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Mujinga Kambundji im persönlichen Interview

Nationales Auffahrtsmeeting, Langenthal, May 09, 2024 Mujinga Kambundji reacts after the womens 100 m at Nationales Auffahrtsmeeting on May 09, 2024 in Langenthal. *** Nationales Auffahrtsmeeting, Lan ...
Mujinga Kambundji ist eines der bekanntesten Gesichter der Schweizer Leichtathletik.Bild: www.imago-images.de
Interview

Mujinga Kambundji im persönlichen Interview: «Als Sprinterin muss ich oft nichts tun!»

Nach einem schwierigen Jahr greift die bekannteste und erfolgreichste Schweizer Leichtathletin an den Europameisterschaften wieder nach den Sternen. Fragen an Mujinga Kambundji, die nichts mit Titeln und Bestzeiten zu tun haben.
09.06.2024, 08:5709.06.2024, 15:07
Rainer Sommerhalder / ch media
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Auf welche Eigenschaft sind Sie besonders stolz?
Mujinga Kambundji: Dass ich anpassungsfähig bin. Ich kann eine Situation so nehmen, wie sie ist und muss meinen Plan nicht kompromisslos durchstieren. Selbst wenn sich etwas nicht so entwickelt, wie ich mir das erhofft habe, stresst mich das nicht mehr.

Welche Aufgabe überlassen Sie ungern anderen?
Ich würde niemals jemandem das Packen meiner Tasche überlassen. Nicht, dass ich dieser Person nicht vertrauen könnte, aber ich muss mit eigenen Augen sehen, dass ich alles Notwendige dabei habe. In diesem Punkt brauche ich hundertprozentige Sicherheit.

Mujinga Kambundji of Switzerland poses with the Gold medal for a portrait after the medal ceremony for the Women's 60 meters Final at the European Athletics Indoor Championships 2023 at the Atako ...
2023 gewann Kambundji an der Hallen-EM in Istanbul Silber.Bild: KEYSTONE
«Ich habe vieles falsch gemacht. Es ist aber nachträglich für mich okay, denn ich habe stets etwas daraus gelernt.»

Welche Entscheidung in Ihrem Leben würden Sie heute anders fällen?
(Überlegt lange.) Es gibt da nicht die eine ganz spezifische Entscheidung. Ich habe vieles falsch gemacht. Es ist aber nachträglich für mich okay, denn ich habe stets etwas daraus gelernt. Das finde ich bei Fehlern am wichtigsten. Bereut habe ich jene Momente, in denen ich mehr auf mich hätte hören sollen. Es gab Situationen, wo ich es anders gemacht hätte, ich aber dachte, die andere Person wisse besser, was für mich richtig ist.

Welcher Person sind Sie für was dankbar?
Die einfache Antwort ist: Meinen Eltern. Aber auch meinen Schwestern, dass sie da sind, wenn es gut läuft und auch, wenn es nicht gut läuft. Ich werde von ihnen nicht über den Erfolg im Sport gemessen. Ich darf bei ihnen mich selbst und ehrlich sein. Sie sind es auch zu mir. Sie werden mir stets sagen, wenn ich etwas machen sollte, das sie nicht in Ordnung finden.

«Als Sprinterin muss ich oft nichts tun!»

Was tun Sie beim Nichtstun?
Als Sprinterin muss ich oft nichts tun! Ein grosser Teil unseres Trainings dient der Erholung. Dabei liege ich meistens, weil ich mich liegend viel besser erhole als sitzend. Auch an einem Wettkampftag mache ich abgesehen vom Essen den ganzen Tag nichts. Ich mache dann halt das, was man liegend gäbig tun kann: Telefonieren und andere Dinge am Handy, Fernsehen oder ein Buch lesen.

Was machte Sie zuletzt glücklich?
Der Muttertag war sehr schön. Wir haben im Garten der Eltern einen Brunch genossen. Ein sehr gemütlicher Tag im Kreis der Familie.

Sehen Sie die Grenzen anderer Menschen bewusster als die eigenen?
Ich glaube, dass ich die Grenzen anderer Menschen eher akzeptiere als die eigenen und mich diesen Menschen entsprechend anpasse. Wenn ich selbst etwas nicht kann, versuche ich das zu ändern und besser darin zu werden. Ich versuche, meine Grenzen zu verschieben.

«Am meisten nervt mich aber, wenn ich nicht auf mein Gefühl gehört habe oder ich etwas Besseres zu tun gewusst hätte, als ich dann effektiv gemacht habe.»

Wann haben Sie sich das letzte Mal über sich selbst geärgert?
Ui, das passiert oft. Es nervt mich zum Beispiel stets, wenn ich zu spät komme. Am meisten nervt mich aber, wenn ich nicht auf mein Gefühl gehört habe oder ich etwas Besseres zu tun gewusst hätte, als ich dann effektiv gemacht habe.

Haben Sie in Ihren Gedanken mehr Hoffnungen oder mehr Ängste?
Früher waren es mehr Hoffnungen, heute sind es mehr – nicht Ängste, aber Sorgen. Ich bin heute mehr in der Realität. Wenn man jünger ist, ist man unbeschwerter. Heute hoffe ich weniger einfach darauf, dass es schon gut kommt. Ich mache mir eher Sorgen und versuche zu analysieren, wieso etwas passiert.

Wie oft gehen Sie ziellos aus dem Haus?
Beinahe nie, vielleicht einmal im Jahr. Ich erinnere mich an einen Sonntag, an dem ich den ganzen Tag im Haus war. Ohne frische Luft bekomme ich Kopfweh. Deshalb ging ich gegen Abend mit meinem E-Bike einfach so planlos auf eine kleine Tour. (Lacht.)

Jeder Spitzensportler muss in seiner Karriere lernen, an erster Linie an sich zu denken

In welchen Momenten im Leben sind Sie egoistisch?
Im Sport muss man egoistisch sein. Wenn es um Entscheidungen geht, ist das sogar extrem wichtig. Jeder Spitzensportler muss in seiner Karriere lernen, an erster Linie an sich zu denken. Ich kann einer Freundin nicht zwei Tage vor einem Wettkampf beim Zügeln helfen, auch wenn sie es umgekehrt bei mir gemacht hat. Bei der Koordination der Trainings mit meiner jüngeren Schwester ist es oft etwas schwieriger, egoistisch zu sein. Da müssen wir uns manchmal bewusst sagen: «Schau zuerst, dass es für dich stimmt!»

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Mujinga mit ihrer Schwester Ditaji an den Sports Awards.Bild: keystone

Benötigen Sie Harmonie, um erfolgreich zu sein?
Auf jeden Fall. Ich bin nicht jemand, der mit Wut im Bauch rennt. Ich muss zufrieden sein und Spass an dem haben, was ich mache.

Welche Situationen machen Sie unsicher?
Wenn ich schlecht laufe und nicht weiss, woran es liegt, verunsichert mich das. Oder allgemein: Wenn etwas Negatives passiert, dann ist es mir wichtig, den Fehler zu finden und einen Plan zu entwickeln, wie ich eine Wiederholung verhindern kann. Wenn etwas Schlimmes passiert und ich nicht weiss, wie ich beim nächsten Mal verhindern könnte, macht mich das unsicher.

Wie lange liegt Ihre letzte Selbsterkenntnis zurück?
Ich stelle mich sehr oft sehr stark infrage – mindestens wöchentlich. Ich muss mich selbst optimieren können, um vor allem im Sport besser zu werden. Ich will dafür auch alles im Alltag besser machen. Denn alles, was optimiert wird, gibt mehr Raum, Zeit oder Energie für die Leistung im Sport.

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6 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Frank Kraschinsky-Rickenbacker
09.06.2024 09:43registriert Mai 2024
Eine ausserordentlich sympathische Person. Alles, was sie äusserte, war sowohl nachvollziehbar als auch auf bemerkenswerte Weise spontan und durchdacht.
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Etzsegiglichöpis
09.06.2024 10:12registriert September 2020
Interessanter Einblick in ein Profisportler-leben. Ich denke es sind sehr ehrliche und gleichzeitig überlegte Antworten.
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