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Zürich's Goalie Lukas Flüeler.
Zürich's Goalie Lukas Flüeler.Bild: keystone
Interview

«…also ging ich in die Kabine und schlug mit dem Stock auf den Tisch»

Lukas Flüeler (33) stand immer etwas im Schatten von Leonardo Genoni, Jonas Hiller, Reto Berra oder Martin Gerber. Aber auch ohne NHL-Vergangenheit und WM-Finalruhm gehört er zu den ganz Grossen unserer Hockey-Geschichte. Nach dieser Saison beendet er seine Karriere. Zeit für ein Gespräch nicht nur über Zürich und den ZSC, grosse Trainer und das Leben nach dem Eishockey.
05.01.2022, 17:04

Der 23. September 2008. Sagt Ihnen dieses Datum etwas?
Lukas Flüeler:
Mein erstes NLA-Spiel in Rapperswil?

Genau. Wer schoss gegen Sie in der NLA das erste Tor?
Stacy Roest.

Falsch, Loïc Burkhalter!
Aber Roest schoss viele Tore mit Rappi gegen uns. (lacht)

13 Jahre ist das her. Jetzt, da das Ende näher kommt: Denken Sie häufiger an alte Episoden zurück? Oder eher an den baldigen Rücktritt?
Ich habe knapp einen Monat vor der Kommunikation meines Rücktritts sehr häufig daran gedacht und auch an meine Zukunft danach. Im Moment versuche ich nicht mehr darüber nachzudenken. Es ist erst gut die Hälfte der Saison gespielt, ich bin nicht auf einer Abschiedstour. Du hoffst auf ein schönes Ende. Das wäre cool. So wie zum Beispiel bei Mathias Seger, als wir 2018 mit ihm gemeinsam auf dem Eis zum Abschied den Titelgewinn feierten.

Lukas Flüeler
22. Oktober 1988
192 cm/100 kg.
Fanghand links.
Karriere: bis 2006 Junioren Kloten.
2006/07 Ottawa 67’s (OHL- auf höchstem kanadischen Junioren-Niveau).
Ab 2007 in der Organisation der ZSC Lions. Bisher 499 Spiele für die ZSC Lions und 37 für die GCK Lions.
Meister Elite-Junioren (Kloten 2006).
Meister 2008, 2012, 2014 und 2018 mit den ZSC Lions.
2012 in Bern und 2018 in Lugano Titelgewinn auswärts im 7. Finalspiel.
Gewinn der Champions League und des Victorias Cup 2009.
19 Länderspiele.
Cupsieg 2016.
U 18-WM 2006, U 20-WM 2007 und 2008.
WM 2012 als Nummer 3.

Gab es noch ernsthafte Gedanken, die Karriere an einem anderen Ort zu verlängern?
Nein, nie. Ich führte nicht ein einziges Gespräch. Ich habe auch seit drei Jahren keinen Agenten mehr. Darum rief mich auch keiner an und benachrichtigte mich, dass es irgendwo noch Möglichkeiten gäbe. Und wenn ich andere Sportchefs privat sah, sagte ich ihnen auch: Für mich gibt es nur noch den ZSC.

Auch Ihr Stammclub Kloten als letzte Station war keine Option? Den Kreis dort 16 Jahre später zu schliessen, womöglich nach der Rückkehr Klotens in die National League: Das wäre doch auch eine wunderbare Story gewesen.
Solche Gedanken gab es nicht. Ich hatte mein erstes NLA-Spiel ja mit Zürich, ich wurde dadurch schon zum ZSCler. Auch wenn ich ein Klotener Junior war. Das ist aber Vergangenheit, das habe ich nicht mehr derart präsent.

Jeder Club hat eine DNA. Wie ist jene beim ZSC? Was ist das Spezielle am Z?
Ich kann mich erinnern, als ich nach Zürich wechselte: Für mich war der ZSC damals gleichbedeutend mit Stadtleuten. Die crazy Leute. Zum Beispiel Bruno Vollmer. (lacht) Auch heute ist er noch der klassische, laute Zürcher. Oder Zesi Zehnder.

Also auch Hipster?
Nein, das ist das falsche Wort. Eher cool und frech. Und ich selbst bin ja überhaupt kein Stadtmensch. Andere, wie Roman Wick oder Severin Blindenbacher sind hingegen Paradebeispiele der urbanen Lebensweise. Auch wenn sie zuletzt immer weniger wurden, so hatten wir immer viele solche Spieler. Das war für mich der Ruf des ZSC.

Wie könnte die künftige DNA des ZSC aussehen?
Vielleicht so, wie sie der SC Bern in seinen besten Jahren hatte.

Also Eishockey eher als Arbeit denn als Spiel?
Ja, vielleicht setzt sich das eher durch.

Ein Funktionär sagte einst: Wenn der ZSC schlecht spielt, dann repräsentiert er eigentlich Zürich vorzüglich: Dann spielt er nämlich auch arrogant.
Das ist vielleicht eine Wahrnehmung von aussen. Aber auch Zürcher arbeiten hart und geben alles und wollen jedes Spiel gewinnen. Wir haben Spieler, die in den wichtigen Momenten wissen, wie man gewinnt. Was uns in den letzten paar Jahren häufig fehlte, war die Konstanz. Auch diese Saison haben wir diese Konstanz noch nicht. Das würden wir gerne hinbekommen. Das sollte in der neuen DNA des ZSC sein. Die Qualifikation ist genauso wichtig wie das Playoff, die Fans zahlen auf für die Spiele in der Qualifikation Geld.

In Davos oder auch in Bern werden Spieler im Alltag immer wieder mit ihrer Leistung konfrontiert. In Zürich ist man anonymer.
Definitiv, das lässt sich nicht vergleichen. Wir hörten von Bernern, die zu uns kamen, häufig solche Stories: Wenn du drei oder vier Mal verloren hast und ins Restaurant möchtest, parkierst du dein Auto mit dem SCB-Logo besser etwas weiter weg. Im Restaurant kriegst du es aber dann zu hören. Oder Andres Ambühl: Als wir mit ihm 2012 Meister wurden, lief er, wie es in Davos nach Titeln üblich ist, am nächsten Tag noch mit der Hockey-Ausrüstung herum. Er ging so ins Niederdorf und erzählte uns danach, wie die Leute in nur entsetzt anstarrten und sich gefragt, was für ein Spinner das sei. Das beschreibt Zürich auch.

Lukas Flüeler schaut während eines Meisterschaftsspiel am 17. Oktober 2020 der National League zwischen dem EHC Biel und den ZSC Lions zu.
Lukas Flüeler schaut während eines Meisterschaftsspiel am 17. Oktober 2020 der National League zwischen dem EHC Biel und den ZSC Lions zu.Bild: keystone

Ist das auch eine Erklärung für die fehlende Konstanz? Weil man im Ort selber weniger im Fokus steht?
Wenn das so wäre, dürfte es keine Ausrede sein. Walter Frey und die ganze Organisation machen sehr viel für die Mannschaft. Auch Sven (Sportchef Leuenberger - die Red.) sagt uns das immer wieder: Wie gut es uns in Zürich geht. Man hört ja auch, dass es uns vielleicht sogar zu gut geht in Zürich. Was wir aber nicht vergessen sollten: Es gab auch die guten Jahre mit konstant guten Leistungen. Aber zuletzt fehlte uns diese Konstanz definitiv.

Es gibt ein Paradebeispiel Ende November 2021: Innert weniger Tage die trotz einer Niederlage sehr gute, kämpferische Leitung in der Champions League in Rögle und dann kurz darauf ein schwacher Auftritt in Davos. Wie ist es möglich, innert so kurzer Zeit zwei derart verschiedene Gesichter zu zeigen?
Wir überlegten uns genau das auch im Team: Das ist doch eigentlich unmöglich. In Rögle und überhaupt in der Champions League hatten wir Spiele, in denen uns viele wichtige Spieler fehlten. Das gab einen mentalen Impuls. Jeder wusste: Jetzt muss ich noch mehr machen.

Geht Ihnen mediale Kritik nahe?
Es gibt schon Sachen, die dich beschäftigen, die du sogar am Abend ins Bett mitnimmst. Aber für mich war es meistens gar nicht so schlecht fürs nächste Spiel, wenn mich etwas nervte, oder wenn ich mich ungerecht behandelt fühlte. Dann hatte ich das innere Feuer. Ich reagierte häufig besser auf Kritik als auf Lob.

Wissen Sie eigentlich, wie viele Headcoaches Sie in der NLA beim ZSC in den letzten 13 Jahren hatten?
Nein. (lacht)

Wenn wir es richtig zusammengezählt haben, dann waren es elf. In 13 Jahren.
Wirklich? Elf? Das ist verrückt.

Ob Hans Wallson oder Bob Hartley: Es waren, gerade zuletzt, extrem unterschiedliche Typen dabei.
Ich habe, wie viele andere auch, sehr spezielle Erinnerungen an Bob Hartley. Weil er damals ein paar junge Spieler ins Team holte. Das war eindrücklich. Er sprach immer von der Früchteplatte: «Du als Spieler entscheidest, wie viel du nimmst. Ich gebe dir die Möglichkeit.» Und dann forderte er dich jeden Tag heraus: Spieler wie Schäppi, Baltisberger, Cunti sind Hartley-Produkte.

Bob Hartley war früher Goalie …
Ja, und er ist ein riesengrosser Fan von Patrick Roy. Ich hörte in Zürich jeden Tag eine Patrick Roy-Story von ihm. Einmal begannen wir im Hallenstadion ein Spiel sehr schlecht und lagen nach dem ersten Drittel 0:2 zurück. Er holte mich sogleich in sein Trainerbüro und erzählte mir von Roy: Der habe, wenn die Mannschaft so schlecht spielte, in der Pause in die Garderobe mit seinem Stock den Tisch kaputtgeschlagen. Also sagte mir Hartley: «Du gehst jetzt da rein und haust deinen Stock auf den Tisch!» Also ging ich in die Kabine und schlug mit dem Stock auf den Tisch.

Und alle Mitspieler lachten?
Ich bin ja ein sehr ruhiger Goalie und sage nicht viel in der Garderobe. Meine Mitspieler schauten mich nur an und dachten: Das passt überhaupt nicht zu mir. (lacht)

Und hat der ZSC das Spiel noch gewonnen?
Ich glaube nicht. Ausser eines kaputten Stocks brachte die Aktion nichts.

Normalerweise haben Goalies und Headcoaches nicht viel miteinander zu tun. War also Hartley jener ZSC-Trainer, zu dem Sie am ehesten eine Beziehung spürten?
Wahrscheinlich schon. Es war auch die Saison, in der ich so richtig aus dem Schatten von Ari Sulander kam. Wir gewannen den Final gegen Bern (mit einem Sieg im 7. Spiel in Bern – die Red.) Ich musste Hartley viel beweisen, er pushte mich aber auch. So ein Erfolg wie jener 2012 gibt dir als Goalie Vertrauen für die Zukunft. Und da habe ich Hartley viel zu verdanken.

Wie reagierte Sulander auf die Wachablösung im ZSC-Tor?
Er war immer sehr fair. Aber auch sehr ehrgeizig und er schenkte mir kein einziges Spiel. Selbst wenn wir bloss Spiele im Training machten, nur schon diese Drei-gegen-Drei oder quer übers Feld: Er wollte unbedingt gewinnen. Ich erinnere mich gut: Ich gewann zwei Jahre lang kaum mal so ein Trainingsspiel gegen ihn. Er wollte wirklich einfach jedes Spiel gewinnen.

Das ist bei Ihnen nicht so ausgeprägt?
Doch, das habe ich durch ihn gelernt. Ich bin heute nicht anders, will gegen Ludo [Torhüter Ludovic Waeber – Anm. der. Red.] im Training immer gewinnen.

Die Situation ist nun umgekehrt. Es ist der jüngere Ludovic Waeber, der häufiger spielt, Sie schauen öfters als Ersatzgoalie zu. Wie gehen Sie damit um?
Zunächst hast du einen Mentor, danach wirst du selbst einer. Letzte Saison ging ich mit dieser Situation überhaupt nicht gut um. Ich war völlig von der Rolle, als er mehr spielte. Ich dachte immer: Das kommt schon noch, wenn es wichtig ist, dann werde schon ich spielen. Doch dann kam der Cupfinal, dann kam das Playoff, und ich spielte nicht.

Woran lag es?
Mir fehlten am Ende die Siege. Ich war nie der Goalie mit der besten Technik. Aber die Siege gaben mir immer Recht. Ohne Siege geht es dann aber schnell in die andere Richtung. Darum ist es für mich wichtig, diese Saison mit Siegen das Vertrauen wieder zu gewinnen.

Wir sprachen über Ihre Beziehung zu Hartley. Ist es bei Rikard Grönborg anders?
Im schwedischen Modell liegt die Verantwortung beim Spieler, als Trainer musst du den Spieler nicht noch herausfordern. Nicht falsch verstehen: Rikard ist sehr strukturell und redet viel mit uns. Aber er ist ein Trainer, der die Kommunikation mit den Goalies dem Goaliecoach überlässt. Das ist für mich jedoch nichts Neues, das haben schon andere Trainer auch so gemacht.

Ist das nicht sogar der Normalfall? Viele Headcoaches geben zu, nicht viel von der Goaliematerie zu verstehen.
Es ist unterschiedlich. Marc Crawford [er war Stürmer – Anm. der. Red.] redete beispielsweise auch nicht viel mit den Goalies. Aber er holte dich schon mal ins Büro und stauchte dich zusammen. Das ist häufig so bei kanadischen Trainern: Als Goalie hörst du kaum etwas, wenn aber, dann ist es eher schlecht für dich.

Redet man in der Schweiz von den letzten grossen Goalies, meint man Leonardo Genoni, Reto Berra, Jonas Hiller oder Martin Gerber. Von Lukas Flüeler spricht man kaum, obwohl Sie auch mehrmals Meister geworden sind.
Das liegt wahrscheinlich daran, dass man bei den Goalies auch über ihre Erfolge mit der Nationalmannschaft spricht. Und dieser Schritt gelang mir nie. Es ist eindrücklich, welch konstant gute Leistungen beispielsweise Genoni und Berra auf internationalem Niveau während meiner Zeit zeigten.

Viele Spieler fielen früher nach der Karriere in ein Loch, weil sie sich zu wenig um die Zeit danach gekümmert hatten. Das droht Ihnen nicht.
Beruflich ist alles fix, ab Juni habe ich einen Job bei der Swiss Life, wo ich in der Unternehmensstrategie arbeiten werde. Und im April werde ich Vater, auch das wird also mein Leben weiter ausfüllen. 2022 wird für mich viel los sein. Aber ein Loch wird dennoch kommen. Ob nach einem Monat oder nach einem Jahr weiss ich nicht. Aber es wird kommen. Nach 15 Jahren kann ich das Eishockey schon mit einer Beziehung vergleichen. Das Ende meiner Karriere wird also so etwas wie eine Trennung sein.

Drei Spieler waren Ihre treusten Weggefährten und sie sassen mit ihnen in 15 von 20 Saison im Klub oder bei der Nationalmannschaft in der gleichen Garderobe. Können Sie die drei nennen?
Denis Hollenstein?

Nein.
Simon Bodenmann?

Ja. Und die anderen zwei?
Patrick Geering und Reto Schäppi?

Genau.
Das ist speziell. Das sind auch meine besten Kollegen. Bodenmann ist Winterthurer. Ich erinnere mich noch an ein Spiel bei den Novizen. Wir, die coolen Jungs von Kloten, reisten nach Winterthur und die hatten damals noch ein Aussenfeld. Wir verloren 7:4, Bodenmann schoss fünf Tore, danach holten sie ihn nach Kloten. Er erzählt mir heute noch: Weisst du Flüeli, damals, als ich fünf Tore gegen dich schoss?

All diese Sprüche werden Sie vermissen …
Es ist nicht der Moment zum Zurückschauen. Aber ja, egal mit wem man darüber redet, alle sagen dasselbe: Am meisten vermisst du nach der Karriere das Leben in der Garderobe. Du kannst Sprüche machen, die du anderswo nicht machen könntest.

Haben Sie als Hockeyprofi immer eine bestimmte Zeit für etwas anderes als Sport reserviert?
Ich studierte zunächst fast acht Jahre lang gemeinsam mit Simon Bodenmann und Leonardo Genoni Betriebswirtschaft. Seit einem Jahr arbeite ich 30 Prozent. Das geht gut: Am Mittwoch haben wir häufig frei im Hockey. Darum kam mir mein Job bei der Swiss Life nur sehr selten in die Quere. Dieser Ausgleich mit anderen Leuten und anderen Themen hat mir immer gut getan.

Sie verpassen den Umzug in den neuen Hockey-Tempel. Für ein ZSC-Urgestein eigentlich ein unmöglicher Moment, um aufzuhören.
Ja. Aber ich gehe mit dem Ende des Hallenstadions. Das kann man auch so sehen. Und da ich bei der SwissLife arbeiten werde, wird es weiterhin Berührungspunkte geben (die SwissLife ist Sponsorin und Namensgeberin der neuen Hockey-Arena der ZSC Lions – die Red). Darum freue ich mich, dass ich in meinem Job dem ZSC auch verbunden bleibe.

Aus dem Fachmagazin SLAPSHOT

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NLA-Trikotnummern, die nicht mehr vergeben werden

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quelle: keystone / fabrice coffrini
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