Adebayos 83 Punkte sind nichts wert? Dann sind es die 100 von Wilt Chamberlain auch nicht
In der Nacht auf den gestrigen Mittwoch hat Bam Adebayo die Basketball-Welt geschockt. Der 28-jährige Star der Miami Heat, der zwar auch offensiv über gute Qualitäten verfügt, bisher aber eher für seine herausragende Defensive bekannt war, erzielte 83 Punkte in einem NBA-Spiel. Mehr gelangen zuvor nur Wilt Chamberlain mit 100 Zählern im Jahr 1962. Es ist ein historischer Erfolg und doch wird er von vielen kleingeredet. Dabei ist dies unangebracht.
War es die beeindruckendste Leistung der NBA-Geschichte? Nein! War es imposanter als das 81-Punkte-Spiel von Kobe Bryant im Januar 2006, mit dem es nun naturgemäss verglichen wird? Wahrscheinlich nicht. Trotzdem zeigte Adebayo beim 150:129-Sieg einen überragenden Auftritt, der allergrösste Anerkennung verdient – und nicht, dass behauptet wird, dass dies im heutigen Basketball doch gar nicht so schwierig sei.
Ja, Adebayo hat mit 43 Freiwurfversuchen einen neuen NBA-Rekord aufgestellt. 36 davon verwandelte er, was ebenfalls Bestwert ist. Wer sich das Spiel nochmal anschaut, sieht, dass sich der 2,06-m-Mann die meisten Freiwürfe erarbeitet hat. Ex-NBA-Profi Lou Williams sagte: «Das waren echte Fouls. Sie konnten ihn nicht aufhalten.» 29 davon kamen in der zweiten Halbzeit, als die Wizards wiederholt mit mehreren Spielern verhindern wollten, dass Adebayo für einfache Punkte zum Korb ziehen kann – und ihn oftmals auf unerlaubte Weise aufhielten.
Adebayo nutzte dies ebenso aus wie die ungeschickt agierenden Gegner. Aber das gehört zum Spiel. Ohne eine Vielzahl an Freiwürfen ist eine solche Punkteausbeute ohnehin utopisch. Auch Bryant (18 Freiwürfe) und Chamberlain (28) erzielten viele Punkte nach Fouls des Gegners. In der Saison 2005/06, als Bryant seine persönliche Bestmarke setzte, gab es übrigens knapp drei Freiwürfe pro Spiel mehr als in der laufenden Spielzeit. In Chamberlains Jahren waren es nochmal deutlich mehr. Und selbst mit der Hälfte an Freiwürfen wäre der Miami-Star immer noch auf überragende 65 Zähler gekommen.
Every foul that led to Bam Adebayo free throws
— Heat Clips 🎬 (@MiamiClip) March 11, 2026
safe to say all fair calls pic.twitter.com/8fkyyfg9Ow
Oftmals heisst es auch, im Vergleich zu früher werde heute kaum noch verteidigt. Dafür gibt es tatsächlich Argumente. So viele Punkte pro Spiel wie in dieser Saison (115,3) gab es gemäss basketball-reference.com zuletzt 1969/70 (116,7). Das für die härtere Defense häufig angeführte «Hand-Checking», bei dem der Verteidiger eine Hand ständig an der Hüfte des Gegners hält, war aber schon in Bryants 81-Punkte-Spiel nicht mehr erlaubt.
Dennoch sind hohe Punktzahlen einzelner Spieler heute häufiger. In den letzten zehn Jahren erzielten nun sechs Profis mindestens 70 Punkte in einem Spiel. Abgesehen von Wilt Chamberlain passierte dies zuvor in der Geschichte der 1949 ins Leben gerufenen nordamerikanischen Liga nur viermal. Dabei darf nicht ausser Acht gelassen werden, dass die Spieler heute athletischer und versierter sind. Ausserdem ist auch Basketball wie viele andere Sportarten schneller geworden. Trotzdem schaffte nach Chamberlain bis Adebayo keiner mehr 83 Zähler – egal, auf welche Art und Weise.
«In einigen Jahren wird sich niemand mehr erinnern, wie viele Freiwürfe er genommen hat», sagte Milwaukee-Star Giannis Antetokounmpo, «am Ende des Tages hat er 83 Punkte erzielt und seinem Team zum Sieg verholfen.»
Gegen Washington war Adebayo von Beginn weg überragend. Im 1. Viertel verwandelte er zehn von 16 Versuchen und erzielte 31 Punkte. Zur Pause stand er bereits bei 43 Zählern, wovon zwölf Freiwürfe waren. In der Folge ging es dem Center und seinen Teamkollegen bald nur noch darum, seinen Punktestand nach oben zu schrauben. Das ist üblich, wenn ein Spieler in diese Gefilde vorstösst. Erst recht bei einem wie Adebayo, der wie kaum ein anderer für die Werte der Miami Heat – Kampfgeist, Einsatz, Teamwork – steht.
2017 wurde der Center von Miami an 14. Stelle im Draft ausgewählt, zweimal stand er mit den Heat in den NBA-Finals, ausserdem wurde er mit der USA zweimal Olympiasieger. Nationaltrainer Steve Kerr lobte nun: «Er ist ein phänomenaler Kerl, Teamkollege und Weggefährte.»
Die Spieler der Miami Heat begingen im Schlussviertel wiederholt Fouls, damit Adebayo den Ball wieder bekam, ohne dass gross Zeit verloren ging. Der warf Mal um Mal, teils aus unmöglichen Situationen. Von 46 Würfen traf er immerhin 20. Die Foul-Taktik verwendeten gemäss Überlieferungen auch Chamberlain und seine Philadelphia Warriors. Chamberlain warf alleine im letzten Viertel 21 Mal, insgesamt nahm er 63 Würfe. Wer also Adebayos Auftritt klein redet, tut dies auch mit jenem von Chamberlain, von dem keine Bilder existieren.
Auch, dass Adebayo weiterhin sein Unwesen trieb, als das Spiel längst entschieden war, ist logisch. «Ich habe nicht einmal daran zu denken gewagt, ihn aus dem Spiel zu nehmen», sagte Trainer Erik Spoelstra danach. Sein Schützling spielte ab Mitte des zweiten Viertels bis kurz vor Ende des Spiels durch. Bryant blieb beim 122:104-Sieg gegen Toronto gar bis zum Schluss auf dem Feld, nahm im Schlussviertel 13 der 17 Würfe seines Teams und ging 13 weitere Male an die Freiwurflinie. Selbst dem grossen Kobe Bryant war klar, dass er eine solche Chance wohl nicht noch einmal erhalten würde. Deshalb sollte auch Adebayo nicht dafür kritisiert werden, alles für eine möglichst hohe Punkteausbeute getan zu haben.
Nach dem Spiel dachte Adebayo dann an sein 2020 verstorbenes Idol, das er soeben als bester Skorer in einem Spiel nach Wilt Chamberlain abgelöst hatte. «Ich wüsste gern, was Kobe mir gesagt hätte», sagte der 28-Jährige, der glaubte: «Er würde wahrscheinlich sagen, ich soll es nochmal tun.» Nur schon in der Sphäre des fünfmaligen NBA-Champion zu sein, empfinde Adebayo als surreal.
Bryants 81 Punkte blieben 20 Jahre lang unangefochten, das Spiel wird weiterhin legendär sein. Ob Adebayo mit seinen 83 Zählern denselben Status erreicht, ist aufgrund der vielen Kritikpunkte schwer vorherzusagen. Jetzt sollte er für seinen geschichtsträchtigen Auftritt aber uneingeschränkt gefeiert werden. Und dass Bryant nun von einem Spieler abgelöst wird, der viel Wert auf die Defensive legt und gemäss Antetokounmpo «das Spiel Basketball nie betrügt und auf die richtige Weise spielt», könnte eigentlich auch die Fans der älteren NBA etwas versöhnlicher stimmen.
