Schweiz
Sport

SRF-Chefredaktor rechtfertigt Enthüllung im Fall Fischer

Interview

«Wir hatten keine andere Wahl»: SRF-Chefredaktor rechtfertigt Enthüllung im Fall Fischer

Erstmals äussert sich SRF-Chefredaktor Tristan Brenn zur Affäre um Hockeytrainer Patrick Fischer. Er erklärt das Vorgehen seines Reporters, den Publikationsentscheid – und übt in einem Punkt Selbstkritik.
25.04.2026, 08:0825.04.2026, 08:08
Patrik Müller / ch media

Der Fall Patrick Fischer ist auch zu einem Fall SRF geworden. Die Kritik an der Rolle des SRF hat sich verschärft, doch Sie haben bislang geschwiegen. Warum?
Tristan Brenn: Ich bin zur Zeit in einem seit langem geplanten Sabbatical, war aber in alle Entscheide zur Berichterstattung über Patrick Fischer eingebunden. Die Chefredaktion hat gemeinsam entschieden, und mein Stellvertreter und TV-Nachrichtenchef Gregor Meier hat dazu klar und öffentlich Position bezogen.

Tristan Brenn ist Chefredaktor TV von SRF.
Tristan Brenn ist Chefredaktor TV von SRF.bild: srf/gian vaitl

Jetzt haben Sie sich trotzdem entschieden, ein Interview zu geben.
Mich stört, und mir macht es zunehmend Sorgen, wie Journalistinnen und Journalisten, die eine unbequeme Recherche ans Licht bringen, öffentlich an den Pranger gestellt und als Denunzianten diffamiert werden. Genau das ist Pascal Schmitz passiert. Das beschädigt nicht nur einzelne Personen, sondern ist auch gefährlich für den unabhängigen Journalismus insgesamt. Jeder, der recherchiert, wird sich fragen: «Möchte ich je in eine solche Situation geraten?»

SRF-Journalist Pascal Schmitz habe sich «professionell verhalten und seinen Job als Journalist gemacht», sagte vor einer Woche Ihr Stellvertreter. Gilt diese Aussage noch, nachdem die Integrität des Journalisten inzwischen stark beschädigt ist, weil er einst rassistische und sexistische Posts auf Facebook veröffentlicht hat?
Selbstverständlich gilt diese Aussage noch. Klar ist: Diese Posts sind indiskutabel, und wir distanzieren uns klar von diesen. Die privaten Social-Media-Äusserungen haben jedoch nichts zu tun mit der Recherche zu Patrick Fischer und dessen Straftat. Sie widerlegen keine Fakten, verändern keine Dokumente und entkräften kein öffentliches Interesse. Die privaten Facebook-Einträge haben zudem keinen SRF-Bezug und wurden vor 15 Jahren und vor seiner Zeit bei SRF gepostet.

Die Facebook-Posts waren bis vor wenigen Tagen öffentlich. Hätte SRF vor Schmitz’ Anstellung nicht darauf stossen müssen?
Pascal Schmitz hat vor 13 Jahren bei Radio SRF begonnen, ich war da nicht involviert. Sicher ist, dass SRF über einen professionellen Rekrutierungsprozess verfügt.

Pascal Schmitz wurde nun als «Schweiz aktuell»-Moderator vom Bildschirm abgezogen. Damit ist eigentlich klar: Eine weitere Zusammenarbeit ist fast undenkbar.
Den Entscheid, dass Pascal Schmitz diese Woche nicht moderiert, haben wir schon letzte Woche gemeinsam mit ihm gefällt. Auch, um ihn nach den massiven Angriffen zu schützen. Wir stehen mit Pascal in engem Kontakt und analysieren den Sachverhalt sowie die aktuellen Vorwürfe. Wann Pascal das nächste Mal am Bildschirm zu sehen sein wird, ist noch offen.

Heisst das, ihm wird gekündigt?
Wie gesagt, stehen wir mit Pascal Schmitz in engem Austausch. Ich möchte an dieser Stelle auch betonen, dass sich Pascal nie etwas hat zu Schulden kommen lassen bei SRF. Er ist ein guter Journalist und ein starker Moderator. Als die junge Radsportlerin Muriel Furrer an der Rad-WM tödlich gestürzt ist, war es Pascal, der in der Tagesschau live zugeschaltet war. Klug, empathisch. Er fand den richtigen Ton und blieb gleichzeitig journalistisch-kritisch.

In der Sendung «10vor10» liess sich Journalist Pascal Schmitz zu seiner Recherche über Patrick Fischer interviewen.
In der Sendung «10vor10» liess sich Journalist Pascal Schmitz zu seiner Recherche über Patrick Fischer interviewen.bild: srf

Schmitz hat sich in einem «10vor10»-Interview, im «Tages-Anzeiger» und im «Blick» als «Enthüller» in Szene gesetzt. Jetzt ist der Schaden umso grösser. Hätte ihn SRF nicht aus der Berichterstattung herausnehmen und so schützen müssen?
Pascal Schmitz hat sich nicht als Enthüller inszeniert, sondern hat sich und die Zusammenhänge im Fall Fischer erklärt. Im Nachhinein stelle ich fest, dass wir in der Chefredaktion die wütenden Reaktionen wohl unterschätzt haben. Am Abend der Entlassung von Patrick Fischer sah es für uns anders aus. Wir mussten schnell reagieren.

Es hätte auch ein Chefredaktionsmitglied auftreten können.
Pascal hatte die Geschichte recherchiert, er wusste am besten Bescheid, es ging ja auch um die Frage, warum Fischer überhaupt entlassen wurde. Und Pascal war schliesslich bei dem Treffen mit Fischer dabei, niemand hatte dazu eine höhere Glaubwürdigkeit als er. Sein Auftritt in «10vor10» war auftrittsstark und sehr informativ.

Der Entscheid zur Publikation stützte sich ja darauf, dass das Gespräch zwischen Schmitz und Fischer beim Mittagessen aus SRF-Sicht nicht off the record war. Aber plausibel ist eher, dass Fischer die Aussage als vertraulichen Hintergrund machte.
Das stimmt nicht. Ich möchte hier nochmals festhalten: Es war kein off-the-record-Gespräch. Ein solches muss vorgängig von beiden Seiten abgemacht werden. Hier hat Patrick Fischer unserem Journalisten ungefragt während eines Drehs zu einem Porträt von der Zertifikat-Fälschung erzählt. Es war ihm nicht herausgerutscht. Die beiden hatten auch kein besonderes Vertrauensverhältnis.

Was macht Sie so sicher, dass es ihm nicht herausgerutscht ist?
Das ergibt sich aus dem Verlauf des Gesprächs.

Fürchten Sie, dass dieser Fall dazu führt, dass Gesprächspartner gegenüber SRF zurückhaltender werden?
Es war kein Vertrauensbruch. Wir hatten gar keine andere Wahl, als zu publizieren. Als öffentliches Medium kann SRF nicht einen relevanten, belegten Sachverhalt kennen und ihn bewusst verschweigen. Das würde den Eindruck der Schonung eines Verbands oder einer prominenten Person erwecken, es wäre das Gegenteil von unabhängigem Journalismus.

Warum wurde das geplante Fischer-Porträt in «10vor10» abgesagt und stattdessen auf die Enthüllung gesetzt? SRF hätte ja Fischers Impf-Skepsis und seinen Strafbefehl im Rahmen des geplanten «10vor10»-Beitrags thematisieren können.
Wir haben Fischer und den Verband einen Tag nach dem Dreh, also vor mehr als einem Monat, mit den Aussagen Fischers konfrontiert. Da hatten wir aber noch keinen Beleg, sondern nur die Aussage von Fischer. Er und der Medienchef wollten das gesamte Porträt zurückziehen, falls wir die Zertifikat-Fälschung thematisieren. Darauf liessen wir uns nicht ein. Ein Porträt über Fischer, dessen Thema auch seine Spiritualität und Esoterik war, konnten wir mit dem Wissen, das wir hatten, und das wir aber nicht hätten verwenden dürfen, unmöglich publizieren. Wir hätten uns als Journalistinnen und Journalisten nicht mehr in den Spiegel schauen können.

Worin liegt genau das öffentliche Interesse an der Enthüllung? Die Feststellung im Nachhinein, dass die Medien die SRF-Geschichte breitflächig aufnahmen, kann ja nicht das Kriterium sein.
Patrick Fischer ist eine öffentliche Person, hat mit seiner Straftat damals die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Peking gefährdet, er hat die Gesundheit anderer riskiert, und er hat die Öffentlichkeit in die Irre geführt. Es gab ein bestimmtes öffentliches Bild von Patrick Fischer, das mit seiner gelebten Realität nicht übereinstimmte. Und ja, schauen Sie die Reaktionen auf den Fall. Das öffentliche Interesse ist hier zweifellos gegeben, auch wenn es einigen Hockeyfans lieber gewesen wäre, wir hätten die Geschichte unter den Teppich gewischt.

SRF selbst hat den Fall Fischer auf allen Kanälen – Radio, Fernsehen, Online, Social Media – sehr kraftvoll abgehandelt. Man bekommt den Eindruck einer Kampagne.
Dem muss ich in aller Form widersprechen. SRF hat zu Beginn auf allen Kanälen publiziert, was aufgrund des öffentlichen Interesses absolut nachvollziehbar ist. In den Folgetagen waren wir jedoch zurückhaltend. Kraftvolle Kommentare kamen von den meisten anderen Medien, die von Anfang an Konsequenzen für Fischer verlangten. Zudem: Weder SRF noch Pascal Schmitz haben den Rücktritt von Patrick Fischer verlangt – dies war ein Entscheid des Hockey-Verbands.

Ihre Sender und Kanäle haben eine enorme Macht. Stimmen, die sich hinter Patrick Fischer stellten oder die Ihre Enthüllung kritisierten, waren kaum zu vernehmen. Die «Weltwoche»-Enthüllungen zu Pascal Schmitz wurden in fast allen Medien aufgegriffen, nicht aber vom SRF selbst.
Wie gesagt: SRF hat die Geschichte um Patrick Fischer ins Rollen gebracht, hielt sich jedoch in den Folgetagen zurück. Die Vorwürfe der «Weltwoche» zielten auf einen Mitarbeiter von uns. Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes besprachen wir diese Angelegenheit mit dem Direktbetroffenen.

Nach welchen Kriterien entscheidet SRF, wann es über Kritik an sich selbst berichtet?
Wir betrachten unsere Arbeit immer auch selbstkritisch. Kritik hat auch in unseren eigenen Sendungen Platz. So beispielsweise im «Club» vom letzten Dienstag. Da haben sowohl Eishockey-Journalist Klaus Zaugg (arbeitet für diese Zeitung, die Red.) als auch Eishockey-Experte Alex Chatelain SRF deutlich für die Publikation kritisiert.

Kritisiert wird SRF auch deshalb, weil Fischer an den Sports Awards noch zum Trainer des Jahres gekürt wurde und jetzt kurz darauf abgeschossen wird.
Wir hatten den Strafbefehl, also den Beleg für die Fälschung des Covid-Zertifikats, ohne den wir die Geschichte nicht publiziert hätten, erst nach den Sports Awards. Und auch dann dauerte es aufgrund der notwendigen Recherchen noch eine Weile, bis wir berichten konnten. Und nochmals: Weder SRF noch Pascal Schmitz haben den Rücktritt von Patrick Fischer verlangt.

Sind Sie froh, dass der ganze Wirbel erst nach und nicht vor der Abstimmung über die Halbierungsinitiative stattfindet?
In der Sache hätten wir auch damals gleich entschieden. Was den Stresspegel angeht, bin ich aber nicht unfroh darüber.

Würden Sie nochmals alles gleich machen?
Mit Sicherheit würden wir den Fall aufgrund des öffentlichen Interesses wieder publizieren. Selbstkritisch bin ich bezüglich des «10vor10»-Auftrittes von Pascal. Dieser war inhaltlich und publizistisch richtig, machte unseren Reporter aber zu sehr zur Zielscheibe. (aargauerzeitung.ch)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
170 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Jacques #23
25.04.2026 08:38registriert Oktober 2018
Da spielt die unehrliche Zauggsche Seifenoper rein, er hat noch diese Woche kräftig Öl rein gegossen mit Vermutungen und Beschuldigungen.

Die Weltwoche spielt MAGA, zudem ist Mörgeli aus Gründen hässig auf die SRG.

Dann gibt es einige tausend kopfschüttelnde Fans.

Der Fall Bichsel, der wieder frisch aufkocht.

Alex Châtelain darf als Weltwoche und SVP Freund über Eishockey berichten.

Plus als solides Fundament zum Theater: das Aufflackern der Pandemie.

Weshalb muss nur das SRF Stellung nehmen und die anderen Journis und Experten nicht?

Der Fall steckt voller Eigeninteressen.
13931
Melden
Zum Kommentar
avatar
Militia... is back!
25.04.2026 08:50registriert August 2025
Jedenfalls gut, dass das nicht vor der Abstimmung passiert ist. Hätte sicher noch den einen oder anderen zum Umdenken bewogen.
5631
Melden
Zum Kommentar
avatar
IamWeasel
25.04.2026 10:11registriert November 2020
Das ambivalente Verhalten der Fischer Verteidiger stört mich. Es wurde ein Sündenbock gefunden bzw. kreiert. Emotionen sind ok aber diese Gehässigkeit und die Menge erinnert mehr an eine Trollfabrik als vernünftige Abwägung. Der Journalist hat de Coach ja nicht entlassen.
3620
Melden
Zum Kommentar
170
Lugano ist erneut ein Stolperstein – Thuns Meisterparty ist vertagt
Der FC Thun hat es verpasst, den ersten Matchball zum Meistertitel zu verwandeln: Das Heimspiel gegen den FC Lugano geht 0:1 verloren.
Ein Sieg wäre nötig gewesen, damit sich die Berner Oberländer zum ersten Mal in ihrer Vereinsgeschichte zum Schweizer Meister hätten krönen können. Über 10'000 Fans gingen ins Stadion, um diesen womöglich historischen Moment live mitzuerleben. Doch die Tessiner – das einzige Team der Liga, das in dieser Saison eine positive Bilanz gegen Thun vorweisen kann – machten der vorzeitigen Party einen Strich durch die Rechnung.
Zur Story