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epa08279058 Swiss Moto2 rider Thomas Luthi of the Liqui Moly Intact GP team prior to the Moto2 race at the Motorcycling Grand Prix of Qatar at Losail International Circuit in Doha, Qatar, 08 March 2020.  EPA/NOUSHAD THEKKAYIL

Es geht wieder aufwärts bei Tom Lüthi. Bild: EPA

Kommentar

Tom Lüthi – nicht nur Rennfahrer, sondern auch Diplomat

Endlich ist das Podest des Ruhmes wieder in Sichtweite von Tom Lüthi. In Spielberg ist er mit dem besten Saisonresultat (5.) erstmals in dieser Saison in der Spitzengruppe angekommen.



Die Saison von Tom Lüthi (33) ist eine Achterbahnfahrt. Ganz nach oben, steil hinab und dann wieder aufwärts. Ganz oben ist er im Februar in den Vorsaison-Tests in Jerez, die er nach Belieben dominiert. Er ist Titelkandidat. Dann beginnt die Talfahrt mit dem 10. Platz in Katar zum Saisonauftakt. Der Tiefpunkt ist in Brünn erreicht: 25. im Training, 17. im Rennen. 24,04 Sekunden Rückstand auf den Sieger.

Bei einem gewöhnlichen Fahrer würde die Geschichte des Jahres 2020 an diesem Punkt enden. Aber nicht für Tom Lüthi. Mit einer Mischung aus Geduld, Beharrungsvermögen, Zähigkeit, Erfahrung, Talent und eben auch Leidenschaft hat er sich unter schwierigen Bedingungen wieder in die Spitzengruppe zurückgekämpft. Rang 5 in Spielberg. Bei dieser Saisonbestleistung braust er nur noch 3,23 Sekunden hinter dem Sieger (Marco Bezzecchi) über die Ziellinie. Das Podest ist wieder in Sichtweite. Oder wie es Tom Lüthi sagt: «Darauf können wir aufbauen.» Für einmal nicht bloss Zweckoptimismus. Aber eben: der WM-Zug ist längst abgefahren.

Dieses Comeback ist nur möglich, weil es gelungen ist, den Frieden im Team zu wahren. Natürlich sind es Unzulänglichkeiten in der technischen Betreuung, die Tom Lüthi auch diese Saison den Titel kosten. Wie im Vorjahr brauchten seine deutschen Bastler – sorry, Techniker – wieder viel zu lange, um die verschiedenen Probleme zu erkennen, zu lösen und eine stabile Basis zu erarbeiten. So haben allerdings weder Tom Lüthi noch sein Manager Daniel Epp den Misserfolg erklärt.

Hätten sie es, wäre durch die Wahrheit der Friede im Team nicht mehr zu retten gewesen und die Grundlage für eine weitere Zusammenarbeit «zerstört» worden. Schliesslich hat man sich ja mündlich schon auf eine Fortsetzung der Zusammenarbeit in der nächsten Saison geeinigt. Also haben der Fahrer und sein Manager «Kreide gefressen» und beinahe gebetsmühlenartig wiederholt, die Stimmung im Team sei hervorragend, die Motivation gross und es gelte, vorwärtszuschauen und weiterzuarbeiten. Die polemischen Analysen haben sie Aussenstehenden überlassen.

Die rührigen Medienmitteilungen, die von der Kommunikationsabteilung des Teams diese Saison laufend verschickt werden, lesen sich als seien sie vom früheren irakischen Informationsminister Mohammed Sajjid al Sahhaf verfasst worden. Der Mann hatte für kurze Zeit als «Comical Ali» Weltberühmtheit erlangt, weil er bei Medienkonferenzen der irakischen Regierung während des 1. Irak-Krieges laufend den Sieg der ruhmreichen irakischen Armee über die USA verkündete.

Iraqi Information Minister Muhammad Said al-Sahhaf, stands in front of a photo of Iraqi President Saddam Hussein in this image from video, as he speaks during a news conference in Baghdad, Saturday, March 22, 2003. Al-Sahaf said the U.S.-led air strikes on Iraq have left 207 people injured in Baghdad hospitals. (AP Photo/APTN)

Gestatten, Mohammed Sajjid al Sahhaf. Bild: APTN

Indem er diesen Zirkus mitmacht und über sich ergehen lässt hat sich Tom Lüthi als Pilot und Diplomat wieder bis auf Sichtweite ans Podest herangearbeitet. Er ist fahrerisch noch immer gut genug für Sieg, Podest und Titelkampf. Aber für ihn und für seinen Teamkollegen Marcel Schrötter ist der Titelkampf mit 50 (Schrötter) bzw. 52 Punkten Rückstand (Lüthi) bereits vor «Halbzeit» gelaufen. Das ist überaus ärgerlich.

Die WM 2020 mit so vielen «wilden Jungen» wäre für einen erfahrenen Piloten wie Tom Lüthi zu gewinnen gewesen. 2016 und 2017 war unter dem französischen Cheftechniker die Losung: immer punkten und in den schwachen Rennen nicht weiter hinten als auf Platz 5 und 6. Dann kann es reichen. Gejubelt wurde über Siege und Podestplätze. Es reichte immerhin zu zwei zweiten WM-Schlussrängen. Nun reicht es in den besten Rennen zu 5. und 6. Plätzen und solche Klassierungen lösen Jubelmeldungen aus.

epa08616020 Swiss Moto2 rider Thomas Luthi of Liqui Moly Intact GP in action during first training session of the Motorcycling Grand Prix of Styria at the Red Bull Ring in Spielberg, Austria, 21 August 2020.  EPA/CHRISTIAN BRUNA

Tom Luethi will so schnell wie möglich wieder auf dem Podest stehen. Bild: keystone

Für ein Team, das so enge Beziehungen zum führenden Fahrwerk-Hersteller Kalex pflegt, so viel Geld zur Verfügung hat, dass es sich im technischen Bereich alles kaufen kann, was es für einen WM-Titel braucht, ist die Zwischenbilanz völlig ungenügend, ja blamabel. In einem Jahr, in dem Tom Lüthi schon wegen des Ausfalls der Olympischen Spiele die nationale Medienbühne für sich gehabt hätte. 2020 ist eine verpfuschte Saison. Kein Schelm, wer fragt: Was macht eigentlich der tüchtige Teamchef Jürgen Lingg?

Wahrscheinlich verbringt er zu viel Zeit beim Redigieren der famosen Jubel-Medienmitteilungen. Auch er ist eben ein Diplomat. Und das ist bei der Rennfahrerei, dem Sport mit der am höchsten entwickelten Ausredenkultur auch für einen Manager wichtig, der Geldgeber bei Laune halten muss und lange im Amt bleiben will.

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