht das Schwingen den Videobeweis und ist der Traditionssport bereit für einen dunkelhäutigen König? Stefan Strebel, als Technischer Leiter im Eidgenössischen Verband der höchste Schwinger im Land, gibt Antworten und er sagt, warum er neu einen Assistenten will.
04.05.2022, 18:55
Martin Probst, fabio baranzini / CH Media

Der höchste Schwinger der Schweiz ist auch Fussballfan. Den Videobeweis würde Stefan Strebel darum gerne im Schwingen einführen. Eine Champions League aber nicht. Der Aargauer ist seit zwei Jahren Technischer Leiter im Eidgenössischen Schwingerverband und sagt, was er denkt. Auch wenn er damit aneckt.

Ist es Ihnen derzeit langweilig? Schliesslich deutet vieles darauf hin, dass wir nach zwei turbulenten Jahren mit Corona eine normale Kranzfestsaison erleben.
Stefan Strebel:
Die vergangenen zwei Jahre waren sehr interessant und herausfordernd. Jetzt scheint zum ersten Mal, seit ich im Amt bin, so etwas wie Normalität einzukehren.

Sie lieben Herausforderungen. Darum noch einmal: Ist Ihnen nicht langweilig?
Ich glaube nicht. Es gibt ja weiterhin Dinge, die ich mit meinem Team umsetzen will.

Vor einem Jahr haben Sie den Tabubruch gewagt und dafür gesorgt, dass die Spitzenschwinger während der Pandemie früher trainieren durften als der Rest. Jetzt, wo das Motto, dass im Schwingen alle gleich sind, aufgeweicht wurde, könnte man ja auch eine Art Champions League mit den Besten einführen.
Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Der Schwingsport soll bleiben, wie er ist. Die Öffnung war nur stufenweise möglich. Dafür habe ich mich eingesetzt, auch wenn es viel Kritik gab. Aber ich muss auch sagen: Ich hatte immer die nötige Rückendeckung.

Der Ostschweizer Samuel Giger und der Innerschweizer Joel Wicki treffen sich im Verlauf einer Saison nur selten.
Der Ostschweizer Samuel Giger und der Innerschweizer Joel Wicki treffen sich im Verlauf einer Saison nur selten.Bild: keystone

Aber eine Champions League der Schwinger könnte man gut vermarkten.
Wir haben im Schwingen keinen Cupfinal oder Ähnliches. Der sechste Gang ist ein normaler Gang. Das soll so ­bleiben. Wir haben Bergfeste, Teilverbandsfeste und Eidgenössische Anlässe. Wir sind gut aufgestellt. Natürlich gibt es Leute, die immer alles verändern möchten. Aber wir müssen an unserem Angebot festhalten, weil es gut ist.

Im Fussball werden die TV-Rechte für viel Geld verkauft. Der Eidgenössische Schwingerverband schloss mit der SRG einen langfristigen Vertrag ab. Hätte der Verband nicht besser verhandeln müssen, um mehr herauszuholen?
Nein! Ich bin absolut für den Weg, den wir gewählt haben. Es ist nicht einfach, an ein Ticket für ein Schwingfest zu kommen. Darum soll die ganze Schweiz die Möglichkeit haben, unseren Sport im frei zugänglichen Fernsehen zu ­sehen. Mein Sohn spielt Fussball und will möglichst alle Spiele sehen. Dafür brauche ich heute drei Abos und zahle pro Monat über 100 Franken. Das kann es für das Schwingen nicht sein. Wenn wir schon kein Stadion für 200'000 Menschen bauen können, weil bald alle an ein Eidgenössisches wollen, müssen wir den Zugang doch zumindest anders ermöglichen.

Sie sagen es selbst: Es ist nicht einfach, an Tickets zu kommen. Die Sponsoren bekommen grosse Kontingente. Sind noch die richtigen Leute an den Festen?
Diese Diskussionen gibt es immer ­wieder. Dabei ist das ganz genau geregelt. Ein gewisses Kontingent geht an die Schwingerfamilie, an die Schwinger selbst, an die Helfer und an die Klubs. Aber es ist richtig, dass die Sponsoren, die teils viel Geld bezahlen, auch ein Recht auf Tickets haben. Man kann über die Verteilung diskutieren. Aber für mich stimmt der Schlüssel. Auch dank der erwähnten Präsenz im Fernsehen.

Rund 50'000 Fans kommen ans Eidgenössische – und es würden gerne noch mehr dabei sein.
Rund 50'000 Fans kommen ans Eidgenössische – und es würden gerne noch mehr dabei sein.Bild: KEYSTONE

Sie haben eingangs von Dingen gesprochen, die sie umsetzen wollen. Was treibt Sie derzeit um? Welche Visionen und Ideen sind bald von Ihnen zu erwarten?
Wir möchten im Schwingerverband einen neuen Job schaffen, eine Stelle als Assistent für den Technischen Leiter. Es soll ein bezahlter Job sein. Ich amte ja selbst ehrenamtlich.

Wieso braucht es diese Stelle?
Weil die Aufgaben immer mehr werden. Nehmen wir die Spitzensportförderung der Armee in Magglingen, von der viele Schwinger profitieren. Wenn ich da als Technischer Leiter eng dabei sein will, müsste ich im Jahr fünf Monate freinehmen. Und das ist für niemanden, der normal in der Privatwirtschaft tätig ist, möglich. Hinzu kommt der Nachwuchsbereich, der immer mehr Ressourcen bindet, Stichwort Jugend und Sport. Wollen wir gut aufgestellt sein für die Zukunft, braucht es den Job des Assistenten.

Woran könnte es scheitern? Am Geld?
Es geht hier nicht um Geld. Es geht um eine Professionalisierung.

Ein Wort, das nicht von allen gern gehört wird.
Moment: Ich spreche ja nicht von Profis unter den Schwingern, die gar nicht mehr arbeiten. Das soll es nicht geben. Aber es gibt gewisse Ämter im Eid­genössischen Schwingerverband, die nicht mehr ausreichend ausgeführt werden können, wenn man gleichzeitig noch in der Privatwirtschaft tätig ist. Vor 20 Jahren gab es ja auch noch keine Geschäftsstelle und heute wäre das Schwingen ohne sie überhaupt nicht mehr möglich.

Trotzdem sind das Entwicklungen, die nicht allen gefallen. Auch die WKs in Magglingen sind nicht unumstritten, weil es einigen Schwingern ermöglicht, zeitweise als Profis zu leben. Das entspricht nicht dem Motto alle sind gleich.
Das stimmt. Aber wir nehmen die ­Athleten ganz klar in die Pflicht. Jeder Schwinger, der im Militärprogramm ist, hat einen Dreijahresvertrag unterschrieben. Darin sind Leistungskriterien definiert: Zum Beispiel der Sieg an einem Kantonalen und der Gewinn eines eidgenössischen Kranzes. Und es gibt Pflichten: Die Schwinger müssen gratis Kurse für Jungschwinger leiten. Und sie müssen die nötigen Jugend-und-Sport-Kurse besuchen.

Und wer die Kriterien in den drei Jahren nicht erfüllt, fliegt raus?
Ja.

Schwinger Remo Käser (Zweiter von rechts) übt beim Einrücken in die Spitzensport-RS das korrekte Grüssen.
Schwinger Remo Käser (Zweiter von rechts) übt beim Einrücken in die Spitzensport-RS das korrekte Grüssen.Bild: keystone

Ein anderes Thema, das Ihnen am Herzen liegt, ist die Einteilung. Diese steht immer wieder in der Kritik. Es heisst, dass gewisse Schwinger bevorzugt werden und beispielsweise einfachere Gegner erhalten als jene die kritisch sind.
Die Einteilung ist für mich etwas vom Fairsten, das es gibt. Weil sie demo­kratisch passiert. Es kommen drei, fünf oder sechs Leute zusammen, die ihre Interessen vertreten. Von ihrem Klub, oder von ihrem Teilverband – je nach Grösse des Festes. Die Duelle werden diskutiert und wenn man sich nicht ­einig wird, gibt es eine Abstimmung.

Der Vorwurf, dass gemauschelt wird, bleibt.
Nehmen wir ein Beispiel: Wenn der Vertreter der Innerschweizer am Eidge­nössischen für seine Schwinger immer die einfachen Gegner will, gibt es fünf andere in der Einteilung, die etwas dagegen haben sollten. Er wird also nicht so leicht durchkommen damit.

Muss man dem Publikum vor jedem Gang die Gedanken der Einteilung erklären?
Das ginge zu weit. Man muss darauf vertrauen können, dass die Leute, die in der Einteilung sind, zwar ihre eigenen Interessen vertreten, aber nie einer ­allein entscheidet.

Könnte nicht ein Computerprogramm die Einteilung fair machen?
Wenn mir jemand ein solches Programm zeigt, dann können wir darüber sprechen. Bisher ist mir keines bekannt.

Wer greift mit wem zusammen? Darüber wird – streng geheim – im Einteilungsbüro entschieden.
Wer greift mit wem zusammen? Darüber wird – streng geheim – im Einteilungsbüro entschieden.Bild: keystone

Kampfrichterentscheide sorgen ebenfalls immer wieder für Diskussionen. Diese Aufgabe ist ein Eherennamt. Bräuchte es nicht Profis in diesem Bereich?
Grundsätzlich bin ich mit den Kampfrichtern zufrieden. Aber wenn einer an einem Eidgenössischen vor 50'000 Zuschauern Entscheidungen fällen muss, sollten wir ihm helfen. Ich spreche davon, dass die Kampfrichter besser geschult werden müssen.

Was schwebt Ihnen vor?
Ich würde gerne einen Profischiedsrichter aus dem Fussball einladen: Er soll erzählen, wie er sich auf ein Spitzenspiel vorbereitet. Er soll zeigen, wie eng er mit seinen Assistenten zusammenarbeitet. Im Schwingen haben wir den Kampfrichter auf dem Platz und zwei weitere am Tisch. Teambuilding ist also ebenfalls wichtig. Künftig wollen wir für Kampfrichter einmal im Jahr ein Ausbildungswochenende in Magglingen durchführen.

Die grossen Schwingfeste werden alle gefilmt Der Videobeweis liesse sich ziemlich einfach einführen.
Ich bin dafür. Doch momentan erhalte ich dafür überhaupt kein Gehör. Das muss ich akzeptieren. Ich würde gerne auf die Kamerabilder an den grossen Festen zurückgreifen. Ich finde es nicht fair, dass ein Zuschauer zu Hause die Wiederholung bereits nach wenigen Sekunden sieht und der Kampfrichter nicht. Wir hätten ja die Möglichkeit, schliesslich gibt es eine Kampfrichterkommission, welche die Bilder in einem Container sofort auswerten könnte. Aber nochmals: Ich akzeptiere, dass es kein Thema ist.

Im August findet das nächste Eidgenössische statt. Die letzten vier Könige sind alles Berner. Ist das gut für das Schwingen oder müsste die Region wechseln?
Es gab immer wieder Phasen. Nehmen wir Jörg Abderhalden. Damals wurde immer ein Nordostschweizer König. Es ist doch so: Der Schwinger, der über zwei Tag der Beste ist, soll gewinnen. Egal, woher er kommt. Mich nerven die Diskussionen, dass es schon klar sei, wer gewinne, wenn ein Schwinger zuvor die Saison dominiert. Ich sage: Nein! Ein Eidgenössisches hat eigene Gesetze. Über zwei Tage ist so viel möglich, das ist der Reiz.

Mit Sinisha Lüscher hat ein dunkelhäutiger Schwinger im vergangenen Jahr den Eidgenössischen Nachwuchs-Schwingertag gewonnen. Er hat erzählt, dass er während seiner Karriere auch schon Rassismus erleben musste. Jetzt schwingt er bei den Aktiven: Ist das Schwingen bereit für einen dunkelhäutigen König?
Unbedingt!

Dann ist der Ruf des Schwingens verstaubter als die Realität?
Ich glaube, Ihr Journalisten wollt daraus vor allem ein Thema machen. Ihr sucht und sucht, bis ihr jemanden findet, der sich daran stört. Ich bin begeistert von Sinisha, von der Art, wie er schwingt. Er sucht immer die Entscheidung. Und das hat nichts damit zu tun, wer er ist.

Mit Curdin Orlik hat sich ein Schwinger als erster männlicher Schweizer Spitzensportler als schwul geoutet. Das stützt ihre These der Offenheit.
Damals gab es auch Leute, die daraus ein Politikum machen wollten, die behaupteten, er werde künftig von der Einteilung dafür bestraft. Ich habe schon damals gesagt, dass dies ein absoluter «Seich» sei. Ich freue mich sehr für Curdin, dass er diesen Schritt gemacht hat.

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Alle Schwingerkönige seit 1961

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quelle: keystone / alexandra wey
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16 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Lars mit Mars
04.05.2022 20:59registriert März 2020
Ich bin kein Schwingfan, aber ich mag die Einstellung der (meisten) Schwinger: es isch wie‘s isch. Kein grosses Lamentieren, kein Blabla. Entscheidungen werden akzeptiert, Sägemehl abwischen und weiter geht‘s. Polemik gibt‘s meist nur von Aussenstehenden.
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Drachenherz
04.05.2022 23:03registriert Juni 2019
Hier hat die Hautfarbe so wenig Bedeutung wie die Haarfarbe. Einfach sein lassen.
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Holzklotz
04.05.2022 21:18registriert Januar 2018
Spannendes Interview. Mir gefällt, dass er als Technischer Leiter seine Meinung zu kontroversen Themen haben und sagen darf. Das geht leider nicht in jedem Sport er and.
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