Sie unterschrieben 200-Millionen-Verträge – jetzt wurden die Heilsbringer entlassen
Die NFL ist ein «Cut-Throat-Business», heisst es in den USA so schön. Die Übersetzung «ein knallhartes Geschäft» wird dem nicht gerecht. Wortwörtlich übersetzt wäre es ein Geschäft, in welchem regelmässig Kehlen durchschnitten werden. Ganz so extrem ist die American-Football-Liga natürlich nicht, und doch sind die Verantwortlichen gnadenlos mit Spielern, die ihren Löhnen nicht gerecht werden. Das mussten gerade erst die Quarterbacks Tua Tagovailoa und Kyler Murray erfahren.
Tagovailoa wurde von den Miami Dolphins nach nur einem Jahr seines vier Saisons laufenden Vertrags über 212,4 Millionen Dollar (etwa 167 Millionen Franken) entlassen. Und das, obwohl der 28-Jährige das Gehaltsbudget in den nächsten beiden Saisons noch mit insgesamt fast 100 Millionen Dollar belastet. Es ist ein neuer Rekord an sogenanntem «Dead Cap», den Miami in Kauf nimmt.
Von Murrays Fünfjahresvertrag mit einer Lohnsumme von 230,5 Millionen Dollar (etwa 181 Mio. Franken) standen noch drei Saisons aus. Die Arizona Cardinals lösten seinen Vertrag auf und bezahlen dem 28-Jährigen in dieser Saison noch 36,8 Millionen Dollar für nichts.
Viele rieten Tagovailoa zum Rücktritt
Es ist nicht ungewöhnlich, dass NFL-Profis frühzeitig aus ihren Verträgen entlassen werden. Nur in den allerseltensten Fällen sind die Gehälter nämlich über die Gesamtlaufzeit des Vertrags vollständig garantiert. Meistens ist es den Teams erlaubt, diese aufzulösen und sich zumindest einen Teil des ausstehenden Gehalts zu sparen. Dass Franchises ihre Quarterbacks, die vor kurzem noch die grossen Hoffnungsträger waren, in diesem Alter vor die Tür setzen, ist aber doch eine Seltenheit.
In beiden Fällen war der Absturz steil. Tagovailoa wurde im Draft 2020 an fünfter Stelle von den Dolphins ausgewählt. Spätestens ab seiner dritten Saison rechtfertigte er seinen Ruf als vielversprechendes Talent. Immer wieder wurde er jedoch von Verletzungen und vor allem Gehirnerschütterungen zurückgeworfen. 2022 erlitt er gleich drei Kopfverletzungen, weshalb ihm einige Experten und Ex-Spieler zum Rücktritt rieten. In der nächsten Saison verpasste er aber kein Spiel, warf Pässe über 4624 Yards – Ligabestwert – und 29 Touchdowns, führte Miami zu elf Siegen in 17 Partien und kam gar zu seinem einzigen Playoff-Einsatz: bei der 7:26-Niederlage gegen Kansas City. Danach erhielt er einen teuren neuen Vertrag.
Im September 2024 folgte dann die nächste Gehirnerschütterung. Trotzdem zeigte er erstmal weiterhin gute Leistungen, in der letzten Saison war das aber nicht mehr der Fall. Tagovailoa beging viele Fehler und führte Miami nur noch zu sechs Siegen aus 14 Spielen, am Ende der Saison wurde er auf die Bank gesetzt. Das neue Trainer-GM-Duo entschied sich nun, den auf Hawaii geborenen Quarterback zu entlassen.
Videospiel-Klausel machte Murray zur Lachnummer
Im Falle von Kyler Murray waren die Ansprüche noch grösser. Arizona holte ihn mit dem ersten Pick im NFL-Draft 2019. Das riesige Potenzial des flinken und präzisen Spielmachers blitzte mehrmals auf. Konstant konnte er sich aber nicht etablieren. Nur in einer von sieben Saisons holten die Cardinals mit ihm als Quarterback mehr Siege als Niederlagen, danach folgte ein miserabler Auftritt Murrays in seinem bisher einzigen Playoff-Spiel. Auch der für seine Position mit 1,78 m sehr kleine Murray kämpfte immer wieder mit Verletzungen, sein grösstes Problem war aber die fehlende Ernsthaftigkeit.
Murray hat den Ruf, zu wenig für den Erfolg zu tun. Die Klausel in seinem Megavertrag, die ihn zu mindestens vier Stunden Videostudium pro Woche während der Saison verpflichtete, spricht Bände. Dass explizit erwähnt wurde, dass er sich dabei nicht von Aktivitäten wie Videospielen ablenken lassen dürfe, ebenfalls. Die Cardinals strichen die Klausel zwar, nachdem diese öffentlich geworden war, doch der Schaden blieb. Auch Murray wurde der Status als Stamm-Quarterback schon während der letzten Saison entzogen, am Mittwoch wurde er entlassen.
Für beide Quarterbacks könnte es aber eine Chance sein. Weil die Summe lediglich von dem Betrag, den ihnen das alte Team schuldet, abgezogen wird, konnten Tagovailoa und Murray nun für den Mindestlohn der NFL bei neuen Teams unterschreiben.
Die Hoffnung auf den nächsten Sam Darnold
Ersterer unterschrieb bei den Atlanta Falcons, wo er als Konkurrent für den eigentlichen Stamm-Quarterback Michael Penix Jr. eingeplant ist. Dieser erholt sich noch vom dritten Kreuzbandriss seiner Karriere. Unter dem neuen Trainer Kevin Stefanski, der schon zweimal als Trainer des Jahres ausgezeichnet wurde, hat Tagovailoa nun die Möglichkeit, sich für einen neuen lukrativen Vertrag zu empfehlen. Ob in Atlanta oder bei einem anderen Team.
Und Murray geht zu den Minnesota Vikings, wo Quarterback-Flüsterer Kevin O'Connell an der Seitenlinie steht. Der 40-Jährige formte bereits den zuvor schon als gescheitert angesehenen Sam Darnold zu einem Quarterback, der ein Jahr später den Super Bowl gewann. Ähnliches ist ihm auch mit Kyler Murray zuzutrauen. Dieser dürfte die Position als Nummer-1-Quarterback von J. J. McCarthy übernehmen. Der 23-Jährige machte in seiner ersten NFL-Saison keinen guten Eindruck.
So könnten Tagovailoa und Murray bald wieder die schönere Seite des «Cut-Throat-Business» NFL kennenlernen – und sich eine andere Weisheit des Sports wieder einmal als wahr erweisen: «Des einen Müll ist des anderen Schatz.»
Weitere Schlagzeilen der NFL-Free-Agency
Ravens annullieren Crosby-Trade
Die Baltimore Ravens hatten sich in Maxx Crosby vermeintlich einen der besten Verteidiger der NFL gesichert. Für zwei Erstrundenpicks wäre der 28-jährige Defensive End aus Las Vegas gekommen. Nach dem Medizincheck annullierten die Ravens den Trade aber aufgrund gesundheitlicher Sorgen.
Stattdessen verpflichteten sie kurz darauf Trey Hendrickson mit einem Vierjahresvertrag über bis zu 120 Millionen Dollar (ca. 95 Mio. Franken). Für den 31-jährigen Star auf der gleichen Position muss Baltimore kein Draftkapital aufgeben. Ravens-GM Eric DeCosta wies die Kritik daran zurück und sagte zum misslungenen Trade: «Niemand ist trauriger darüber als ich. Wir bereuen es wirklich, aber ich musste die richtige Entscheidung für unser Team treffen.» Crosby dürfte damit erstmal bei den Las Vegas Raiders bleiben.
Chiefs holen den Super-Bowl-MVP
Patrick Mahomes, der sich rechtzeitig zum Saisonstart von seinem Kreuzbandriss erholt haben sollte, hat bald zusätzliche Unterstützung bei den Kansas City Chiefs. Der dreifache Super-Bowl-Champion der letzten Jahre sicherte sich nämlich die Dienste von Kenneth Walker. Der Runningback führte Seattle im Februar zum Triumph im Super Bowl und wurde als wertvollster Spieler der Partie ausgezeichnet. In Kansas City erhält er einen Dreijahresvertrag über 45 Millionen Dollar (ca. 36 Mio. Franken). Ausserdem halten die Chiefs Tight End Travis Kelce für ein weiteres Jahr.
Die Titelkandidaten rüsten auf
Verschiedene Topteams erlebten enttäuschende Saisons. Unter anderem die Buffalo Bills um Quarterback Josh Allen. Der bekommt in DJ Moore nun einen neuen Wide Receiver, ausserdem wurde die Defensive mit den Routiniers Bradley Chubb (Linebacker) und C. J. Gardner-Johnson (Safety) verstärkt. Die San Francisco 49ers, die in der zweiten Playoff-Runde ausschieden, sicherten sich die Dienste von Wide Receiver Mike Evans.
Die Los Angeles Rams scheiterten in den Playoffs erst im Halbfinal am späteren Sieger Seattle. Nun wollen sie es aber noch einmal wissen, bevor der 38-jährige Quarterback Matt Stafford doch irgendwann zurücktritt. Die Defensive wurde mit zwei teuren Cornerbacks verstärkt, die beide aus Kansas City kamen. Trent McDuffie per Trade, Jaylen Watson als Free Agent.
Hier gibt's die Gesamtübersicht über alle neuen Verträge während der bisherigen Free Agency.
- Adebayos 83 Punkte sind nichts wert? Dann sind es die 100 von Wilt Chamberlain auch nicht
- Statt auf einen Playoff-Platz zu klettern, verlieren Josis Predators gegen den Letzten
- Adebayos 83 Punkte sind nichts wert? Dann sind es die 100 von Wilt Chamberlain auch nicht
- «Es wird unglaublich» – NHL-Boss schwärmt vom neuen Stadion der Calgary Flames
