Warum das Gemotze über die Schweizer Nati eigentlich ein Kompliment ist
Nur ein 1:1 gegen den Fussballzwerg Katar. Gegen Bosnien-Herzegowina beim 4:1-Sieg lange Mühe. Und gegen Kanada beim 2:1-Sieg am Ende beinahe eingebrochen. Die Schweiz ist mit mehr Mühe als erwartet in die WM-Sechzehntelfinals eingezogen.
Das ist eine Betrachtungsweise, sie ist durchaus legitim, denn es war nicht alles gut. Aber eben nicht die einzige. Denn man kann auch festhalten: Die Schweiz hat ihre Vorrundengruppe gewonnen, obwohl noch nicht alles gepasst hat. Genau das erklärt die aktuelle Kritik: Die Nati hat den Massstab verschoben.
Ewig gleiche Debatten …
Auf die Resultate kommt es bei Turnieren an. Sie entscheiden, wer bleibt und für wen es nach Hause geht. Dass das nächste Spiel das Wichtigste ist, ist ein abgedroschener Spruch – aber er stimmt. Wer K.o.-Spiele gewinnt, dem verzeiht man vieles, was in der Gruppenphase noch kritisiert wurde. Was ist von der EM 2021 noch besser in Erinnerung: Das chancenlose 0:3 in der Vorrunde gegen Italien oder der glorreiche Achtelfinalsieg gegen Weltmeister Frankreich?
Dass die Schweizer Nationalmannschaft und ihr Trainer Murat Yakin nun für die bisherigen Leistungen teils recht scharf kritisiert werden, hat verschiedene Gründe. Da wären einerseits Debatten, die die Nati seit Jahren begleiten. Noch immer stören sich manche daran, dass viele Nationalspieler Wurzeln auf dem Balkan oder in Afrika haben. Der Doppeladler-Jubel oder dass nicht jeder die Nationalhymne mitsingt, beschäftigt manche bis heute mehr als ein gelungener Spielzug.
Die schärfste Kritik der Gegenwart hat aber einen anderen Ursprung. Sie ist sportlicher Natur – und Folge des Erfolgs der letzten Jahre.
… und ein schönes, selbst verursachtes «Problem»
Um das zu verstehen, lohnt sich ein Blick zurück. In den 1980er-Jahren hatte die Schweiz ein Nationalteam, das eine «ehrenvolle Niederlage» nach der anderen kassierte und sich nie für eine EM- oder WM-Endrunde qualifizieren konnte. Bis 1994 der Bann gebrochen wurde, als die Schweiz in den USA nach 28 Jahren des Wartens wieder an einer Weltmeisterschaft antrat.
Seither hat sie sich in der erweiterten Spitze etabliert. Mit einer Ausnahme (EM 2012) war die Nati in den letzten zwanzig Jahren an jedem grossen Turnier dabei. Eine Nation, die jahrzehntelang zuschaute, ist längst ein selbstverständlicher Teilnehmer. An der letzten EM scheiterte die Schweiz erst im Penaltyschiessen gegen England am Einzug in den Halbfinal. Nun in Nordamerika gelang ihr zum vierten Mal in Folge der Sprung in die K.o.-Phase einer WM.
Die Schweiz ist eine Fussballnation geworden
Das sind Erfolge. Ohne wenn und aber, denn es zählen nicht nur Titel. Und die Erfolge haben nicht alleine mit der Aufstockung der Teilnehmerfelder zu tun. In den letzten zehn Jahren gehörte die Schweiz permanent zu den Top 20 der Weltrangliste. Angesichts der Tatsache, dass der Fussball fast überall auf dem Globus die wichtigste Sportart ist und rund 100 Länder mehr Einwohner haben als die Schweiz, ist das mehr als beachtlich.
Aller gutschweizerischen Zurückhaltung zum Trotz dürfen wir sagen: Wir sind eine Fussballnation geworden. Die Kritik fällt auch deshalb teils scharf aus, weil sich die Ansprüche geändert haben. Einst diskutierte man, ob die Schweiz überhaupt mit den Grossen mithalten kann. Heute diskutiert man darüber, warum sie nicht noch besser ist.
Xhaka und Co. lassen Erfolge selbstverständlich erscheinen
Wenn hier und dort über Aufstellung, Taktik und Chancentode gelästert wird, sagt das weniger über die Qualität der Nati aus, sondern mehr über die gestiegenen Erwartungen ihrer Fans. Längst ist die Schweiz so gut, dass ordentliche Leistungen als Enttäuschung abgetan werden.
Das ist vielleicht die grösste Errungenschaft der Nati-Generation um Captain und Rekordnationalspieler Granit Xhaka: Sie lässt ihre Erfolge selbstverständlich erscheinen. Deshalb wird heute nach einem Gruppensieg gemeckert, auf den man vor zwanzig Jahren noch lange stolz gewesen ist.
