Jacques Cornu – kein Titan, ein Poet des Tempos
Es gibt Rennfahrer, die gewinnen. Und es gibt jene, die Spuren hinterlassen. Jacques Cornu gehört zur zweiten Sorte. Einer, der selten im Ruhm des Sieges erstrahlte und doch mit seinem Charisma die neuere Geschichte unseres Motorradrennsportes geprägt hat.
Er ist eigentlich fast zu gross für diesen Sport der Kobolde. Aber mit fast akrobatischer Gelenkigkeit faltet er sich so zusammen, dass er die zweirädrigen Höllenmaschinen in der Todeszone fahren kann. Er hat anfänglich zu wenig Geld für eine grosse internationale Karriere. Aber mit Charme und Charisma findet er Persönlichkeiten, die ihn unterstützen. Mit Leidenschaft, Schlauheit und Zähigkeit arbeitet er sich in die Weltspitze. Sein Stil, seine Karriere sind wie ein Bündnis aus Vertrauen, Risiko und einem Hauch Melancholie und Todesgefahr.
Jacques Cornu zelebriert sich nie als Star. In einer Welt, in der die Motoren brüllen und Egos oft noch lauter sind, bleibt er ein Fahrer der Zwischentöne. Einer, dessen Karriere nicht in erster Linie von grossen Triumphen geprägt wird, sondern von unzähligen Momenten, manchmal fast poetischen und oft dramatischen Augenblicken auf und neben dem Asphalt.
Nach einem schweren Unfall auf der italienischen Autobahn im Herbst 1984 scheint seine Karriere geknickt. Aber er kehrt zurück und 1987 – er ist bereits 34 – bekommt er von Honda eine 250er-Werksmaschine und steht damit auch vom Material her auf Augenhöhe mit den Besten der Welt. Wie er zu dieser Chance gekommen ist – weltweit wird in dieser Zeit nur einer Handvoll Rennfahrern eine solche nicht käufliche Werkmaschine zur Verfügung gestellt – mag zeigen, wie schwierig der Weg nach oben war.
Im Laufe der Saison 1986 verneigt sich das GP-Fahrerlager vor Jacques Cornu. Auf einer käuflichen Honda-Produktionsmaschine mischt er ganz vorne mit, schafft beim GP von Belgien einen Podestplatz (3.) und beendet die 250er-WM auf dem 7. Schlussrang. Wer auf unterlegenem Material das Feld ganz vorne rockt, hat wahrlich eine Werksmaschine verdient. Bis heute eines der bestgehüteten Geheimnisse unseres Rennsportes: Die Werksmaschinen müssen von den Teams am Ende der Saison zusammen mit sämtlichen Ersatzteilen dem Hersteller zurückgegeben werden. Die Technik ist Geheimsache.
Wie es halt so vorkommt, werden die Ersatzteile der Werkshonda von Weltmeister Anton Mang nach dem letzten Grand Prix in Italien im Herbst 1985 gestohlen oder sind auf dem langen Weg heim ins japanische Honda-Werk im Zoll oder sonstwo verloren gegangen. Kann vorkommen. Tatsächlich hat Jacques Cornu diese hochgeheimen Teile seinem Kumpel Anton Mang abgekauft und so hat er nun 1986 eine unerklärlich schnelle Honda-Produktionsrennmaschine, aufgemotzt mit der eingekauften geheimen Technik.
Erster GP: 7. Mai 1978 in Nogaro (Fr).
Erster Podest-Platz im GP-Zirkus: 29. August 1982 in Brünn (3. 350 ccm).
Erster GP-Sieg: 12. Juni 1988 Salzburg (250 ccm).
Rücktritt: Herbst 1990.
Anzahl GP: 140. mit 21 Podestplätzen (Drei Siege, sieben 2. Plätze, elf 3. Plätze).
Jacques Cornu fährt sein allererstes Rennen im März 1974. Aber erst am 12. Juni 1988 im Alter von 35 Jahren gelingt ihm auf dem Salzburgring der erste GP-Sieg (250 ccm). Ein altgedienter britischer GP-Reporter hat Tränen in den Augen. So sehr mögen Jacques Cornu diesen Triumph alle gönnen.
Es folgen «nur» noch zwei weitere GP-Triumphe (Le Castellet 1988, Spa 1989) und im Herbst 1990 tritt er zurück – und geht nicht vergessen. Er hat den Motorradrennsport zusammen mit Rolf Biland und Stefan Dörflinger in den 1980er Jahren wieder populär gemacht und ist als Romand, der mit charmantem Akzent Deutch spricht, im Welschland und in der alemannischen Schweiz gleichermassen populär. Nach seinem Rücktritt baut er mit grossem Erfolg eine Motorradfahrschule auf und sorgt für die Weiterbildung von mehreren Generationen von Hobbyfahrern.
Es gibt Karrieren, die sich lesen wie Statistiken – Zahlenkolonnen, Podestplätze, Titel. Und es gibt Lebensläufe, die eher an Literatur erinnern: Andeutungen, Zwischenräume, leise und oft dramatische Übergänge. Jacques Cornu gehört unzweifelhaft zur zweiten Kategorie. Einer, dessen Geschichte sich nicht aufdrängt, sondern erschlossen werden will. Wie ein Text, der erst beim zweiten Lesen seine eigentliche Tiefe preisgibt.
1980: 8. (250 ccm); 7. (350 ccm)
1981: 8. (350 ccm)
1982: 17. (250 ccm); 6. (350 ccm); Langstrecken-Weltmeister
1983: 8. (250 ccm)
1984 6. (250 ccm)
1985: 10. (250 ccm)
1986 7. (250 ccm)
1987 9. (250 ccm)
1988 3. (250 ccm)
1989 3. (250 ccm)
1990: 8. (250 ccm)
Er war kein Titan, kein Unbesiegbarer wie Valentino Rossi. Eher ein Grenzgänger, ein Poet des Tempos. Einer, der nicht dominierte, sondern sich behauptete. Mit einer Beharrlichkeit, die nichts Triumphales hatte, sondern etwas zutiefst Menschliches. Seine Siege, wenn sie kamen, wirkten fragil, beinahe zufällig und deshalb besonders kostbar. Kein kometenhafter Aufstieg zum unumstrittenen König, kein dramatischer Fall. Sondern eine Linie, die sich durch seine Karriere zieht – ruhig, unbeirrbar, fast stoisch. Jacques Cornu war ein Rennfahrer für jene, die genauer hinschauen. Für jene, die im Sport nicht nur das Resultat suchen, sondern die Haltung dahinter.
Jetzt, im Blick bleiben Bilder, aber mehr noch Gefühle wie ein leises Echo. Jacques Cornu zeigte, dass Grösse im Rennsport nicht immer im Triumph liegt. Sondern manchmal in der Art, wie jemand ist, wie jemand bleibt.
