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Boxer Arnold Gjergjaj: «Ich habe mich immer wieder aufgerappelt»

Russia's Denis "Darth Wader" Bakhtov, right, fights against Switzerland's Arnold "The Cobra" Gjergjaj, left, during the heavyweight European Boxing Union (EBU) fight in t ...
Gjergjaj besiegte im Juni 2015 in Basel den Russen Denis Bakhtov.Bild: KEYSTONE

Boxer Arnold Gjergjaj: «Ich habe mich immer wieder aufgerappelt»

Dem Boxer Arnold Gjergjaj (37) hat Corona zugesetzt: Die Besuchszahlen und die Einnahmen in seinem Boxgym sind eingebrochen. Aber am Boden liegen zu bleiben, war für ihn keine Option. Im Nähkästchen spricht er über schmerzhafte Tiefschläge, sein neues Standbein und ein mögliches Comeback.
28.02.2022, 19:36
Andreas W. Schmid / ch media
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Arnold Gjergjaj, welchen Begriff haben Sie gezogen?
Arnold Gjergjaj: Stehaufmännchen. Das passt zu mir.

Weshalb?
Ich habe mich in meinem Leben allen Herausforderungen gestellt. Manchmal bin ich hingefallen, habe mich aber immer wieder aufgerappelt. Nehmen wir das Boxgym in Pratteln. Seit Corona ist die Situation schwierig. Es kommen weniger Besucher, die Einnahmen sind sehr schwach geworden. Ich hätte trauern und am Boden liegen bleiben können. So bin ich aber nicht. Ich stand wieder auf und griff an, indem ich hier am Kannenfeldplatz einen Spar-Express-Shop mitsamt Café und Tankstelle eröffnete.

Kosovo-Albanian born Swiss Heavyweight boxer Arnold "The Cobra" Gjergjaj, left, pictured with his coach and manager Angelo Gallina, right, in his box gym Arnold BoxFit in Pratteln near Basel ...
Arnold Gjergjaj hat sich ein zweites Standbein aufgebaut.Bild: KEYSTONE

Vom Boxer zum Tankwart und Ladenbesitzer.
Genau. Das beweist, dass ich ein Stehaufmännchen bin. Es ist der perfekte Zeitpunkt, auch für das Quartier hier. Wir haben schon einige Stammkunden. Letzte Woche spielten über ein Dutzend von ihnen miteinander Schach. Meine Frau ist ebenfalls total motiviert und hat grosse Freude an diesem Familienprojekt.

Was passiert mit dem Gym?
Das betreibe ich weiter. Aber mit dem Shop habe ich ein neues Standbein.

Wann war es am schwierigsten, wieder aufzustehen?
Das war schon nach dem verlorenen Kampf gegen David Haye im Mai 2016. Der Krieg, den ich als Kind in Kosovo erlebt hatte, war natürlich schlimm gewesen und eine Erfahrung, die mich prägte. Aber ich sah immer ein Licht am Horizont. Das war nach der Niederlage in London erst einmal anders. Ich hatte es weit nach oben geschafft im Boxen. Umso tiefer war der Fall. Ich wusste, dass es nun sehr schwierig werden würde, es nochmals in die Weltspitze zu schaffen. Ich hatte ja über ein Jahrzehnt gebraucht, um dort hinzugelangen. Liegen blieb ich allerdings auch hier nicht. Ich bestritt noch einige Kämpfe, zum Beispiel 2019 in Istanbul. Da machte ich einen richtig guten Fight, obwohl das Publikum lautstark gegen mich war.

Im Kampf gegen David Haye waren Sie wahrlich ein Stehaufmännchen: Gleich dreimal standen Sie wieder auf. Welche Bilder haben Sie noch vor Augen?
Ich selber denke nicht mehr oft an jenen Kampf zurück. In den letzten Jahren eigentlich überhaupt nicht mehr, ich war genug mit anderen Dingen beschäftigt. Aber natürlich werde ich nun im Laden wieder oft daran erinnert. Viele Kunden, die in den Shop kommen, erkennen mich und freuen sich. Einige sind überrascht, dass ich nun hier arbeite. Der eine oder andere will mit mir sofort übers Boxen reden, vor allem über meine Niederlage gegen David Haye und was an jenem Abend genau passierte.

Und was antworten Sie?
Das Gleiche, was ich Ihnen erzähle. Klar ist, dass ich einiges anders machen würde, wenn ich nochmals zurückkönnte. Vor allem mental war ich nicht richtig parat, ich liess mich gar nie richtig auf das ein, was da kommen könnte. Und im Kampf machte es ein paar Mal bum und dann war es bereits vorbei. Ich lebe heute auch viel bewusster, was die Ernährung betrifft. Wenn es geht, mache ich 6/18: Innert sechs Stunden esse ich, danach 18 Stunden nichts mehr. Ich esse viel gesünder, keine riesigen Steaks mehr, so wie ich dies früher am Abend vor einem Kampf machte.

Sie haben vor drei Jahren Ihren letzten Kampf bestritten. Das ist eine lange Zeit im Boxen. Wann treten Sie zurück?
Soweit bin ich noch nicht. Ich habe weiterhin im Kopf, dass ich nochmals in den Ring steigen werde. Meine Familie lässt mir den Glauben daran und unterstützt mich, weil sie weiss, dass es mir wichtig ist. Aber es braucht seine Zeit …

… und jünger werden Sie nicht …
Ja, natürlich. Letztes Jahr machte ich in Zürich Sparring gegen den starken Schwergewichtler Collins Ojal und merkte, dass nach der langen Pause vor allem die Reflexe nicht mehr die gleichen wie früher waren. Da wartet noch viel Arbeit auf mich. Aber ich scheue mich nicht davor. Ich bin gerne im Gym. Kürzlich war eine Schulklasse da. Die Schüler waren voll dabei, sogen alles mit grossem Interesse auf. Vor allem, als wir nach dem Boxtraining über den Sport und meine Karriere sprachen.

Wer ist Ihr grosses Vorbild, wenn es darum geht, wieder aufzustehen?
Da nenne ich zuerst meine Mutter. Sie ist eine Heldin für mich. Während mein Vater in der Schweiz das Geld verdienen musste, kümmerte sie sich ganz alleine um die sieben Kinder und um den kranken Grossvater. Sie hielt alles von uns fern, so gut es ging. Wenn ich über mein Leben nachdenke, muss ich sagen, dass die frühen Jahre im Kosovo die schönsten in meinem ganzen Leben waren. Schade, dass dann plötzlich alles so endete. Es ist schrecklich, wenn man Tag und Nacht um sein Leben fürchten muss. Du gehst schlafen und weisst nicht, ob du wieder aufwachst. Deshalb finde ich es unglaublich, dass im Jahre 2022 ein Mensch erneut einen Krieg in Europa anfangen kann. Wer wählt so jemanden? Was in der Ukraine gerade passiert, geht mir sehr nahe. (bzbasel.ch)

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