Beim letzten Formel-1-Sieg eines Italieners war Kimi Antonelli noch nicht auf der Welt
Als man ihm das Mikrofon in die Hand drückte, brach Kimi Antonelli in Tränen aus. Es waren Tränen der Freude, die der Teenager vergoss. So liess der 19-jährige Italiener die Anspannung nach seinem ersten Sieg in der Formel 1 heraus, den er soeben in Schanghai von der Pole-Position aus herausgefahren hat. Noch nie zuvor war ein Fahrer jünger, als er von Startplatz 1 zu einem Grand Prix startete.
Dank Antonelli erklang bei der Siegerehrung erstmals seit 20 Jahren wieder die italienische Hymne für einen Rennsieger. Der letzte Italiener, der in der Königsklasse des Motorsports einen Grand Prix gewonnen hatte, war Giancarlo Fisichella 2006 in Malaysia – genau in jenem Jahr, in dem Antonelli fünf Monate später in Bologna zur Welt kam.
Im Eiltempo in die Formel 1
In der Vita von Andrea Kimi Antonelli, wie das Ausnahmetalent mit bürgerlichem Namen heisst, war das Tempo schon immer die einzige Konstante. Sein zweiter Vorname Kimi, der entgegen hartnäckiger Gerüchte nicht auf Kimi Räikkönen zurückgeht, sondern auf den Vorschlag eines Freundes der Familie, ist längst zu seinem Markenzeichen geworden.
Mit sieben Jahren begann er Kartrennen zu fahren, mit 14 war er Europameister, und der Sprung in die Formel 1 gelang ihm in einer Geschwindigkeit, die viele Experten kritisch stimmte. Die Formel 3 liess der Lockenkopf, der seit 2019 dem Juniorenprogramm von Mercedes angehört, gänzlich aus und bestritt nur eine Saison in der Formel 2. Schnell wurde er als Wunderkind bezeichnet.
Dass der Weg an die Spitze kein Selbstläufer war, zeigte Antonellis erste Formel-1-Saison. 2025 war für ihn ein ständiges Auf und Ab. Nach einem furiosen Start mit sechs Top-6-Platzierungen in den ersten sieben Grands Prix zahlte er oft Lehrgeld. Es folgten in Europa, auf Strecken, die er eigentlich kannte, zahlreiche Ausfälle. Antonelli überforderte das Auto, beging Fehler und geriet in einen Teufelskreis aus Druck und Nervosität. Sein erster Podestplatz beim Abstecher nach Kanada inmitten der Europa-Saison blieb vorerst ein Ausreisser nach oben.
Den Reset-Knopf gedrückt
In dieser schwierigen Phase war Mercedes' Teamchef Toto Wolff eine wichtige Schlüsselfigur. Zusammen mit Antonellis Vater verpasste er dem Youngster nach dem Heimrennen in Monza einen verbalen «Tritt in den Hintern». Es war der nötige Reset. Antonelli lernte, mit der Energie haushalten zu müssen und mit der vielen Ablenkung, die der Formel-1-Zirkus mit sich bringt, umzugehen. Parallel dazu schloss er noch erfolgreich die Schule ab, was ein grosses Anliegen seiner Mutter war.
Nach dem Lehrjahr scheint die Reifeprüfung nun abgeschlossen. Dass Antonelli seinen Premierensieg ausgerechnet an jenem Tag feierte, an dem sein Vorgänger Lewis Hamilton erstmals für Ferrari auf das Podium fuhr, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Doch für den Italiener zählt nur die Gegenwart im Silberpfeil. Er hat bewiesen, dass er nicht gekommen ist, um als freundliche Nummer 2 im Schatten von Teamkollege George Russell zu stehen.
Sein Selbstbewusstsein ist trotz seines jungen Alters ungebrochen. «Ich will nicht nur sein Niveau erreichen. Ich will besser als er werden», stellte Antonelli unlängst klar. Mit seinem vorzüglichen Wochenende in Schanghai hat er diese Kampfansage eindrücklich untermauert. Während er früher mit der Startnummer 12 in Anlehnung an sein Idol Ayrton Senna fuhr, schickt er sich nun an, eine eigene Ära zu prägen. (ram/sda)
