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Ringmeister Zaugg in der chinesischen Eisenbahn.
Ringmeister Zaugg in der chinesischen Eisenbahn.Bild: sportfanatics.ch
Ringmeister Zaugg

Fliegen auf eisernen Rädern – eine Reise ins Wunderland der Eisenbahn

Die Eisenbahn symbolisiert den rasanten Aufstieg Chinas. Die Fahrt mit mehr als 300 km/h ist zugleich eine Zeitreise.
10.02.2022, 17:36
klaus zaugg, peking

Das Geräusch, gleichmässig und beruhigend wie ein Pulsschlag vergisst der Chronist nicht mehr. «Dadag – Dadag – Dadag».

Ein Geräusch aus der Zeit der Eisenbahnromantik. Als China noch nicht war, was es heute ist. Der Chronist reist mit der Eisenbahn von Peking nach Moskau. Vor zweiundzwanzig Jahren. Der Zug rollt gleichmässig dahin nach Nordwesten. Vielleicht mit 100 km/h. Tempoanzeige gibt es keine. Mit Zwischenhalt bei der Chinesischen Mauer und weiter Richtung Ulan Bator. Eisenbahnromantik mit Speisewagen. Im Abteil 1. Klasse. Mit eigener Toilette und Polstersessel. «Dadag – Dadag – Dadag». Eine ganze Reisetasche voller Bücher. Lesen, liegen, lauschen. Die Reise nach Moskau wird sieben Tage und acht Nächte dauern.

In hohem Tempo zischt die Landschaft vorbei.
In hohem Tempo zischt die Landschaft vorbei.Bild: sportfanatics.ch

«Dadag – Dadag – Dadag». Wie ein Schlaflied für einen einsamen Chronisten, verloren zwischen den Welten von Marco Polo und Doktor Schiwago.

Zweiundzwanzig Jahre später. Der Chronist reist wieder mit der Eisenbahn. Wieder von Peking nach Nordwesten. Das Ziel ist nicht mehr Moskau. Nur Zhangjiakou etwas mehr als 200 Kilometer von Peking entfernt. Der Ort der fliegenden, über den Schnee eilenden und rutschenden Olympischen Menschen. Ski nordisch. Snowboard. Einige sind sogar mit einem Gewehr bewaffnet: Biathlon.

Den Chronisten interessiert mehr die Eisenbahn. Er hat fantastische Geschichten gehört. Mit mehr als 300 km/h soll die Eisenbahn dahinbrausen. 300 km/h! So schnell ist der Chronist noch nie gefahren. Die SBB-Züge erreichen Spitzen von etwas mehr als 200 km/h. Aber von 300 km/h sind sie fast so weit entfernt wie eine Cessna von der Schallmauer.

Tempo über 300? Ob das wahr ist? Oder bloss kommunistische Eisenbahn-Propaganda? Und wie ist das Geräusch wohl bei einem so hohen Tempo? Macht es dann endlos «Dadagdadagdadag» statt rhythmisch «Dadag – Dadag – Dadag»?

Das Ticket ist gratis. Eine Reservation über eine App reicht. Der Zug ist ausschliesslich für Menschen vom Archipel Olympia reserviert. Wir dürfen ja die chinesische Erde nicht betreten. Wir sind die Ausserirdischen. Aber wir dürfen mit der Eisenbahn durch das verbotene Land fahren.

Die Inneneinrichtung ähnelt der Holzklasse in einem Langstreckenflugzeug. Eigentlich unspektakulär. Keine Eisenbahnromantik. Kein Speisewagen. Im Auto müssen wir uns auch dann anschnallen, wenn wir bloss mit 30 km/h sorgsam durch die Innenstadt rollen. In Chinas modernster Eisenbahn gibt es selbst bei einer Beschleunigung auf über 300 km/h keine Gurtentragpflicht. Es gibt nicht mal die Möglichkeit, sich anzuschnallen.

Wird diese Eisenbahn tatsächlich auf über 300 km/h beschleunigen? Kann das sein? Eigentlich nicht.

Als die ersten Eisenbahnen, noch mit Dampf betrieben, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in England fahren, gilt ein Tempo von 40 km/h als geradezu atemberaubend und irrsinnig. Ärzte warnen vor schweren Gesundheitsschäden. Körperlichen und seelischen. Gemüt und Organismus des Menschen seien einer so schnellen Fahrt nicht gewachsen. Die vorbeifliegende Landschaft werde die Sinne verwirren und schädigen. Schwindelanfälle, Kopfweh und Gleichgewichtsstörungen seien unvermeidlich. Ach, was hätten die Herren damals gesagt, hätte ihnen jemand erklärt, es werde keine 200 Jahre dauern, bis die Eisenbahn schneller als 300 km/h fahren werde? Und das erst noch in China hinten!

Aber es ist wahr. Es ist, wie es ist. Ja, wir brausen mit über 300 km/h dahin. Exakt 349 km/h lesen wir auf dem digitalen Tacho. Bei diesem Tempo gibt es keine Aussensignalisationen mehr wie bei der klassischen Eisenbahn. Weil der Lokführer auf Signale nicht mehr zu reagieren vermag.

Mit 349 km/h rauscht der Zug dahin.
Mit 349 km/h rauscht der Zug dahin.Bild: sportfanatics.ch

Wie ist so eine Fahrt? Unspektakulär. Ähnlich wie mit der helvetischen Bundesbahn zwischen Bern und Zürich. Aber ruhiger, angenehmer. Nahezu geräuschlos. Nur ein leises Rauschen. Sozusagen die Banalität des Rasens – wenn man das denn so sagen darf. Fast wie im Flugzeug über den Wolken. Kein «Dadagdadagdadag» und erst recht kein «Dadag – Dadag – Dadag». Es ist, als ob wir auf eisernen Rädern durch die Landschaft fliegen würden. Wie auf einem Luftkissen. Ein Gefühl, fast so wie es die Band «Taxi» in einem Klassiker besingt:

Dr Ventilator summet liislig
Es isch als gäb's mi nüme meh
I nime no e Campari Soda
Wit unger üs ligt s Näbelmeer
Dr Ventilator summet liislig
Es isch als gäb's üs nüme meh
I nime no e Campari Soda
Wit unger mir ligt s Wulchemeer
Dr Ventilator summet liislig
Es isch als gäb's mi nüme meh.

Campari Soda gibt es allerdings in der Chinesischen Eisenbahn nicht.

Die Eisenbahn ist in England erfunden worden und heute sind die britischen Eisenbahnen in einem beklagenswerten Zustand. Sagt das etwas über das Land? Wir wollen nicht politisieren.

China baut die modernsten Eisenbahnen der Welt. Sagt das etwas über das Land? Wir wollen nicht politisieren.

Nur so viel: Die Eisenbahn symbolisiert den rasanten Aufstieg Chinas.

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