Alles läuft auf diesen Moment zu. Alle Versuche der Trainer, ihr Team auf jede Possibilität vorzubereiten. Alle Bemühungen der Verantwortlichen, das Kader doch noch irgendwie zu verstärken. Und natürlich alle Anstrengungen der Spieler, stets das Beste aus sich herauszuholen. Das alles geschieht, um irgendwann die NBA-Finals zu erreichen und dort um den Titel zu spielen.
In dieser Saison sind die beiden Teams, denen dies gelungen ist, die Boston Celtics und die Dallas Mavericks. Damit ist jetzt schon klar, dass es in der besten Basketball-Liga der Welt den sechsten Meister in den letzten sechs Jahren geben wird. Im Falle der Celtics, die mit 17 Titeln gemeinsam mit den Lakers Rekordmeister der NBA sind, ist das keine grosse Überraschung. Sie gehörten schon vor der Saison zum engsten Favoritenkreis. Anders ist dies hingegen beim Finalgegner.
Den Dallas Mavericks traute nach der enttäuschenden letzten Saison, die mit mehr Niederlagen als Siegen auf Platz 11 der Western Conference endete, kaum jemand zu, in die Finals vorzustossen. Doch dank Verpflichtungen von Spielern wie Derrick Jones Jr. und P. J. Washington oder allen voran Rookie Dereck Lively, der nur geholt werden konnte, weil Dallas die letzten beiden Spiele der Vorsaison absichtlich verlor und so im Draft nach oben rutschte, konnten sich die Mavericks gezielt verstärken.
Der Hauptgrund für den Erfolg sind aber natürlich die beiden Superstars Luka Doncic und Kyrie Irving, welche die Offensive mit 28,8 bzw. 22,8 Punkten pro Playoff-Spiel anführen. Doncic darf aufgrund seiner starken Leistungen auch in den entscheidenden Phasen der Partien getrost als bester Spieler dieser Playoffs angesehen werden. Der Slowene greift nun nach seinem ersten NBA-Titel. Besonders brisant wird die Finalserie, die in der Nacht auf Freitag mit Spiel 1 in Boston beginnt, aber für seinen Partner in Dallas' Backcourt.
Kyrie Irving verbindet nämlich eine Vergangenheit mit den Boston Celtics – und deren Fans. Auch wenn dieses Wort im Sport nicht zu leichtfertig benutzt werden sollte, kann hier durchaus von Hass gesprochen werden. Dabei galt der Guard einst als Hoffnungsträger in Massachusetts bei der Jagd auf Titel 18. Als NBA-Champion der Saison 2015/16 kam Irving im Sommer 2017 per Trade aus Cleveland zu den Celtics.
In der ersten Saison verpasste er die Playoffs jedoch verletzt, während die Jungstars um den damaligen Rookie Jayson Tatum und Jaylen Brown bis in den Halbfinal vorstiessen. Die Folgesaison endete mit einem enttäuschenden Viertelfinal-Aus, woraufhin Irving in Brooklyn unterschrieb. Dies ist die Ursache für den Bruch zwischen dem Spieler und den Fans der Celtics. Denn noch ein Jahr zuvor hatte der in Melbourne geborene US-Amerikaner angekündigt, seinen auslaufenden Vertrag in Boston verlängern zu wollen: «Wenn ihr mich zurückhaben wollt, werde ich hier wieder unterschreiben.»
Seit Irvings Entscheid, gemeinsam mit seinem guten Freund Kevin Durant zu den Brooklyn Nets zu wechseln, wird er bei Spielen in Boston vom Publikum ausgebuht, beleidigt und einmal gar mit einer Flasche beworfen. Der achtfache All-Star hielt sich mit Provokationen seinerseits aber auch nicht zurück. So zum Beispiel, als er den Kobold auf dem Celtics-Logo in der Mitte des Felds mit Füssen trat.
Kyrie appeared to step on the Boston logo as he greeted his teammates at half court postgame.
— ESPN (@espn) May 31, 2021
(via @yornoc74) pic.twitter.com/thcXjX15He
Vor seinem ersten Spiel im TD Garden nach dem Weggang aus Boston verbrannte er in der Arena Salbei, um die Energie zu reinigen und negative Gedanken oder Hass zu vertreiben. Es handelt sich dabei um ein Ritual aus einigen Ureinwohner-Stämmen, aus denen auch Irvings Mutter stammt. So richtig klappte das aber nicht – vielmehr stachelte es viele Boston-Fans zusätzlich an.
Kyrie Irving makes his return to TD Garden.
— Celtics on NBC Sports Boston (@NBCSCeltics) December 18, 2020
Coverage of #Celtics-Nets begins at 7:30 p.m. on @NBCSBoston with Celtics Pregame Live! pic.twitter.com/7P82E6EqO9
Den vorläufigen Höhepunkt fand die Fehde dann in den Playoffs im April 2022, als Irving mit Brooklyn auf Boston traf. Nach den vielen Buh- und «Kyrie ist scheisse»-Rufen zeigte er dem Publikum den Mittelfinger. Vor den bevorstehenden Finals erklärte der 32-Jährige aber, für diese Aktion Reue zu empfinden: «Das hat nicht widerspiegelt, wer ich eigentlich bin. Ich war kein Vorbild dafür, wie man seine Emotionen in einem solchen Umfeld kontrollieren sollte. Egal, was die Leute dir zurufen.» Nun sei er jedoch gereifter und besser gewappnet, damit umzugehen.
That's tough 💯#NBASundays pic.twitter.com/7uUATxEBa8
— NBA UK (@NBAUK) April 17, 2022
Ohnehin scheint Irving, den sein früherer Mitspieler LeBron James als «begabtesten Spieler der NBA-Geschichte» bezeichnet, aus vergangenen Fehlern gelernt zu haben. Sorgte er früher auch mit Verschwörungstheorien oder dem Teilen eines Films, der als antisemitisch gilt, für Unruhe in seinem Team und um seine Person, liess er sich in Dallas seit seiner Ankunft per Trade im Februar 2023 nichts mehr zu Schulden kommen. Vielmehr hat er sich hervorragend integriert und akzeptiert, dass er hinter Doncic nur die zweite Geige spielen wird.
Dass es ihm nun besser gelingt, die Fans in Boston auszublenden, darf er in den nächsten Tagen und Wochen beweisen. Denn es ist zu erwarten, dass es erneut heikle Szenen geben wird und die Anhängerschaft der Celtics, der auch eine Neigung zu Rassismus nachgesagt wird, keine Rücksicht auf die Gefühle des Gegners nehmen wird.
Obwohl Hass im Sport grundsätzlich nichts zu suchen hat, kann eine solche gegenseitige Abneigung gerade einer Final-Serie aber guttun. Diese lebt nämlich auch von Geschichten neben dem Platz, Trash-Talk gehört zu Basketball so sehr wie zu kaum einer anderen Sportart. Es gibt dem Duell der Celtics mit den Mavericks eine zusätzliche Würze.
Am Ende entscheidet sich die Serie jedoch auf dem Court. Und da gelten die Mavs in den Augen der Buchmacher als relativ klarer Aussenseiter. Schliesslich haben die Boston Celtics eine unfassbare Ansammlung an aktuellen und ehemaligen All-Stars. Nach dem neuerlichen Scheitern im letzten Jahr wurde das Team noch einmal umgestellt und mit Jrue Holiday und Kristaps Porzingis, der von 2019 bis 2022 für Dallas spielte, zwei enorme Verstärkungen ins Boot geholt.
Diese sollen den beiden Stars Jayson Tatum und Jaylen Brown gemeinsam mit Derrick White und Alt-Star Al Horford dabei helfen, das Trauma des verlorenen NBA-Finals in der Saison 2021/22 gegen Golden State zu überwinden. Ein solches Team in einer Liga mit Gehaltsobergrenze zusammenzustellen, sollte eigentlich nicht möglich sein. Alleine schon dafür haben General Manager Brad Stevens und Co. grossen Respekt verdient, doch in Boston zählt mittlerweile nur noch der Titel.
Angesichts der Tatsache, dass Dallas in Luka Doncic aber auf den besten Spieler der Serie zählen kann, scheint es nicht unwahrscheinlich, dass Kyrie Irving das Zünglein an der Waage spielt. Spielt der Mann, der aufgrund seines unglaublichen Ballgefühls schon als Magier bezeichnet wurde, so wie zuvor im Halbfinal gegen Minnesota oder auch im Achtelfinal gegen die LA Clippers, kann Dallas selbst den Favoriten aus Boston schlagen.