Um die Beziehung zwischen der Premier League und Manchester City steht es schon seit längerer Zeit nicht zum Besten. In nicht weniger als 115 Fällen, ermittelt die Liga gegen den Serienmeister. Der Klub, so lautet der Vorwurf, habe wiederholt gegen die Financial-Fairplay-Regeln verstossen. Nun setzt Manchester City mit einer Klage gegen die Liga zu einem Gegenstoss an, der die höchste englische Liga in ihren Grundfesten zu erschüttern droht.
Das wichtigste zum Streit zwischen dem Klub und der Liga in der Übersicht.
Manchester Citys Klage gegen die englische Liga kann gewissermassen als Flucht nach vorne verstanden werden, denn die Premier League prüft aktuell zahlreiche Vorwürfe gegen Manchester City. Die Liga wirft dem Klub vor, in 115 Fällen gegen die Financial-Fairplay-Regeln der Premier League verstossen und sich dadurch einen unfairen Vorteil gegenüber anderen Vereinen verschafft zu haben.
Die mutmasslichen Verstösse datieren aus der Zeit zwischen September 2009 und 2018 – also kurz nach der Klubübernahme durch Mansour bin Zayed Al Nahyan von der «Abu Dhabi United Group» im Jahr 2008. Konkret sieht sich der Klub unter anderem mit dem Vorwurf konfrontiert, der Premier League Finanzinformationen vorenthalten und die Aufsichtsbehörde in die Irre geführt zu haben. Es handelt sich dabei um Informationen im Zusammenhang mit den Klub-Einnahmen, einschliesslich der Sponsoring-Erträge und Betriebskosten (Associated Party Transaction, APT-Regel).
Ein Urteil wurde noch nicht gesprochen, im schlimmsten Fall droht dem Team aus Manchester jedoch ein Punkteabzug oder gar ein Zwangsabstieg. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Premier-League-Klub aufgrund von Verstössen gegen das Financial Fairplay Punkte abgeben muss. Alleine in der vergangenen Saison waren mit Nottingham Forest (4 Punkte) und Everton (10 Punkte) zwei Teams der obersten Spielklasse betroffen.
Wenn Manchester City nun aber beweisen kann, dass die «APT»-Regeln der Liga widerrechtlich sind, was laut des Berichts der «Times» durchaus von einigen Klubs befürchtet wird, könnte das auch Auswirkungen auf das Verfahren wegen der angeblichen Finanzverstösse haben.
Manchester Citys Klage gegen die Liga hat Sprengkraft. In einem 165-seitigen Dokument spricht der Verein von einer «Diskriminierung der Golfeigentümer», die den sportlichen Erfolg des Vereins ersticken soll. Der Verein will mit der Klage erreichen, dass die sogenannten «APT-Regeln» abgeschafft werden.
Die APT-Regeln wurden im Jahr 2021 eingeführt, als Newcastle United von einem vom saudischen «Public Investment Fund» (PIF) angeführten Konsortium übernommen wurde. Im vergangenen Februar wurde eine Verschärfung dieser Regeln von einer Mehrheit der Premier-League-Vereine im Rahmen einer Abstimmung gutgeheissen. Schon damals habe ein Team – vermutlich Manchester City – argumentiert, die Regeln könnten gegen das Wettbewerbsrecht verstossen und mit rechtlichen Schritten gedroht.
City fordert zudem, dass das demokratische System der Liga – mindestens 14 Klubs oder zwei Drittel der Stimmberechtigten sind erforderlich, um Regeländerungen umzusetzen – abgeschafft wird. Dies soll verhindern, so der Klub, dass Entscheidungen durch die «Tyrannei der Mehrheit» getroffen werden.
Die APT-Regeln sollen verhindern, dass Vereine Sponsoringverträge mit Unternehmen ihrer Eigentümer abschliessen, die weit über dem Marktwert liegen. So müssen Verträge zwischen einem Verein und einem Sponsor von einer unabhängigen Stelle geprüft werden, sofern Verbindungen zwischen dem Klubeigentümer und dem Sponsor vorliegen. Kaveh Solhekol, News-Chef bei «Sky Sports», veranschaulicht die Regel folgendermassen:
Manchester City hingegen will, dass bei Sponsoren, die mit den Eigentümern verbunden sind, nicht eine unabhängige Kommission, sondern der Sponsor selbst über den Betrag entscheiden soll. Mit Etihad Airways verfügt das Team von Trainer Pep Guardiola bereits über einen Sponsor, der mit dem Eigentümer in Verbindung steht.
Die Regel wurde als Reaktion auf die Übernahme von Newcastle United durch den Saudischen Staatsfonds eingeführt. Viele Klubs befürchteten damals, dass Newcastle mit Partnern und Sponsoren im Nahen Osten Handelsverträge abschliessen würde, die dem Klub einen Wettbewerbsvorteil verschaffen würden.
Am Montag beginnt ein zweiwöchiges Schiedsverfahren mit dem Ziel, im Streit zwischen der Liga und Manchester City eine Lösung zu finden. Viele Vereine stellen sich dabei auf die Seite der Liga: Laut der «Times» hätten sich rund zehn Vereine bereit erklärt, die Liga in dem Rechtsstreit zu unterstützen.
Finanzexperte Kieran Maguire erklärt gegenüber Sky Sports, dass Manchester City nun beweisen muss, dass die Verschärfung der APT-Regeln wettbewerbswidrig ist und den Klub daran hindert, mit Parteien im Nahen Osten oder aus anderen Ländern Sponsoringverträge auszuhandeln. City argumentiere, so Maguire, dass die APT-Regel den Prozess verlangsame und potenzielle Partner in Richtung Bundesliga, Primera Divison oder Serie A abspringen würden. Laut der Daily Mail hält es Stefan Borson, ehemaliger Finanzberater von Manchester City, für «sehr unwahrscheinlich», dass der Klub mit seiner Klage durchkommt.
Die Reaktionen auf die Klage des englischen Meisters fallen im Vereinigten Königreich teilweise heftig aus. Miguel Delaney, Journalist des Independent, sieht in der Forderung von Manchester City, die APT-Regeln abzuschaffen, eine «weitere entscheidende Schlacht im Kampf um die Zukunft des Fussballs». Delaney vermutet hinter dem Vorgehen von Manchester City auch ein Ablenkungsmanöver: «Der Schritt wirkt wie eine Taktik, um die Anwälte der Liga von ihrer Arbeit an den 115 Klagen gegen City abzuhalten».
Auch der Daily Telegraph sieht das Vorgehen der «Citizens» sowie die Opferhaltung des Vereins kritisch: «City ist die dominanteste Mannschaft in der Geschichte des englischen Ligafussballs. Alles, was die anderen Vereine verlangen, ist, dass sie sich an die Regeln halten, die sie unterschrieben haben.» Der Journalist Sam Wallace sieht in der Klage gar eine «Kriegserklärung an die Liga».
Die «Daily Mail» wagt auch schon einen Blick in die Zukunft. Sollte City mit seinen Forderungen in England kein Gehör finden, würde die Beziehung zwischen der Premier League und dem Klub endgültig zerbrechen, meint die Zeitung. Das Projekt «European Super League» dürfte in diesem Fall für Manchester City wieder attraktiv werden.
Laut der «Daily Mail» stosse Manchester Citys Begehren innerhalb der Liga aber auch auf Zuspruch. So sollen die Vereine Aston Villa und Newcastle und Chelsea Citys Forderungen nicht abgeneigt sein. Nassef Sawiris, Mitbesitzer von Villa, soll Manchester Citys Vorsitzenden Khaldoon Al Mubarak nahestehen, Newcastle gehört dem saudischen «Public Investment Fund» (PIF), zu dem auch Chelsea hat Verbindungen pflegt.
Laut Delaney geht es im Streit zwischen Manchester City und der Premier League aber um mehr als nur um die Abschaffung einer Regel, sondern um «Sportswahing» ganz allgemein und um die Frage, ob es Sinn macht, wenn ein Verein einem Staat gehört. Es entbehre zudem nicht einer gewissen Ironie, so Delaney, «wenn sich ein Verein, der einem König aus einer Autokratie gehört, über ein demokratisches System beschwert».